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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-01-19 · Heft 4 (19.1.1875) · p. Seite 60

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 4 (19.1.1875)
Date
1875-01-19
Page
Seite 60 (sequence 12)
Language
German
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Wahl, und er trat im Februar 1797 in den Dienst des Monarchen. Nach wenigen Monaten starb dieser; aber nur eine kurze freie Zeit blieb Rauch, sich in seiner so sehr geliebten Kunst zu üben, als ihm angetragen wurde, als Kammerdiener in den Dienst der Königin Voutje zu treten. Die Berhältniffe ließen ihm abermals keine Wahl; ihm fehlten alle Mittel, sich und die Seinigen zu erhalten. So war er Kammerdiener von 1797 bis 1804, von seinem zwanzigsten bis zu seinem achtundzwanzigsten Lebensjahre. Aber mit unermüdlichem Eifer benutzte er jede Stunde, die Abende und die Nächte, die ihm der Dienst frei ließ, seiner Kunst obzuliegen, wozu ihm die Berliner Künstler freundlich entgegen kamen, und sich geistig auszubilden. Wiederholte Gesuche um Entlastung und eine kleine Pension nothdürftig sein Leben im Studium seiner Kunst zu fristen, wurden von dem sparsamen Könige abgeschlagen. Endlich zogen seine Arbeiten die Aufmerksamkeit hochgestellter Kunstfreunde so auf sich, daß ihn endlich der König mit einer jährlichen Pension von 125 Thlrn. (1804) seines Dienstes entließ, und bald traf Rauch aus einen vornehmen Gönner, der ihn mit sich nach Rom nahm. In Rom selbst fand er alsbald freundliche Aufnahme im Hause des preußischen Gesandten Wilhelm von Humboldt, dem er vom königl. Hoflager wohlbekannt war. Namentlich die Gemahlin desselben nahm sich seiner schwesterlich an. Fast seine erste Arbeit, der er sich mit ganzer Borliebe hingab, war die Büste der Königin Louise, und diese fand bei dem Könige so vielen Beifall, sie erschien diesem als die einzige, welche nicht allein vollkommen ähnlich, sondern auch den ganzen anmuthigen und würdevollen Charakter der Königin zum Ausdrucke brachte, daß nach dem Tode derselben, als der trauererfüllte Monarch ihr ein Grabmonument setzen wollte, er Rauch, den damals doch noch ganz unbekannten Künstler, zu dessen Anfertigung erwählte, und ihn eiligst aus Rom kommen ließ, um sich darüber mit ihm mündlich zu besprechen. Wie meisterhaft Rauch diese hohe Ausgabe gelöst hat, ist bekannt, und von hier ab waren chm Ruhm, Arbeit und Gewinn völlig gesichert. Wer erkennt nicht in diesem Lebensgange die Hand des Geschickes und die Kraft des fteien Mannes im engsten Vereine zur Gestaltung seines Lebens? Der Tod seines Vaters und seines Bruders — letzterer bei rem Könige und dessen Dienern wohlgelitten — bringt ihn in den unmittelbaren Dienst des Königs und dann der Königin. Die Noth zwingt ihn einzurreten, und er muß vorläufig seiner Kunst als Lebenberuf entsagen. Soweit das Geschick. Aber der Mann mit dem innersten Kunsttriebe im Herzen, mit dem eisernen Willen, folgt zwar dem, was das Geschick ihm auferlegt, aber er giebt sich nicht auf; das Geschick selbst hat ihm einigen Raum gelassen: der Dienst absorbirt nicht seine ganze Zeit und Kraft, die Oerrlichkeit und viele ihn umgebendende Persönlichkeiten sind ihm für sein Studium günstig, er kämpft mit Ausdauer und unerschrocken. Er siegt endlich. Da ist es doch wiederum das Geschick, das ihm die entscheidende Gelegenheit bietet, seine Meisterschaft zu erweisen. Nicht bloß, daß das königl. Hoflager ihm Gelegenheit gab, hohen und höchsten Personen bekannt zu werden, die ihm Förderung und bald auch reichliche Arbeit verschafften, sondern gerade sein Dienstverhältniß zur Königin Louise gewährte ihm die Gelegenheit, diese hohe Frau in ihrer körperlichen und geistigen Eigenthümlichkeit so genau kennen zu lernen, wie es keinem andern Künstler möglich war, und sie daher auch nach ihrem Tode in vollendeter Weise künstlerisch darzustellen. Und hiermit war der Gang feines Lebens entschieden. Wer sich dieses einfache und klare Gewebe der höheren Fügung und der eigenen Willenskraft so recht vorstellt, wie sollte dieser nicht das Rechte erkennen und zu einer vollen Ueberzeugung gelangen? Es ist nichts gefährlicher für einen Gelehrten, als wenn er sich auf Borträge für das allgemeine Publicum geworfen und reichlichen Beifall geerntet hat. Es ergreift ihn dann die Leidenschaft, sich überall hören zu lassen, und über alles Mögliche, was er versteht und was er nicht versteht zu sprechen. Hat er zunächst die Resultate seiner eigenen Forschungen und Arbeiten in glücklicher Weise popularisirt, so geräth er bei immer weiteren Wiederholungen in's Verwässern und in Gewäsch. So ergeht es jetzt dem verdienstvollen Linguistiker Professor Dr. Max Müller. Hat schon der zweite Band seiner Vorlesungen einen vielfach unwissenschaftlichen Geist und nichts als Wiederholungen des schon von ihm Gesagten gebracht, so lassen jüngst gehaltene Reden immer mehr zu wünschen übrig. In einem Vorträge zu London stellte er die Behauptung aus, daß die Zahl der Juden Jahr für Jahr in raschem Abnehmen begriffen sei, und daß daher das Juvenrhum bald erlöschen werde. Den Ohren vieler seiner protestantischen Zuhörer mochte dies sehr angenehm klingen; denn bekanntlich sind die Engländer leidenschaftliche Proselytenmacher, während freilich ihre eigenen Reihen sich täglich zu Gunsten der katholischen Kirche lichten. Unglücklicher Weise wurden dem Herrn Professor alsbald die statistischen Tabellen aller civilisirten Staaten vorgehalten, welche das gerade Gegentheil, nämlich die stetige Zunahme der jüdischen Bevölkerung, sogar in einem kleinen Plus im Vergleich zur christlichen, beweisen. Herr Professor Max Müller, dessen Verdienste wir sonst sehr zu würdigen und anzuerkennen wissen, gehört zu den eiftigsten Schematikern, die der Lust aus noch mangelhaften einzelnen Beobachtungen allgemeine Folgerungen zu ziehen und diese für zweifellose Gesetze auszugeben, nicht widerstehen können, und die dann aus alle ihnen entgegenstehende Thatsachen zertrümmernd losschlagen, bis sie vor den Augen ihrer Zuhörer aus dem Dasein geschwunden sind. Leider stehen diesen Schematikern nur Worte zu Gebote, und da diese keine Zauberformeln sind, so stirbt Niemand daran, und die Thatsachen besitzen die widerwärtige Hartnäckigkeit, bestehen zu > bleiben, obschon der Herr Professor sie zum Nichts verurtheilt

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