Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 5 (26.1.1875)
- Date
- 1875-01-26
- Page
- Seite 72 (sequence 8)
- Language
- German
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72 Oesterreich-Ungarn. Aus Galizien, im Januar. (Privatmittheil.) Wie es in diesem Blatte wiederholt ausgesprochen worden, sind die nationalökonomischen Verfolgungen, welche die Polen gegen die Juden beabsichtigten, ohne Erfolg geblieben. Hier und da sprühte ein Funke auf; in einem Dorfe versagte man einem Juden den ländlichen Arbeiter; in einem Städtchen versuchte der polnische Kramer dem jüdischen die Kundschaft abzufangen; ein fanatischer Gutsbesitzer schwor, sein Getreide durch keinen Juden verkaufen zu lassen. Aber alles dies ging schnell vorüber; das Bedürfniß sprach das unerbittliche Gesetz der Nothwendigkeit aus. Die Polen scheinen daher anzuerkennen, daß sie die Juden weder durch Wort noch durch That zu sich herüberzwingen können, und wollen es deshalb wieder einmal mit Freundlichkeit und entgegenkommenden Schritten versuchen. Die Brandbriefe Doberzanski's haben aufgehört und die Gazeta Narodowa giebt ihrem klerikalen Rachegeschrei keinen Raum mehr. Dagegen tritt der Dziennik Polski sehr gemäßigt, ja selbst wohlwollend gegen die Juden auf. Freilich der Pferdefuß guckt doch ein wenig darunter hervor. Sie haben schon berichtet, daß der Verein „Schomer Israel" beschlossen hat, von ver Liste seiner Mitglieder diejenigen zu streichen, welche den Ruf des Wuchers sich zugezoge» haben. Dies benutzt der Dziennik, den Verein höchlichst zu loben, aber auch zugleich die galizischen Juden sammlich des verderblichsten Wuchers zu zeihen. Der gedachte Verein chat dies durch seinen Schritt doch wahrlich nicht anerkannt; sonst müßte er ja die große Mehrzahl seiner Mitglieder streichen. Das polnische Blatt aber meint, der Verein würde außerhalb seines Sitzes wenig ausrichten, und um aus seiner Rolle nicht zu fallen, wendet er sich an die Rabbiner, und fordert sie auf, von der Kanzel und im Leben gegen den Wucher zu eifern; dann würde der Wucher verschwinden, und Galizien ein volkswirthschaftliches Eldorado werden. Man erkennt hieraus schon, daß es doch nur ein Wolf im Schafspelze ist, der sich hier vorftellt. — Doch die oben bezeichnete Neigung der Polen spricht sich auch thatsächlich aus. Der galizische Landesschulrath hat sich bis jetzt um die Juden gar nicht gekümmert. Warum sollte er es auch? Die Polen haben noch viel mehr Scheu vor den gebildeten Juden, als vor dem ungebildeten rohen Hausen derselben. Vergebens wurde immer wiederholt die Forderung an ihn gestellt, 'jüd. Religionslehrer, wie das Gesetz es bestimmt, an den Schulen, insonders an den Volksschulen anzustellen. Jetzt besinnt er sich plötzlich dieser seiner Verpflichtung und verspricht, derselben zu genügen. Wir wollen sehen ob Versprechen und Ausführen dasselbe ist. Ebenso hatte er es bis jetzt unterlassen, den Schulzwang betreffs der Juden auszuführen; für die Judenkinder sind die Chedarim gut genug. Jetzt mit einem Male beschloß er, alle gesetzlichen Zwangsmittel zum regelmäßigen Schulbesuche der jüd. Kinder anzuwenden. — Es versteht sich von selbst, daß wir Juden nichts lebhafter wünschen, als mit unsren polnischen Mitbürgern in Eintracht und Frieden zu leben, und daß wir von jeher das Wohl des Landes hiervon abhängig glaubten. Nichts desto weniger werden wir uns noch lange des Mißtrauens nicht erwehren können, da man von plötzlichen Bekehrungen nicht viel zu halten pflegt. Wir bedürfen einer längeren und ausgedehnteren Beweisführung, um Verttauen und noch dazu unbedingtes fassen zu können. Rumänien. Jassy, im Januar. Beim Appellhofe zu Jassy fand, wie die Bukarester „Epoche" erzählt, ein merkwürdiger Criminalproceß statt. Die Tochter eines gewissen Jtzig Roschu aus Tirgu-Neamzului, Namens Sura, hatte sich als orthodoxe Christin taufen lassen und dabei den Namen Maria Botezu angenommen, worauf sie in das Kloster Varatic als Novize eintrat. Einige Tage später fuhr sie mit einer Nonne aus jenem Kloster nach der benachbarten Stadt, um verschiedene Einkäufe vorzunehmen. Als sie jedoch heimkehren wollte, wurde sie auf der Straße von ihrem Vater und noch anderen sechs Juden angehalten und der Nonne entrissen. Die hiervon sofort verständigte Localbehörde überantwortete die Räuber der Himmelsbraut dem Gerichte und der jaffyer Appellhof verurtheilte den Vater derselben zu einer Geldbuße von 100 Francs, die anderen sechs Juden aber zu je drei Monaten Gefängniß und der Civilentschädigung. (Wenn man von einem jassyer Gerichtshöfe Juden gegenüber nur ein unparteiisches gerechtes Urtheil erwarten dürste! Wie die Geschichte oben erzählt wird, läßt sich voraussetzen. daß hierbei manche dunkle Mächte gespielt haben.) Amerika. New-Aork, 18. Dec. (Amerikanische Zustände.) Der „Hebrew-Leader" vom 18. December enthält einen Artikel, der uns einen liefern Einblick in die amerikanischen Zustände werfen läßt, als ganze Abhandlungen es vermögen. Es ist kein gelehrter Auffatz mit vielen Citaten, wohl aber ein einfacher, auf die Thatfachen gestützter, warm empfundener und beredt abgefaßter Artikel. Wir empfehlen ihn dringend, jedoch nicht bloß unsren amerikanischen Glaubensgenossen, sondern auch den europässchen, insbesondere den preußischen im jetzigen Augenblicke. Wenn man die Angehörigkeitspflicht zur jüdischen Ortsgemeinde beseitigt haben will, so beruft man sich gewöhnlich auf die amerikanischen Zustände — ohne aber diese genau zu kennen. Denn wer sie kennt, der wird das Unternehmen derer, welche den Parochialzwang für die Juden in Preußen aufgehoben haben wollen — wahrend er doch für die Mitglieder der christlichen Kirchen bestehen bleibt — und hierzu den Abg. Lasker verleitet haben, als einen Berrath am Judenthume und an der Religiosität zahl-