Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 4 (19.1.1875)
- Date
- 1875-01-19
- Page
- Seite 53 (sequence 5)
- Language
- German
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verwirft und verketzert. Hieraus geht auch schon hervor, daß die Philosophie niemals dazu kommen werde, sich aber auch nicht dazu drängen sollte, durch Aufstellung oder sogar durch Zusammenschweißung von Definitionen eine Religion gründen oder ihre zukünftigen Wege ihr vorzeichnen zu wollen. Das Ideal und die wirkliche Universalität der Religion wird hingegen darin bestehen, daß sie ihrem Bekenner Raum gewährt, von der Definition des Gottesbegriffes bis zur innigsten Auffasiung des lebendigen Lottes, vom rrrri« n'ns bis zum mn-i brr, ja sogar bis zum rrbp: brr, ohne in Widerspruch mit Vernunft und Consequenz zu gerathen. Und als solche erscheint uns die Religion des Judenthums in ihrer viertausendjährigen Entfaltung, in der ihr unter dem Einflüße der Geschichte und der ganzen Menschencultur werdenden Entwickelung. Sie bedarf wahrlich keiner Ergänzung aus dem zerbröckelnden Brahmanismus — innerhalb dessen gegenwärtig vielmehr der Monotheismus seine aufräumende und verjüngende Kraft ausübt. Sie bestand fünfzehn Jahrhunderte bevor das Christenthum aus ihr hervorging, sie besteht jetzt achtzehn Jahrhunderte neben unv trotz dem Christenthume, und wird fortbestehen, sollten sich auch die Voraussagungen von Strauß, Harlmann und Anderen bewahrheiten und das Christenthum der Zersetzung anheimfallen. Sie wird fortbestehen, weil sie die Religion des vernunftgemäßen Monotheismus, aber auch des lebendigen Gottes ist, der das Menschenherz erfüllt und befriedigt und die entflammte Einbildungskraft zur Begeisterung aufruft. Mögen denn auch Pantheismus, Pessimismus, Monismus, Materialismus und Atheismus nach- und nebeneinander mit den Schwingungen des Zeitpendels an uns vorüberziehen — wir würdigen sie, weil auch sie nach Wahrheit suchen, aber gefunden haben sie diese nicht. Literarischer Wochenbericht. Brünn, im December. „Die Theologie des Bachja ibn Pakuda." Bon David Kaufmann: Sitzungsberichte der phil. hist. Elaste der kais. Akademie der Wistenschaften. Aprilheft 1874. S. 18t>—288. (Wien, Gerold.) Es ist bekannt, daß die jüdische Religionsphilosophie bisher nur streckenweise eine geschichtliche Darstellung ersahren hat — eine zusammenhängende vollständige Geschichte derselben ist weder in Bezug auf den alexanvrinisch-platonischen noch auf den arabischaristotelischen Hauptabschnitt derselben versucht worden, nur daß die erstere von Seiten der christlichen Theologie Gfrörer, Dähne, H'lgenfeld u. s. w.) in mehr subsidiärer Weise mehrfach angebaut wurde. Daß aber dies nicht zu verwundern und nicht einmal zu bedauern sei, daö wurde mir insbesondere mit Rücksicht aus die arabisch-jüdische Philosophie durch das Stadium obiger Monographie klar. Haben wir erst jede einzelne religionsphilosophische Schrift dieser an großen Geistern so fruchtbaren Epoche so gründlich untersucht und geprüft, wie dies mit dem Verfaffer des Chabot ha-lebabot jetzt geschehen, wird der Weg, den die grundlegenden Forschungen Munks eingeschlagen, in der Weise weiter verfolgt, wie dies Herr Kaufmann gethan, so darf man hoffen, allmällig ein sauberes, wohlgefügtes Material beisammen zu haben, aus dem eine kunstverständige Hand den Bau einer Geschichte der jüd. Religionsphilosophie wird aufführen können. Aber die Vorarbeiten sind eben noch lange nicht erschöpft! Wer härte gedacht, daß Bachja ibn Pakuda ein so ehrenvoller Platz unter den ältesten spanischen Religionsphilosophen gebühre, wie der ist, den ihm Herrn Kaufmanns verdienstvolle Untersuchung mit Recht einräumt? Wohl verstanden! Unter den „Religionsphilosophen", sage ich, denn daß der nmn msabr: als moralischphilosophisches Erbauungsbuch unter der ganzen großen Mustar- Literatur die hervorragendste Stelle einnehme, weiß jeder, der das Leben des alten frommen Juden kennt, für den jenes Buch ein wahres Vademecnm, die tägliche Legende nach dem Morgengebete, eine Quelle der hochsinnigsten Belehrung bildete und in nicht geringerem Ansehen stand, als etwa der Psalter in seiner Art. Aber eine Würdigung unseres praktischen Philosophen als Metaphysiker ging immer nur so nebenher, wie denn auch der Umstand, daß er seinem Werke eine Pforte über den wahren Gotlesbegriff vorausgeschickt (■rrrr: -rci, nur als eine Concession an die damalige Zeitrichtung fälschlich aufgefaßt wurde. Herr Kaufmann betont aber mit Recht und aus dem Inhalte der ganzen Abhandlung heraus, daß Bachja der speculativen Erkenntniß des echten und reinen Gottesbegriffes eine für alle Religiosität und daher auch für sein, die innere Gläubigkeit beförderndes Werk fundamentale Bedeutung zuerkenne, so zwar, daß er in ihr die conditio *ine «pia non sieht, ohne welche „es weder eine religiöse Handlung, noch einen Glauben von Bestand geben könne". Demgemäß weicht auch der Charakter der ersten Pforte von dem des ganzen Werkes insofern ab, als er hier eine streng logische und dialectische Methode der Beweisführung verfolgen und die subtilen Fragen der transcendenten Philosophie nach allen Seiten hin erörtern muß. Dabei nimmt er sich vor, zu erweisen, daß die Welt einen Schöpfer habe, der sie erschaffen, sodann zu erforschen, ob es Einer sei oder mehr als Einer, endlich, wenn das erstere erwiesen, zu untersuchen, welches das Wesen der Einheit sei, die dem Schöpfer zukomme. Herr Kaufmann ist uns nun ein ebenso sicherer als gewandter Führer, der uns zum Berständniffe der haarscharfen Deductionen Bachjas durch eine klare und erschöpfende Reproduction und Analyse des ganzen Abschnittes und! nicht minder zur kritischen Würdigung destelben durch eine fort- - laufende Prüfung auf die Quellen in dankenswertster Weise hinj führt. Sowie die Darstellung der Bachja scheu Beweisführung für das Dasein Gottes — der kosmologische mit sammt dem