Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 3 (12.1.1875)
- Date
- 1875-01-12
- Page
- Seite 37 (sequence 5)
- Language
- German
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verleugnen. Andere Theile dieser Massen haben allerdings den Gewaltigen nachgegeben, find zum Scheine übergetreten, haben das Judenchum heimlich geübt, bis fie Zeit und Gelegenheit sanden, fich wieder offen zu ihm zu bekennen. So geschah es in den Zeiten der Syrer, einiger römischer Kaiser, der Araber in Spanien und der spanischen Inquisition. Bielen von den letzteren bekam dies schlimm, denn ihre neuen Religionsgenoffen lauerten ihnen aus und straften die heimliche Abtrünnigkeit mit Schwert und Scheiterhausen. Aber wie wollte man mit solcher Lage die Verhältnisse unsrer Zeit vergleichen! Wie schrumpfen vor dem, was jene Unglückliche bedrohte. Tod, Marter, Flucht aus der Heimath in nicht minder feindliche Fernen, Verlust alles Besitzthums und aller Existenzmittel, die Beweggründe derer zusammen, die gegenwärtig einen solchen Scheinaustritt aus ihrer angestammten Religion planen. Fürwahr, wir werden uns hüten, das Andenken an die zahllosen Märtyrer, die um des Bekenntnisses des einzigen Gottes willen mit ihren Frauen und Kindern dem Feuer und dem Schwerte anheimfielen, während fie sich durch einen Scheinübertritt zum Glauben ihrer Verfolger hatten retten können, hier anzurusen, wo es sich um nichts als Streitigkeiten in einer Gemeinde handelt. Wir haben genug gesagt für diejenigen, die es beherzigen wollen. Nur die eine Bemerkung wollen wir noch hinzufügen, in welches Licht durch den Vorgang in Schrimm die bekannte Lasker'sche Resolution gesetzt wird. Auch diese will den Austritt selbst nur aus der jüdischen Ortsgemeinde „an confefsionelle Bedenken" binden; auch sie verdammt jeden anderen Beweggrund als den einer religiösen Ueberzeugung. Aber wenn selbst der Austritt aus dem Judenthume nicht verhindert, das Gesetz zu ganz anderen Zwecken zu mißbrauchen, wie sollte der Austritt aus der Ortsgemeinde diesen Mißbrauch nicht hundertfach erleichtern? Auf diesem Boden werden die leichtfertigsten Motive zum Austritte genügen, und deshalb die Gemeinden in völlige Zerrüttung, ganz dem Sinne des Gesetzgebers zuwider bringen. Literarischer Wochenbericht. Potsdam, am Gedächtnißtage vom Tode Maimunis, 1874. .-,rrn ms« Sendschreiben des Rabbi Moses ben Maimon an die jüdischen Gemeinden Jemens. Aus dem Arabischen in's Hebräische übersetzt von Samuel Jbn Tabon. Nach einer Handschrift im Besitze des l»r. Jellinek, kritisch beleuchtet und mit Anmerkungen nebst Einleitung versehen von David Hollub. Wien, Druck von Spitzer. Holzwerth juu. 1875. Von jeher zählt der Brief zu den dankenswerthesten Gaben der Literatur. Er rückt den Verfaffer in vertrauliche Nähe mit seinem Correspondenten und stellt zwischen Beiden eine Unmittelbarkeit her, die keine andere literarische Erscheinung, keine allgemein gehaltene wissenschaftliche Leistung zwischen dem Autor des Werkes und seinem Leserkreise zu begründen vermag. Wahrend in einem größer« Werke die Lust am Schaffen den Stoffkreis naturgemäß erweitert und ihm mit vollem Recht einen sachlichen Charakter giebt, gewinnt die Betrachtungsweise innerhalb der engern Grenzen des Briefes an Innerlichkeit und Schärfe und spiegelt im hohen Grade die Persönlichkeit des Urhebers wieder. Das Pathos, das ihn beseelt, das Feuer, die Leidenschaft, die eigene Ueberzeugung geltend zu machen und die entgegenstehenden Ansichten zu behaupten, mit einem Worte das eigentliche, leibhaftige Ich kommt zumeist im Briefe zu überzeugender Anschauung und wirkt durch ihn am kräftigsten auch auf Andere. Es ist daher nicht zufällig, daß in religiös und politisch bewegten Zeiten allemal die Briefliteratur eine hervorragende Rolle spielte, und daß z. B. im Zeitalter der deutschen Reformation und der französischen Revolution die Briefe der Dunkelmänner und des Montesquieu fast den kräftigsten Antrieb zur Bewegung gaben. Wir wollen hier nicht von dem großen Antheil sprechen, den die Briefliteratur der Gaonim an unserer Kenntniß der jüdischen Geschichte hat, nicht davon, wie gerade aus derselben jene Männer eine Beleuchtung empfangen, eine Beurkundung ihrer Persönlichkeit, die uns ohne solche fehlen würde; wir lehnen hier vielmehr an den uns vorliegenden ycn miN von Maimuni an, der alle jene Momente, die wir an dem Briefe hervorhoben, vollauf darthut. Es war wieder einmal eine in ihren Tiefen aufgeregte Zeit, als der religiöse Fanatismus des Islam die Bekenner des jüd. Glaubens zur Annahme seines Bekenntnisses zwang. Bereits im Jahre.1146 blieb den Juden in Nordafrika (Bagreb) nur die Wahl, die Religion ver siegreichen Almohaden anzunehmen, oder auszuwandern; zwei Jahre später herrschte im südlichen Spanien derselbe Druck, und im Jahre 1172 standen auch die jüdischen Gemeinden von Jemen (Südarabien) unter dem Berhängniß einer schweren Religionsverfolgung. Hier, wie überall, war die Kraft des Glaubens (immer noch mächtig genug zum Widerstande, wenn auch fteilich die Scheinannahme des muhammedanischen Bekenntnisses sehr um sich griff, allein die Gefahr lag nahe, daß die Glaubenstreue allmälig Nachlassen müßte, da keine der befteienden Hoffnungen sich bisher erfüllt hatte, welche im Laufe der Jahrhunderte die um ihres Glaubens willen schwer bedrängten Juden mit so vieler Zuversicht in ihrem Herzen trugen. Man glaubte, wie nun einmal die Verirrung sich mit der ziellosen Sehnsucht verbindet, in der Constellation die Herankunft des Messias angeveutet zu finden, dem die gegenwärtigen Drangsale verleidend vorausgingen, und ein Schwärmer, der sich zum Dolmetsch dieser Glaubensansicht aufwarf, zeugte von sich, daß er der Vorläufer des Messias wäre, forderte die Reichen auf, ihren Besitz unter die Armen zu vertheilen und fand zahlreiche Anhänger. Dazu kam ferner, daß ein Abtrünniger