Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-01-19 · Heft 4 (19.1.1875) · p. Seite 52

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 4 (19.1.1875)
Date
1875-01-19
Page
Seite 52 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227014-3227019--33236-3303007
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

52 Religion — Monismus. Denn Jeder sieht leicht ein, daß hier aus dem Monotheismus eben der Theos (Gott) hinausgeworfen und nicht als ein Monon «Eines, übrig geblieben ist. Wo aber kein Gott ist, da ist auch keine Religion, und das Kartenhaus, was dafür ausge.;eben wird, fällt bei der ersten Berührung zusammen. Dem hilft auch nicht ab, wenn Hartmann seinen Monismus als „spiritualistischen Monismus" näher bezeichnet oder durch „pantheistifcker Monismus" den Theos durch ein Hinterpförtchen wieder hineinbringen will. Meint es Hartmann mit seinem Monismus aufrichtig, so heißt dieser doch nichts Anderes als: Alles ist Eins, ein und dafselbige. Wo aber Alles Gott ist, da ist Nichts Gott und Gott Nichts; wo Geist und Körper Eins sind, da giebt es keinen Geist und keinen Körper. Die Herren mögen noch so viele Syllogismen zu Stande bringen: Pantheismus und Atheismus sind nur darin verschieden, daß der letztere offen ausspricht, was der erstere vor dem gesunden Menschenverstände verdrehen will. Denn noch einmal sei es gesagt: Wenn Alles Gott sein soll, so ist eben Gott nicht, und das Wort „Gott" nur gemißbrauchl. Hartmann hat daher den Brahmanismus gut schelten, daß er in die Vielgötterei verfallen sei: er konnte gar nicht anders; jeder Pantheismus muß dies, sobald er über die Grenzen der Definition hiuausfchreiret, und die Bielgötterei ist ja nichts weiter als wiederum die Trennung und Unterscheidung zwischen Gott und den Wesen, also eine Leugnung des Pantheismus. Als daher der Buddhismus entstand, trat er geradezu als ehrlicher Atheismus aus und warf den Pantheismus und die Bielgötterei des Brahmanismus in den Staub. Aber auch ihm mußte daffelbe Schicksal werden: sein Atheismus konnte sich ebenfalls nicht halten und fiel in die Bielgötterei zurück. Es ist demnach offenbar, daß, wenn Hartmann vom Ganges den Pantheismus holen will, dieser auf der Reise etwas ganz Anderes geworden sein wird, das mit dem brahmanischen nichts mehr gemein har. Ebenso, fürchten wir, wird es Hartmann mit dem Monotheismus des Judenthums ergehen. Dieser ist ja eben kein Monismus, keine starre inhaltsleere Formel, und sobald man ihm etwas Pantheismus aufzwingen will, hört er aus. Monotheismus zu fein, welcher ebenso viel Gewicht auf den Theos als auf den Monos legt. Hartmann versucht es, was übrigens schon Biele vor ihm gethan, die ehrlichen, aufgeklärten Monotheisten durch den Ausspruch zu schrecken, daß sie einen „persönlichen Gott" hätten. Das Beiwort „persönlich" hat so viel Beschränkendes, Abgrenzendes, Individuelles an sich — man denke nur an den Ursprung des Wortes „Person" von den römischen Schauspielern*)— daß es nicht zu verwundern ist, wenn man es nickt auf Gott angewendet haben mag. Wir aber weisen dieses Wort vom Gebiete des Judenthums vollständig hinweg. Denn zunächst ist das *1 Persona heißt zunächst die Schauspiclermaske, welche mit einem SchaÜröhrchen verleben war, um die Worte in dem ungeheuren Raume hörbarer zu machen (persona iv»; dann „Rolle" übcrbaupt. Wort nur ein Anthropomorphism und soll den Gegensatz zum Pantheismus bezeichnen. Wir brauchen aber uns hierfür keinen Anthropomorphism ausbürden zu kaffen. Denn das Judenthum kennt den Ausdruck „persönlich" bei Gott gar nicht und hat für deffen Begriff, nämlich für den Gegensatz zum Pantheismus, einen ganz andern Ausdruck, nämlich "r> Vs, der bereits Josua 3 l 0. Jesajas 37, 4. Psalm 42, 3. 84, 3. Hiob 19, 25. 27, 2 und öfter vorkommt, im spätern Juvenrhum: a-pi "n Vs. Es heißt dies: „der lebendige Gott", der wirklich bestehende und wirksame. Man bedurfte dieses Ausdrucks zunächst gegenüber den hölzernen, steinernen und metallenen Götzenbildern, dann „den eiteln, nichtigen Götzen", Schattenbildern einer Gottheit, Ausgeburten einer zum geringen Theile geschmackvollen, meist aber abenteuerlichen und ausschweifenden Phantasie, endlich auch all' den wesenlosen Definitionen des Gottesbegriffes, wie sie die Philosopheme in mannigfachster Weise ausgestellt haben, allen diesen bunten Formen und Erscheinungen gegenüber bedurfte und bediente man sich des nachdrucksvollen Wortes: „der lebendige Gott!" Um auszudrücken, daß Gott und die Wesen nicht identisch sind, daß Mensch, Thier, Pflanze, Mineral, Sonne, Mond und Sterne nicht Gott sind, daß vielmehr Gott die ewige, unveränderliche, unendliche und absolute Existenz ist, welche in Gesetz und Zweck die individuellen Wesen, aus welchen das Universum besteht, jedes in seiner Besonderheit und Beränverlichkeit hervorgebracht hat und hervorbringr, um auszudrücken, daß dieser Gott in Borsehung, Vergeltung und Versöhnung zum Menschen in einem unmittelbaren Berhältniß steht, sagte das Judenthum niemals „persönlicher Gott", sondern — „lebendiger Gott." Das Christenthum mag sich des Ausdrucks „persönlicher Gott" bedienen, da es selbst in dem Einen Gotte eine dreifache Persönlichkeit annimmt; dem Judenrhume ist dies völlig fremd. Wir haben hier noch eine Betrachtung heranzuziehen. Warum standen sich zu aller Zeit Philosophie und Religion gegenüber, selbst wenn auch die erstere in einem Gottesbegriff gipfelte? weil Beide ganz verschiedenen Bedürsniffen und Antrieben des Menschengeistes Folge leisteten. Die Philosophie folgt dem Zuge der Vernunft, einen dieser gemäßen Begriff von Gott zu suchen, eine Definition dafür zu finden, als Ergebniß aller Folgerungen und Schlüffe. Das Herz und die Einbildungskraft aber folgen ihrem Zuge, sich Gott nahe zu bringen, daß er ihnen faßbar und verständlich werde, daß er ihnen Leuchte und Stab sei, daß sie zu ihm aufschauen können voll Zuversicht und Hingebung, als Vorsehung, Vergeltung und Versöhnung. So will die Vernunft einen definirbaren Gon, Her; und Einbildungskraft einen lebendigen Gott; jene fällt jeden Augenblick der Gefahr anheim, sich zu einer wesenlosen Formel zuzuspitzen, diese aber ihren lebendigen Gott zu einem persönlichen, einem beschränkten, einem anthropomorphistischen herabzuziehen. Aus diesen Umständen fließt es, daß die Philosophie stets die Religion bekritelt, zersetzt und verleugnet; daß die Religion hingegen die Philosophie

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.