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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-01-26 · Heft 5 (26.1.1875) · p. Seite 68

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 5 (26.1.1875)
Date
1875-01-26
Page
Seite 68 (sequence 4)
Language
German
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alle ihre Kräfte zur Vorbereitung für ihre Berlheidigung in einer etwaige» Stunde der Noch aufbielen muffen; in diesem gänzlichen Mangel an Berstandniß der wahren Interessen der Völker, des Rechts und der Freiheit, die noch immer dem Faustrecht militärischer Uebermachl unterworfen bleiben-, in diesem Mangel an Uebereinkuuft für schiedsrichterliche Beilegung aller internationalen Streitigkeiten — hierin liegt eben der BarbariSmus, und wir sind aus demselben noch so wenig heraus, wie das Alterthum und daS Mittelalter. So lange es Staaten und Völker giebt, die noch nach dem Gute anderer lüstern sind, Staaten, die darauf angelegt sind, nach Außen zu wachsen, Nationen, welche sich in den Berhälmiffen und Umgestaltungen anderer eine entscheidende, gebieterische Summe zueignen und dies gewiffermaßen als ihr natürliches Recht ansehen, so lange deshalb die Völker einander in Waffen gegenüberstehen müffen, eines gezwungen durch daS Verhalten des anderen — so lange, sage ich, leben die Völker noch im Barbarismus, ist ihre innere Anlage noch barbarisch. Auch dies ist nichts Neues; aber wie man auch über die „Friedensfteunde" spöttelt, so ist es doch von großer Wichtigkeit, die obige Gedankenreihe immer zu wiederholen, in ihrer Einfachheit und Nacktheit zum Bewußtsein zu bringen, denn mit der immer mehr verbreiteten Erkennmiß wird auch der Fortschritt vorbereitet. Kommen dann materielle Verhälmiffe hinzu, so kau» ein neuer Zustand schneller eintreten, als es die pfiffigen Politiker vermeinen. Vorbereitungen zu diesem lassen sich auch nicht verkennen, und ich glaube durchaus nicht, daß ich hier von einer Utopie spreche. Das zweite Moment liegt in der noch immer gewaltigen Herrschaft der Hierarchie, gestützt auf den Wahn- und Aberglauben, der in großen Massen der Völker noch verbreitet ist, noch mehr, zu dem die Bolksmaffen noch immer sehr geneigt sind. Diesen letzter» Umstand übersehen die fteisinnigen Staatsmänner, Gesetzgeber und Männer der Wissenschaft gar zu leicht, und weil sie den Ton, den sie selbst anschlagen, in ihren nächsten Umgebungen wiederhaüen hören, wahnen sie, daß er die allgemeine Stimme bedeute. Weil man im letzten Jahrhundert das Volk mehrere Male gegen die Priester hat wüthen sehen, vergißt man, daß dies nur dann geschah, wenn die Priester einen unerträglichen materiellen Druck auf das Volk ausübren, Laß das letztere jedoch überall, wo dieses materielle Joch gebrochen war, und wo es daher von den Priestern materiell nichts zu fürchten hatte, durchaus geneigt war, auf die Summe der Priester mehr als auf irgend eine andere zu hören. Und daß es so sei, dazu haben die meisten Regierungen ganz besonders beigetragen. Jetzt wundert man sich nun, auf diesem Felde schlimme Erfahrungen zu machen, und während mau von einer allgemeinen Aufklärung ttäumte, das gerade Gegentheil zu finden. Der Kampf zwischen Kirche und Staat ist ein alter; er fand schon statt, als die Völker noch gänzlich im unterwürfigen Kirchenglauben. lebten, wenn eben die materiellen Jntereffen Beider zu sehr aufeinanderstießen. Jede Periode, wo die Regierungen, sei es nach den Ansichten der Gewalthaber, sei es aus selbstischen Zwecken, weil sie die Völker für gehorsamer hielten, wenn sie von der Kirche in strengen Banden gehalten würden, der Kirche einen tiefgehenden Einfluß auf das Volksleben und die Volksbildung einräumten, entbrannte solcher Kampf mit neuer Heftigkeit, da die sich starkfühlende Kirche die Herrschaft in Anspruch nahm. Hinter einer solchen Periode stehen wir, und der neuenssponnene Kampf war unausbleiblich. Ueberschauen wir die civilisirte Welt, so können wir durchaus nicht sagen, daß die Kirche jetzt keine Chancen für sich habe. Wir sehen vielmehr noch die alten Verhältnisse, daß sie in diesem und jenem Lande gewonnen, was sie im anderen verloren hat, daß sie im einen im Vortheil, im anderen im Nachtheil steht. Wir sehen, daß sie in den ihr günstigen Völkern mir dem größten Erfolge ihren ganzen Apparat von kirchlichen Festen, Wallfahrten, Wundererscheinungen, leiblichen Heilmitteln und seelischen Gnadenmitteln u. dgl. spielen läßt, das Volk fanatisirt und selbst die höhern Schichten an ihre Interessen knüpft. Sie will überall eine Partei für sich haben, auch da, wo sie untergeordnet ist, und hat sie. — 9hm rufen Sie mich von dieser Ueberschau nach unsrem Baterlande zurück, und da erscheinen mir die Verhältnisse düster genug. Die Maigesetze sind da; der Staat kann nicht umkehrev, sonst würden die Dinge schlimmer als je. Auch hier müffen wir mit Entschiedenheit auf seiner Seite stehen. Aber dies benimmt uns unser freies Urtheil nicht, ob der richtige Weg eingeschlageu worden? Der Staat hatte der Kirche die Schule, die Ehe und die Selbstaufsicht über die Geistlichen, deren Vorbildung und Anstellung überlassen. Es war natürlich, daß hieraus die Volksmasse völlig hierarchisch erzogen, und die Geistlichkeit völlig hierarchisch gesinnt hervorging. Hierauf gestützt, verlangte die Hierarchie vom neuen deutschen Reiche eine bestimmte politische Richtung, zunächst zu Gunsten des Kirchenstaates und des für unfehlbar erklärten Papstthums. Hiermit entbrannte der Kampf. Was hätte nun der Staat thuu sollen? Zunächst für die Befferbildung der Volksmasse sorgen, damit es besser und aufgeklärter unterrichtet, nicht mehr hinter den Priestern stehe. Denn ohne jenes sind diese machtlos. Er mußte die Volksschule gänzlich von den Kirchen trennen, die Lehrer von den Priestern unabhängig machen, und die Ehe durch obligatorische Civilehe und ein bürgerliches Eherechl wenigstens der Herrschaft der Kirche entziehen. Ich gebe zu, daß diese Umbildung des Volkes durch die freigewordene Schule eine längere Zeit in Anspruch nehmen mußte, und wohl mehr als ein Jahrzehnt darüber verfließen würde, bevor die Frucht reifen könnte. Aber in Wirklichkeit hatte der Staat ja auch Zeit, und da ohne diese Umkehr des Bolksgeistes eine wesentliche Wirkung doch nicht zu erreichen war, so mußte mau sich darin gedulden. Durch Strafgelder und Gefängniß ist noch niemals eine geistige Reform durchgeführt worden. Bor Allem hätte sich aber der Staat hüten müffen, unmittelbar in das

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