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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-01-19 · Heft 4 (19.1.1875) · p. Seite 51

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 4 (19.1.1875)
Date
1875-01-19
Page
Seite 51 (sequence 3)
Language
German
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51 Bemerkungen über Eduard von Hartmann: Die Selbstzersetzung des Christenthums und die Religion der Zukunft. Berlin, 1874. VI. Es ist charakteristisch, wenn auch erklärlich, daß, während die Schrift von Strauß ein außerordentliches Aussehen gemacht und eine große Verbreitung gesunden, dies von dem vorliegenden Werke Hartmanns nicht gesagt werden kann. Und doch ist es bei Weitem präciser, energischer, gründlicher und ernster als die Schrift von Strauß, über deren Oberflächlichkeit man sich verwundern konnte, und in der die Anbetung des materiellen Universums geradezu absurd ist, wie wir alsbald nachgewiesen, und wie Hartmann ebenfalls darüber urtheilt. Strauß sprach eben in kühner und schlagfertiger Weise die Meinung vieler Derer aus, welche auf der Oberfläche der geistigen Strömung unsrer Zeit schwimmen, während Hartmann, um diese wenig bekümmert, tiefer in das Wesen der Dinge und Erscheinungen einzudringen sucht. Hier aber ist es der von ihm im Voraus eingenommene Standpunkt, welcher seinen Blick bedingt, und ihn bald zur Einseitigkeit, bald zur Uebertreibung verleitet. Es ist eben ein Anderes, sich in seiner selbstständigen Abstraction die Welt eigens aufzubauen, oder den geschichtlichen Realitäten Rechnung zu tragen, ihre Vergangenheit zu beurtheilen und ihre Zukunft voraus zu bestimmen. Kommen wir daher schließlich zur zweiten Aufgabe, die sich Hartmann gestellt, zur „Religion der Zukunft", wie er sie sich construirt. Hartmann findet, seiner Grundanschauung entsprechend, den Ursprung der Religion in dem menschlichen Bewußtsein der Sünde und des Uebels, in dem „Stutzen" darüber, im Suchen einer Erklärung und dem Verlangen nach Abhülfe. Wir müsien dies im Namen des Juvenlhums wenigstens entschieden zurückweisen. Die h. Schrift läßt den ersten gottesdienstlichen Act aus dem Dankgefühl für den reichlichen Ertrag der Viehzucht und des Ackerbaues (1 Mos. 4, 3. 4), den zweiten aus dem Dankgefühl für die Rettung aus der Fluch (1 Mos. 8, 20) hervorgehen. Es sind also Gefühle der Freude und des Genufies, welche den Menschen antreiben, sich unmittelbar an die Gottheit, die Ursache dieser Güter, zu wenden. So geht es fort bis nach der. sinaitischeu Gesetzgebung, und selbst in dem ausgearbeiteten mosaischen Opfercultus ist das Sühn- und Schuldopfer nur ein secundärer Theil, während die Ganz- und Dankopfer rnr-jr) den eigentlichen Vorder- und Hauptgrund im Cultus einnehmen. Unter den Psalmen finden sich nur einige wenige Bußpsalmen, eine größere Zahl alhmet das unerschütterlichste Vertrauen auf die Hülfe Gottes in jeglicher Gefahr und der beträchtlichste Theil ist Dank- und Jubellied; dies ist bezeichnend genug für den Charakter des religiösen Bolksgeistes in Israel. Gleiches fand auch im spätern Gebetcultus statt, wo die Segenssprüche auf jeden einzelnen Genuß, großen und kleinen, wie das Leben ihn darbietet, ununterbrochen auf den Zusammenhang zwischen diesen Genüfien und der sie bereitenden Gottheit Hinweisen. Alle religiösen Einrichtungen und Gesetze werden, selbst wo sie den Bekenner belasten und beschranken, als Gegenstände der Freude, der Erhebung, des lautern Genuffes angesehen und ausgeführt. Wo die Sündhaftigkeit hervortritt, kommt ihr die jüdische Religionslehre mit der Barmherzigkeit und Versöhnlichkeit Gottes so innig entgegen und dennoch zugleich so entschieden, daß es eben nur der reuigen Umkehr bedarf, um von der Schuld befreit und mir Gott ausgesöhnt zu werden. Hierzu als Mittel und Antrieb der „Versöhnungstag"; nirgends aber die Vermittelung eines Dritten, der gute Wille eines Priesters und besondere religiöse Bußübungen. Ter Bersöhnungstag ist das höchste Fest des Jahres, der „Sabbath der Sabbathe". Alles unverschuldete Uebel hört aber nach rer jüdischen Anschauung auf, ein Uebel zu fein, weil eS dem Menschen „nur zum Besten gereicht", ein höheres Gur für ihn bezweckt und ihm gewährt. Obfchon also, wie es selbstverständlich ist, auch das Judenthum der Sündhaftigkeit seine Aufmerksamkeit, seine Gegenwirkung und seine Heilsmittel im vollen Maße zuwendet: so geschieht dies doch nur soweit, wie ethisch nothwendig ist, mehr zum Gefolge der Religion, als zu ihrer Führerschaft gehörig, und so kann vom Judenthume durchaus nicht gesagt werden, daß es seinen Ursprung im Bewußtsein der Sünde und des Uebels gefunden Dieser Vorstellung vom Ursprung der Religion und von dem, worin das Bedürfniß des Menschen nach ihr enthalten wäre, wird Hartmann schließlich doch ungetreu, wenn er seine zukünftige Religion aus Bausteinen zusammenfügen will, in welchen nichts weiter als Definitionen des Gottesbegriffes stecken. Denn unser Autor will sein neues Bauwerk nicht aus der Luft greifen, sondern aus Resten der Vergangenheit construiren, natürlich aus Resten, wie sie ihm dazu tauglich erscheinen. Wir fürchten hierbei nur das Eine, daß die Art, wie Hartmann diese ehrwürdigen Reste behandeln will, die Vergangenheit zu rem Rufe zwingen wird: Liese da kaum' ich nicht und kenn' ich nicht, sie sind nicht die meinigen! Hartmann, um es kurz und einfach zu sagen, will vom Judenthume den unbedingten Monotheismus und vom Brahmanismus den Pantheismus nehmen und sie beide zur Religion rer Zukunft vereinigen, was er Monismus nennt. Das Juventhum hat nach ihm das Verdienst, die Einzigkeit und Einheit Gottes streng auftechr erhalten, dagegen den Nachtheil, riesen Gott als einen „persönlichen" ausgestellt und betont zu haben. Der Brahmanismus nach ihm hat das Verdienst des Pantheismus, ist dagegen in den Polytheismus verfallen. Indem diese beiden Religionen den persönlichen Gott und die Vielgötterei aufgeben und sich gegenseitig ergänzen, sollen sie die Religion der Zukunft bilden. Mit vollem Rechte benennt Hartmann diese neue, im Tiegel der Speculation zusammengeschmolzene

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