Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-01-12 · Heft 3 (12.1.1875) · p. Seite 39

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 3 (12.1.1875)
Date
1875-01-12
Page
Seite 39 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227014-3227018--33222-3302992
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

39 Eurem zu finden; was er anordnet und predigt, entspricht nicht den Vorschriften der Religion und ist geradezu ungereimt und narrisch. Ich rathe Euch dringend, den Pseubomessias, deren schon so viele entstanden find und Unheil in Israel angerichtet haben, aufzugeben, als Narren zu legitimiren und Euch öffentlich von ihm loszusagen, damit neues Unglück von Eurem Haupte abgewendet werde. Nun, so schließt Maimuni, habe ich die Bitte, daß Du dieses Schreiben Deinen Gemeinden miltheilst, damit ihre Glaubenskrast dadurch erstarke und ihre Glaubenstreue sich festige; aber achte darauf, daß es nicht über diese hinaus verrathen werde. Ich selbst war mir der Gefahr bewußt, da ich den Brief niederschrieb; allein ich habe sie nicht beachtet, da es sich um das Wohl ganzer Gemeinden handelt und der Brief an eine Person, wie Du bist, gerichtet ist. Mau wird in diesem Sendschreiben Maimuni's wiederholt an die größeren Werke deffelben erinnert, die er theils vorher, theils nachher versaßt hat. Die großen Gedanken der Offenbarung, der Prophetie, des Messias, finden in diesen ihre Darlegung, weitläufiger, philosophischer, aber nicht mit der Unbefangenheit und Innigkeit, wie in dem Briefe an die Gemeinden von Jemen, der mit dem warmen Herzblut des Berfaffers geschrieben erscheint und überall das unmittelbare Wahrheitsgefühl, nirgends die gelehrte Zeugenschaft zu Worte kommen läßt. Wie sehr dadurch der Inhalt an Klarheit und überzeugender Macht gewonnen hat, läßt sich am besten erkennen, wenn man diesen Brief mit dem -rrrwn mas deffelben Berfaffers vergleicht, der einen verwandten Stoff behandelt. Der Eindruck des Briefes auf die Gemeinden von Jemen scheint ein großer gewesen zu sein und sie in ihrer Glaubenstreue gekräftigt zu haben. Wir wiffen nämlich aus einem Sendschreiben Nachmani's an die ftanzösischen Rabbinen, daß jene Gemeinden dem Maimuni ein ehrendes Gedächtniß dadurch gestiftet haben, daß sie seinen Namen in das jedesmalige Kadischgebet einschalteten. Das Sendschreiben nach Jemen, das arabisch verfaßt war, wurde sechs Jahre nach dem Tode des Berfaffers von Samuel Tibbon in Lunel dem bewährten Uebersetzer des Moreh Nebuchim, von Abraham Halevi aben Chasdai in Barcelona und von Nahum aus dem Mazreb in's Hebräische übertragen, und die Handschrift des Letzteren war bisher die einzige, welche durch den Druck veröffentlicht war. Nunmehr ist auch die Handschrift des Samuel Tibbon in Druck erschienen, und diese Ausgabe ist es, welche uns vorliegt. Es ist das Verdienst des Herrn David Hollub, dem wir diesen literarischen Segen verdanken, und nicht minder des Herrn Ur. Jellinek, der dem Herausgeber die in feinem Besitze befindliche Handschrift zur Verfügung gestellt hat. Mit gewiffenhaftem Ernst hat Herr David Hollub die von ihm hcrausgegebene Handschrift mit der andern in Druck erschienenen verglichen und die Abweichung der letztern in Anmerkungen unter dem Text angegeben und zum Theil commentirt. Der Bortheil liegt bald bei der einen, bald bei der andern. Eine gut geschriebene Einleitung geht dem Briefe voraus und eine Geschichte der Mefsiaffe, wie des Messiasglaubens überhaupt, ist demselben zum Schluffe beigegeben. Potsdam, im December 1874, am Gedächtnißtage von Maimuni's Tode. Dr. Tobias Cohn, Rabbiner. 2bettiLU aUxXcßl/tcßte/Ll. Deutschland. Berlin, im December. Bei der Volkszählung am l. December 1871 war zum ersten Male auch die Frage gestellt, ob die Individuen auch lesen und schreiben könnten. Nach der Beantwortung ergab es sich, daß von den Personen des preußischen Staates über 10 Jahre, nämlich 18,576,801, nicht lesen und schreiben konnten: 2,260,277. Von den letzteren kamen nach den Religionsbekenntniffen auf die Evangelischen und Juden unter den Männern je 6 pCt., unter den Weibern je l l bis 12 pCt., auf die Katholischen unter den Männern 15 pCt., unter den Weibern 21 pCt. Die Schulbildung ist also in Preußen bei den Evangelischen und Juden gleich groß, bei den Katholiken bedeutend geringer. Berlin, 28. December. (Privatmitth.) In diesen Tagen hielt vr. Hildesheimer eine Versammlung seines Vereins für das von ihm begründete und geleitete Seminar ab. Selbstverständlich war er Vorsitzender und Berichterstatter, und so konnte Alles nur gut gehen; denn diese Neuorthodoxen wissen den Werth des „Friedens", den sie sonst so gering anschlagen, hochzuschätzen, wenn er zu ihrem Vortheile ausschlägt. Es ist Herrn Hildesheimer gelungen, wieder an 5000 Thaler für das Seminar zusammenzubekommen, und ist der Unterricht in den Gymnasialfächern, besonders im Latein und Griechisch, im Seminar erweitert worden, was allerdings bei der kleinen Zahl von Schülern, die das Seminar bis jetzt hat, keine großen Schwierigkeiten bietet. Man sieht also, die Herren Hildesheimer und Genoffen beabsichtigen ebenfalls eine talmudisch rabbinische Gelehrsamkeit auf die „trefene" klassische Gelehrsamkeit zu pfropfen. Was sagt wohl jeder Orthodoxe jenseits der Weichsel und der Leitha hierzu? Bei der streng orthodoxen Linie, welche einzuhalten die Herren Hildesheimer, Hirsch und Genoffen sich den Anschein geben, kann hieraus nur ein unglückliches Zwitterwesen hervorgehen, das, wie es bereits vorgekommen, von den Jüngern selbst nach mancherlei schmerzlichen Kämpfen überwunden und abgeworfen wird. Solche Kämpfe werden aber nur mit Verlust bedeutender Kräfte, oft

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.