Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 5 (26.1.1875)
- Date
- 1875-01-26
- Page
- Seite 71 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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71 sieht hieraus, wie geliebt der Friede (von Gott) und wie gehaßt der Streit wird." Endlich: „Wichtig ist der Friede," denn bei allen Geboten heißt es: „Wenn Du siehst", „wenn Du begegnest", wenn Du triffst", also nur wenn eine solche Pflicht Dir vorkommt, hast Du sie auszuüben, Du brauchst sie aber nicht aufzusuchen, vom Frieden aber heißt es: „Suche den Frieden und jage ihm nach, d. h., suche ihn an Deinem Orte und jage ihm nach an einem andern." Herr l)r. Lehman befolgt ganz streng diesen Ausspruch in leider entgegengesetztem Sinn. Hierfür bemüht er sich in seinem Orte und in anderen Gemeinden, und sucht den kleinsten vorhandenen Zündstoff sorgsam anzufachen, um die Gemeinden zu trennen und die Flamme der Zwietracht in ihnen auflodern zu machen. Zum Schluffe ersuchen wir Herrn 1>r. Lehmann noch, folgende Stellen in den angeführten Midraschim nachzulefen: „Wichtig ist der Friede, denn sogar die Torten bedürfen des Friedens". „Wichtig ist der Friede, denn er ist verliehen den Bescheidenen". „Wichtig ist der Friede, denn er wird zu Theil den Lehrern der Thora". Wichtig ist der Friede, denn er überwiegt Alles". „Wichtig ist der Friede, denn der Name Gottes wird Friede genannt". „Wichtig ist der Friede, denn er wird den Bußfertigen".*) Hannover, 11. Januar. tPrivatmitth.) In dem ersten Leitartikel in 9fr. 2 dieses Blattes weisen Sie ganz richtig auf das im Judenthume so ausgedehnte Recht, die Trauung zu vollziehen. hin, so daß jeder sachverständige Jude daffelbe beanspruchen kann, und ebenso richtig bemerken Sie alsdann, daß das Jurenthum zwar Ehepaare, die eine religiöse Trauung nicht an sich vollziehen ließen, nicht als religiös getraut ansehen könne, daß jedoch Zuchtmittel und Ausschließungen sich daran nicht schließen können. Mit diesen Aeußerungen widerlegen Sie zugleich zwei in dem von den beiden Landrabbinern unserer Provinz erlaffenen und auch in dieser Zeitung mehrfach erwähnten Circulär enthaltene Behauptungen, nach deren einer sämmrliche Unterrabbiner und Lehrer, also auch die Sachverständigen, in jedem einzelnen Falle zur Vollziehung einer Trauung der Autorisation der Landrabbiner bedürfen sollen und in deren anderen gesagt wirb, daß, wer seine Ehe nicht jüdisch-religiös vollziehen laffe, kein Recht an die Synagoge geltend machen und überall nicht mehr als Mitglied der Synagogengemeinde betrachtet und behandelt werden könne. Wir hätten nichts dagegen, wenn die Synagoge eine ohne religiöse Trauung geschloffene Ehe insofern ignorirte, als das in vielen Gemeinden für die Wöchnerin beim ersten Besuche des Gotteshauses übliche Dankgeber in dem gedachten Falle unterbliebe; allein in hiesiger Gemeinde ist ein solches Dankgebet überhaupt nicht üblich, und man begnügt sich *) Wir geben diesen Artikel, fteilich ohne die Hoffnung, daß Herr Dr. Lehmann dadurch belehrt oder gebessert werde. Redaetion. mit einem dem Manne zu machenden, von der Wöchnerin nicht einmal verstandenen "t: und zwar nur, wenn letztere eine Tochter geboren hat, die bei dieser Gelegenheit einen hebräischen Namen erhält. Am jüngsten Freitag hat hier ein Leichenbegängniß stattgefunden, wie es Hannover wohl noch nie gesehen har. Es galt nämlich einem der edelsten Menschen, dem in ganz Deutschland rühmlichst bekannten Senior Bödeker, welcher, nachdem er im vorigen Jahre sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum begangen hatte, in einem Alter von fast 76 Jahren gestorben war, die letzte Ehre zu erweisen, und so hatte sich ein unabsehbarer Leichenzug, an welchem sich der Magistrat, die Kirchenvorstände, die Lehrercollegien, der Stadtcommandant, der Landorost, der Polizeipräsident, die gesammte Geistlichkeit nebst dem Rabbiner, wie auch der größte Theil der Mitglieder der hiesigen Synagogengemeinde betheiligte, gebildet, welcher am besten Zeugniß ablegte von der aufrichtigen Verehrung, welcher der als Geistlicher, wie als Mensch gleich ausgezeichnete Verstorbene sich in allen Kreisen der Bevölkerung erfreute, wie von der Trauer über den großen Verlust, den unsere Stadt erlitten hat. Wie nur Wenige hatte der Verblichene mit dem ihm verliehenen Pfunde zur Ehre Gottes und der Menschheit herrlich gewirrhschaftet und noch von späteren Geschlechtern wird der Name Bödeker's mit Ehrfurcht genannt werden, denn die segensreichen Stiftungen, die er schuf, werden Generationen überdauern und den Beweis liefern von der Macht, welche ein von edlen Empfindungen getragener und aus schöne Ziele gerichteter fester Wille auszuüben vermag. Wenn aber Einer, so verdient er es, zu den vbi?!7k r-!i7adr ■'-'Cr gezählt und darum auch in diesem Blatte erwähnt zu werden, da er, fern von jeder Intoleranz, wo er nur konnte, auch Juden mit Rath und That bereitwilligst unterstützte und mit vielen derselben während seiner ganzen Amtsthängkeit freundschaftlichst verkehrte, was vor 50 Jahren bei einem christlichen Geistlichen viel sagen will und in der Thar nicht wenig zur Verminderung des Rischus am hiesigen One beitrug. Daß er sich um die Gründung des von dem Herrn Obercommerzrath Simon in Wien hier gestifteten israelitischen Waisenhauses die wesentlichsten Verdienste erworben hat, haben wir bereits in einer früheren Correspondenz mitgetheilt, und so wünschen wir, indem wir sein Thun voll und ganz würdigen, daß er sanft ruhen möge. Die unlängst Hierselbst verstorbene Wittwe des weil. Banquiers Salomon Cohen, Rebecca geb. Cohen, ha: der Stiftung ihres im Jahre 1547 dahier verstorbenen Vaters, des Kriegsagenten Jacob Leffmann Cohen, die Summe von 4voo Reichsmark testamentarisch als Vermächtniß zugewandt. Die Jntraden genannter Stiftung finden Verwendung zur Unterstützung inländischer Israeliten, welche sich einem Handwerke oder einer Kunst widmen wollen.