Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 4 (19.1.1875)
- Date
- 1875-01-19
- Page
- Seite 59 (sequence 11)
- Language
- German
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59 In diesen Proceßacten liest man, daß die Portugiesen katholische Priester mit sich führten, Neuchristen wie sie, die in ihrem Innersten Juden waren. Es scheint, als ob diese List, welche die Strenge der Intoleranz zu umgehen half, bald entdeckt wurde; aber sie hatten Zeit gewonnen und das Jnteresie der Bevölkerung selbst, bei der die Thätigkeit und Intelligenz der Juden mächtig zu ihrem Wohlstand beigetragen hatten, begünstigte ihren Aufenthalt in diesen Gegenden, und bald darauf selbst die mehr oder weniger öffentliche Feier ihres Gottesdienstes. Jedoch nicht ohne Beängstigung und Kämpfe durchlebten die Juden die Zeiten des achtzehnten Jahrhunderts. Wir wollen nur ein Beispiel davon citiren. Im Jahre 1765 ließen der Maire und die Schöffen der Stadt Bayonne Herrn Berlin, Minister und Staatssekretär, durch den Advokaten Huart de Parc ein ohne Zweifel in Pavia gedrucktes Memoire in Paris überreichen, in welchem sich die hinterlistigen Verleumdungen, die von Jahrhundert zu Jahrhundert durch die Feinde der Juden immer wiederholt und copirt worden, von Haman bis zu Ronan, vorfanden. Dies Memoire verlangte, daß es den Juden untersagt werde, in Bayonne zu wohnen und dort den Kleinhandel zu betreiben. Die Revolution von 1789 brachte die Grundsätze der Gerechttgkeit zum Siege, von denen die Gewiffens- und Culrussreiheit der wesentlichste Ausdruck und zugleich die sicherste Garantie ist. Uebrigens zählte die Gemeinde zu St. Esprit noch 1835 über 2000 Seelen, während sie jetzt — durch vielfachen Wegzug — auf 700 beschränkt ist. Vermischtes. Mag die Speculation sich noch so sehr versteigen, und indem sie von gewisien Voraussetzungen ausgehl, in ihrer Conseguenz auf abgegrenzte und einseitige Schlüffe kommen — die breite Unterlage für die Ueberzeugung in der Gesammtheit der Menschen bildet stets das wirkliche Leben mit den Ergebnisien, die sich einer freien und sorgfältigen Beobachtung in bestimmter Weise darsteüen. Man legt in den Naturwiffenschaften so großes Gewicht auf die Thatsachen, auf die durch wiederholte Experimente sichergestellten Beobachtungen. Jeder philosophischen Speculation, die diesen nicht entspricht, schreibt man jeden Werth ab. Aber was die wiederholte Beobachtung im Leben und in der Geschichte zu einem unbestreitbaren Erfahrungssatze macht, das giebt man der Speculation als willkommene Beute hin, es mit ihrem Secirmesser und ihrer Retorte zu zerschneiden und zu zersetzen. Jndeß das Leben und die Beobachtung der Wirklichkeit sind von zäher Natur und lasten sich von dem vornehmen Ton einseitiger Speculation nicht zurückschrecken und aus die Lange nicht überschreien. Treffen die beiden auseinander und vermögen sich nicht zu verständigen, so gehen sie beide achselzuckend voneinander. Gut geschriebene Biographien, namentlich solche, welche nicht nach der neuesten Manier so viel „Zeitgemälde" geben, daß die Figur des Biographirten nicht allein davor zusammenschrumpft, sondern auch seine ganze Organisation und Entwickelung, sowie der Zusammenhang in seinem Lebenslaufe ganz unkenntlich werden — gut geschriebene Biographien haben auch den Vortheil, daß sie uns im Leben bedeutender Menschen die Erfahrung so recht vor die Augen bringen, wie die höhere Fügung und die eigenen Entschlüsse des Individuums ineinander greifen, sich vereinigen und einander ergänzen, um das hervorzubringen, was aus Diesem Individuum geworden, was seine Vorzüge und seine Schwächen ausmacht, was ihn schaffen nnd was ihn verfehlen ließ. Dem Beobachter wird es da überklar, daß weder die Fügung, noch der eigene Entschluß und die persönliche Thatkraft fehlen durste, um diesen Menschen zu gestalten und seinem Leben Inhalt und Beschaffenheit zu geben. Das große Problem über die waltende Vorsehung und die Willensfteiheit löst sich im Leben jedes einzelnen Menschen, nur daß es in dem einen sichtbarer wird, in dem anderen dunkler und verworrener bleibt; hier liegen die Fäden offen zn Tage, dort sind sie so verschlungen, daß wir sie mit geringerer Sicherheit entwirren können. In Anbetracht der Gegner dieser Ueberzeugung, die von der heiligen Schrift überall getragen wird, ist es gut, wenn eine solche Biographie gar nicht von dieser Ansicht ausgeht und sie gar nicht zum Ausdruck bringt, damit jene darin nicht eine Tendenz wittern und vorschützen können. Es muß sich eben einfach aus den berichteten Thatsachen ergeben. Eine solche Biographie lag uns in diesen Tagen in der von F. Eggers verfaßten Lebensbeschreibung des berühmten Bildhauers Rauch vor «Berlin, 1873), und wir gestatten uns deshalb ein wenig darauf einzugehen. Rauch war zu Arolsen 1777 geboren. Sein Vater war Kammerdiener des Fürsten von Waldeck, sein älterer Bruder ward Castellan in Sanssouci. Der Knabe verkehrte früh in der Werkstadt des fürstlichen Hofbildhauers Valenün, und da erwachte in ihm die Liebe zu dieser Kunst, so daß er dem Vater so lange bat, bis er ihn bei diesem in fünfjährige Lehre gab. Als seine Lehrzeit beendet war, trat Rauch in Cassel bei Ruhl in Arbeit, aber vier Monate später starb sein Vater «1796». Sein Bruder, der Schloßcastellan von Sanssouci, übernahm die Fürsorge für die Hinterlastenen. Aber schon im Januar 179 7 langte bei Rauch die Nachricht ein, daß sein Bruder schwer erkrankt sei. Er eilte nach Potsdam, fand aber den Bruder nicht mehr am Leben. Auf den zwanzigjährigen Jüngling fiel jetzt die Sorge für die Mutter und den jüngeren Bruder. Wie sollte er dieser theuern Pflicht Nachkommen? Der Kämmerer des Königs, Rietz, machte dem schönen jungen Manne den Vorschlag, Kammerdiener bei dem Könige zu werden. Es blieb ihm keine