Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 5 (26.1.1875)
- Date
- 1875-01-26
- Page
- Seite 73 (sequence 9)
- Language
- German
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73 reicher Juden anerkennen, wie ein solcher kaum jemals geübt worden. Es ist dies ein starker Ausdruck; aber nach Durchlesung des Folgenden wird man ihn nicht zu stark finden. — Wir haben schon mehrerer Bemerkungen aus amerikanischen Blättern erwähnt, daß für die Armen in Amerika bei den Juden gottesdienstlich gar nicht gesorgt wird, und daß vor den letzten Herbstfeierlagen ein Aufruf erging, einen Verein zur Beschaffung freier Synagogen für die Armen zu bilden, ein Aufruf, der bis jetzt keinen Anklang gefunden. In dem vorliegenden Artikel geht man nun der Sache etwas näher auf den Grund. Es wird da zuvörderst angegeben, daß in New-Aork 7 5 °/<> der dortigen Juden zu keiner Gemeinde gehören, folglich keinen Gottesdienst besuchen und ihren Kindern keinen Religionsunterricht ertheilen lasten können! Dies ist doch gewiß das traurigste, das erschreckendste Ergebniß der unbedingten Freiheit! Aber allerdings nicht unmittelbar der Freiheit, also nicht etwa der Religionslosigkeit dieser Menge von Bekennern des Juventhums. Der Grund liegt vielmehr in Folgendem. Das Begräbnis auf dem jüdischen Friedhöfe, muß man voraufschicken, hängt nicht von der Gemeindeangehörigkeir ab. Eine große Anzahl von Wohllhätigkeilsvereinen bestattet nämlich für eine geringfügige Summe einen Jeden auf den von ihnen angelegten Friedhöfen, wovon sie immer noch einen hübschen Nutzen für ihre Kasten ziehen. Die Gemeinden selbst wetteifern nun in der Herstellung der prächtigsten Synagogen. Da sieht man ein monumentales Bauwerk nach dem anderen erstehen, mit verschwenderischer Pracht ausstatten und nach nicht gar langer Zeit wieder restauriren. Es werden die größten und kostspieligsten Orgeln anaeschafft, die bedeutendsten Chöre mit großen Kosten beschafft, Prediger mit enormen Gehaltern importirt und um die am jüngsten importirten geworben! Dies macht selbstverständlich den Haushalt der Gemeinden außerordentlich hoch und nöthigl sie, die Platze in diesen Synagogen, d. i. die Mitgliedschaft ihrer Gemeinde an einen übermäßig großen Jahresbeitrag zu knüpfen. Dieser Umstand befördert wieder jenen Wetteifer um den äußeren Glanz des Cultus, um die reichsten und freigebigsten Mitglieder zu fesieln, da diese nach kurzem Zeiträume, wenn sie wollen, zu einer anderen Gemeinde übergehen können. Diese Berhaltniffe machen es allen wenigen Bemittelten unmöglich, einer Synagogengememde anzugehören, einen Sitz zu erwerben, ihre Kinder in der Religionsschule der Gemeinde unterrichten zu lasten. Man wende nicht ein, daß in jeder guwrganisirten europäischen Gemeinde es eine Reihe von Plätzen in deren Synagogen giebr, welche für die Unbemittelten bestimmt sind, und daß die Preise für die Platze so geordnet werden, daß sie eine aufsteigende Skala bilden. Alles dies ist bei den ungeheuren Bevürsniffen solcher amerikanischen Synagogen nicht möglich, wenn sie bestehen wollen, und unter gleichen Berhältniffen würden sich diese Einrichtungen auch üi den großen Städten Europas, wo sich Masten unserer Glaubensgenosten zusammendrängen, nicht halten lasten. Als Beweis hierfür können wir die Synagoge eines großen Meßplatzes und die zahlreichen Miethsynagogen zur Zeit der hohen Festtage in Berlin, Wien und an einigen anderen Orten anführen. Da stehen die Dinge gerade ebenso, und kann Niemand darin Platz finden, der nicht ein bedeutendes Geldopfer zu bringen im Stande ist. Der Artikel des H. L. richtet nun einen warmen Aufruf an die Vorstände und Prediger und hat die Ueberschrift: „Freie Synagogen, freie Predigt, freier Religionsunterricht!^ <Es läßt sich nicht erwarten, daß dieser Artikel sofort eine umgestaltende Wirksamkeit haben werde; es müßte für diesen Gedanken eine ausdauernde und umfaffende Agitation vor sich gehen, um zu abhelfenten Ergebnissen zu führen. Ueberall, wo der äußere Pomp des Gottesdienstes eine Oberhand gewinnt, wo die Zusammengehörigkeit zur Gemeinde in die Brüche geralhen ist und sich ver Begriff einer Gemeinde nur au die bezahlte Stelle im Tempel knüpft, sind solche Zustände unausbleiblich. Wir haben nicht das Recht, an der Richtigkeit der obigen Schilderung zu zweifeln. Wohl aber möchten wir dennoch, so schmerzlich dies auch ist, die volle Wahrheit der Moü virung bezweifeln, nämlich, daß nicht Religionslosigkeit, sondern nur die Unmöglichkeit, hohe Jahresbeiträge zu zahlen, an dieser erschreckenden Erscheinung Schuld habe, daß 75 " o zu keiner Gemeinde gehören, keines Gottesdienstes und Religionsunterrichtes theilhaftig sind. Denn, wenn wir selbst anuehmen, daß diese Angabe von 75 % nach amerikanischer Weise übertrieben ist, wenn wir sie selbst auf 50 oder gar 40 herabmindern, so ist dies schon überaus beklagenswerth. Wir meinen jedoch, daß, wo ein wirkliches dringendes Bedürfniß vorhanden, dies sich immer Raum und Befriedigung schafft, wozu die praktischen Amerikaner doch sehr geeignet sind. Wenn eine große Maste wenig Bemittelter das Bedürfniß nach gottesdienstlicher Befriedigung fühlt, warum schafft sie sich nicht wohlfeile Synagogen, einfache Betlokale mit simpler Ausstattung, angemeffenem Vorbeter und tüchtigem Religionslehrer? Dazu gehören keine Schätze, das bringt eine kleine Anzahl Dorfleule bei uns in Europa zu Stande. Bleiben alsdann die Armen übrig; und für diese könnten sich doch die vielen Gemeinden vereinigen, je nach den Vierteln, in denen sich ihre Synagogen befinden, eine Anzahl Plätze frei zu lasten, für welcke die Armen sich nur zu melden brauchten. So weit wir die Verhältnisse in Amerika zu beurtheilen vermögen, halten wir dies für angemessener, als aus die Herstellung einer Anzahl Freisynagogen zu dringen, wozu sich die Mittel schwerer finden werden, und was diesen Synagogen einen eigenthümlichen Charakter aufprägen würde, der ihnen just keinen großen Besuch verheißen möchte. Es ist auch dem Charakter des Judenthums nicht entsprechend, einen Unterschied zwischen Synagogen für Bemittelte und für Arme zu machen. Ist es schon beklagenswerth, aber nach der realen L'age rer Dinge unvermeidlich, daß in den jüdischen Gotteshäusern nicht Alles