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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-01-26 · Heft 5 (26.1.1875) · p. Seite 67

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 5 (26.1.1875)
Date
1875-01-26
Page
Seite 67 (sequence 3)
Language
German
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67 den Staatsregierungen, denen, welche die Staatsleitung und Verwaltung in Händen hatten, feindlich angesehen, denen gegenüber die stärksten Damme aufgeführt und alle aus der Vergangenheit überkommenen Institutionen aufrecht erhalten werten müßten. Man brandmarkte daher jene mit dem Ausdruck „Revolution", und verdammte sie eben dazu, nur durch eine Revolution Befriedigung erlangen zu können. Es waren dies nicht blos Worte, nicht blos Aeußerungen der extremen Partei, sondern Thatsache. Tie Machthaber sahen sich gedrängt, jeden Fortschritt zurückzuweisen und mit allen Mitteln zu bekämpfen, und das Volk sah sich zur äußersten Opposition getrieben. Jede Störung in den Machtverhältniffen wandelte sich daher wirklich zu einer Art von Umwälzung, auf welche dann immer wieder eine Zeit der Reaction folgte, welche die abgezwungenen Zugeständnisse wieder zu beseitigen oder möglichst abzuschwächen suchte. Diese Thatsache ist durch großartige neue Thatsachcn beseitigt. Tie Gründung des neuen deutschen Reiches strafte alle jene Voraussetzungen tilgen. Hervorgegangen aus dem Geiste der Nation, eine neue Stufe der Entwickelung von weltgeschichtlicher Bedeutung, fanden sich in ihr Volk und Regierungen auf demselben Wege, erkannten die Einheit ihrer Interessen, ersahen, daß sie ohne einander nichts vermöchten und in dieser Erkenntniß lag die Lösung der ganzen Ausgaben. Alles an dieser neuen deutschen Reichsverfassunz ist diesem Geiste gemäß. Die Reichseinheit ist vorhanden, wenn auch noch manche Schwächen ihr anhaften; das Volk ist aus Grund des allgemeinen Stimmrechts im Reichstage vertreten, es steht zwischen Volk und Regierung kein aristokratischer Senat, sondern dieser Senat liegt in den Regierungen selbst, nämlich im Bundesrath, und dieser Senat ist nicht blos ein gesetzgeberischer Factor, sondern hat unmittelbaren Antheil an der Verwaltung mit einer organischen Spitze im Rcichskanzleramte. Theoretisch wie sactisch ist daher die Einheit von Negierung und Volk vorhanden, und hiermit der geordneten Entwickelung die Bahn geöffnet. Was bis jetzt in England allein vorhanden, das hat sich durch das deutsche Reich auf das Festland verpflanzt, nämlich, daß die durch die Entwickelung erforderlichen Reformen, wie sie aus den Zuständen der Nation selbst sich herausgestalten und sich als nolhwendig documentiren, auf gesetzlichem Wege unter Leitung der Regierung selbst verwirklichen, ohne Revolution und ohne Reaction. Es versteht sich, daß hier noch mancherlei Unterschiede statlfinden, daß Vieles noch zu befestigen und zu geschichtlich verwachsener Sicherheit zu bringen ist — die Hauptsache ist geschehen, daß nämlich Las Recht der Entwickelung anerkannt ist, und dies ist von unermeßlicher Tragweite. — Sie werden mir, ich weiß es, nicht einwenden: dies Alles ist ja nur aus Kriegen hervorgegangen, und diese sind nur eine andere Art Revolution. Es wäre dies durchaus falsch. Die beiden Kriege waren nur nothwendige Ergebnisie der vorhandenen Verhältniffe. Oesterreich wie Frankreich zogen das Schwert zur Erhaltung unhaltbar gewordener Zustände, weil diese ihren dynastischen Herrschergelüsten entsprachen; Preußen dagegen, um der nolhwendig gewordenen Entwickelung und Umgestaltung zu genügen, weil hierin seine Existenz enthalten war. Es war also nicht im Dienste von Ideen und theoretischen Anschauungen, daß die Schwerter sick kreuzten, sondern im Dienste der Verhältnisie, der sactischen Zustände. Hierin liegt gerade die Bürgschaft des Bestandes. Die preußische Regierung gehörte zu den reactionären und huldigte also nicht im Entferntesten revolutionären Ideen. Die Männer, welche den großen Kampf durchgesührt, waren aus rer conservativsten Partei hervorgegangen, waren keine neuen Männer, welche von einer augenblicklichen Strömung in die Höhe gehoben wären. Ihr großartiges Verdienst besteht darin, die Verhältnisse richtig erkannt und diesen ihre conservativen "Neigungen untergeordnet zu haben. Diese Umstände gerade begründen die Ueberzeugung, daß das neue Princip der geordneten Entwickelung fest basirl, wenn auch leichten Schwankungen hingegeben, doch nicht den wechselnden Momenten und Männern unterzogen ist. Ich brauche Ihnen nicht erst zu erweisen, daß dies einen Fortschritt von unermeßlicher Tragweite bereutet, einen Fortschritt, der als das Ergebniß langer geschichtlicher Arbeit anzusehen ist. Bestärk: wird riese Ansicht dadurch, daß sich ganz dasselbe seit längerer Zeit in Belgien und Holland, in Dänemark und Schweden herrschend gemach:, und daß es in I:alien trotz der klerikalen Partei und der Reste von Mazzinisten und Garibaldianern sich immer mehr befestigt. Ich sage nicht dasielbc, so sehr ich es wünschte, von Oesterreich. Hier fehlt noch die erste Bedingung, das Einswisien von Negierung und Volk; im Gegentheil stehen die Nationalitäten abwehrend und wühlend der Verfasiung gegenüber. Hier müssen erst diese dämonischen Gewalten zur Ruhe kommen, bevor ein normales Staatsleben eintreten kann. Dennoch, verehrter Freund, kann ich neben diesem günstigen Resultate sagen, daß die Staaten und Völker noch heute tief im Barbarismus stecken, und zwar besonders in zwei Momenten. Das erste ist: rer allgemeine und auf's Höchste gestiegene Militarismus. Sie werden mir nicht zurufen: Kommen Sie mir nicht mit den banalen Phrasen von Verminderung oder gar Abschaffung der Heere; die Ereigniffe haben genugsam gelehrt, daß dies reine Phantasterei ist. Sie entgegnen mir dies nicht, denn auch ich verschließe mich dieser Ansicht nicht, und würde als Abgeordneter den ungeheuerlichen Militäretat ebenso bewilligen, wie jeder andere gewissenhafte Volksvertreter. Aber gerade in der Unentbehrlichkeit, in der Norhwendigkeit, die physischen und finanziellen Kräfte des Staates für das Heer auf das Aeußerste anzuspannen, die defensive und offensive Beschaffung stets fortschreitend auszubilden — d. h. mit anderen Worten, in dieser Feindseligkeit, welche die Völker noch immer gegeneinander beseelt, welche sie alle Augenblicke zu den zerstörenden Waffen greifen lasten kann, welche jeden Staaat in eine Festung verwandelt, deren Besatzung in jeder Stunde zu Abwehr oder Ausfall berufen sein kann, so daß selbst die neutralen Staaten

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