Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-01-12 · Heft 3 (12.1.1875) · p. Seite 35

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 3 (12.1.1875)
Date
1875-01-12
Page
Seite 35 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227014-3227018--33218-3302988
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

35 Das Wachsthum -er jü-. Bevölkerung in Preußen. Eine „Correspondenz vom Rheine" in voriger Nummer sprach sich über vie krassen Unrichtigkeiten aus, welche jüngst der „Israelit" in Mainz verbreitet hat, es seien im Jahre 1873 in ven alten preußischen Provinzen 90 Juden unv über 1300 jüdische Kinder gelaust worden,*) während nach den Berichten der Consistorien selbst nur 55 Juden (Männer, Frauen und Kinder, zur protestantischen Kirche übertraten, wohingegen eine namhafte Zahl zum Judenthume übergingen, z. B. in Berlin allein 13. Unsrem Grundsätze gemäß gehen wir hier nicht aus die Motive ein, aus welchen der Mainzer „Israelis" sich zum Werkzeug solcher Erfindungen unv Uebertreibungen macht. Sie liegen auch zu ossenbar und zeigen, zu welchem Wühlen in den eigenen Eingeweiden der Parteihaß sührt. Wir nehmen hiervon nur Gelegenheit, das Anwachsen der jüdischen Bevölkerung gerade in den 8 alten preußischen Provinzen zu besprechen. Wir lassen hierbei zunächst die Localbewegung aus einer Provinz in die andere, wie sie seil der auch den Juden zugestandenen Freizügigkeit, also seit 1847, stallgesunden, so daß sich z. B. die Zahl der Juden in der Provinz Posen vermindert, in den Provinzen Brandenburg und Sachsen vermehrt hat, außer Betracht, und sehen riese 8 Provinzen als ein Ganzes an. Zu Grunde legen wir die osficiellen Miltheilungen aus den resp. Volkszählungen in den Werken von Hoffmann, Dieterici und dem statistischen Bureau. Die erste Zählung sand zu Ende des Jahres 1810 statt und ergab 123,937 Juden. Die nächste zu Ende des Jahres 1822 ergab 144,737, wobei vielleicht, da die Vermehrung um 20,800 zu hoch erscheint, eine Verbesserung der Volkszählung einigen Antheil hatte. Die Zählung zu Ende des Jahres 1825 erwies 153,688, also einen Zuwachs von 9347; zu Ende des Jahres 1828: 160,978, hiermit einen Zuwachs von 7 690; hieraus zu Ende des Jahres 1831 : 167,330, mit einem Zuwachs von 6708. Die solgende Zählung von 1834 ergab 176,460, also einen Zuwachs von 9521, wovon jedoch 4Io auf die Erwerbung des Fürstenthums Lichtenberg kamen. Am Ende des Jahres 1837 fand die Volkszählung 183,579, also einen Anwachs von 7464. In diesen 15 Jahren von 1822 bis 1837 hatte sich durch den Ueberschuß der Geborenen über die Gestorbenen die Zahl der Juden in den 8 Provinzen um 33,054, durch Einwanderung um 7266 und durch das Fürstenihum Lichteuberg um 410 vermehrt. Hingegen waren in denselben 15 Jahren zusammen 1888 zum Christenlhume übergetreten. Der Ueberschuß der Geborenen über die Gestorbenen geschah nicht durch eine verhaltnißmäßig größere Zabl der Geborenen bei den Juden als bei den Christen, als vielmehr durch eine geringere Sterblichkeit bei den Juden als bei den Christen. Bei den *) Eine Berichtigung brachte auch die „Köln. Ztg." schon. Christen kam in dieser Zeit jährlich eine Geburt auf 25 Lebende, bei den Juden erst auf 28 Lebende, bei den Christen ein Sterbesall aus 33 Lebende, bei den Juden auf 45.*) — Am Ende des Jahres 1840 lebten in den 8 Provinzen 194,588 Juden, was für diese letzten drei Jahre den erstaunlichen Zuwachs von 11,009 ergiebt. In IS Jahren hatten die Christen sich um 28, die Juden um beinah 35 pCt. vermehrt.**) Wir kommen zu dem Jahre 1843, über Lessen Ergebnisse der Nachfolger Hossmanns Dieterici em ausführliches Werk verössentlicht hat. l Berlin 1845.) Es ergaben sich 206,529, also ein abermaliger Zuwachs von 11,941. Dagegen waren in diesen letzten 6 Jahren zusammen 654 Juden, also schon bedeutend weniger als früher, zum Christenlhume übergegangen. Der Procenssatz beträgt ungefähr 0,17. Wir müssen die Nachsicht unserer Leser auf diesem Zeitpunkte in Anspruch nehmen, insofern wir sofort zur Volkszählung im Jahre 1867 übergehen. Es fanden selbstverständlich in diesen 24 Jahren die Zählungen regelmäßig statt, und ebenso regelmäßig veröffentlichten wir die Ergebnisse in diesem Blatte; aber es liegen uns Sammelwerke nicht vor, und die Kürze der Zeit gestattet uns nicht, die zerstreuten Notizen aufzusuchen. Die Zählung im Jahre 1867 ergab in den alten Landestheilen Preußens, also ohne die annecrirten Provinzen, 262,726 Juden, also eine Vermehrung von 56,197, was durchschnittlich auf je eine Zählung eine Vermehrung von 7,024 ausmacht. Es ist hierbei nicht außer Acht zu lassen, daß die Methode der Zählung sich immer schärfer entwickelte. Die annectirten Provinzen eingeschlossen belief sich 1867 die Zahl der Juden im ganzen preußischen Staate auf 313,156, so daß die neuen Provinzen (Hannover, Hessen, Nassau, Frankfurt am Main, Schleswig-Holstein» 50,430 Juden zubrachten. Die nächste Zählung fand erst 1871, also nach 4 Jahren statt und ergab in Preußen 325,587 Juden, also einen Zuwachs von 12,431, was auf den ftüheren dreijährigen Zeitraum einen Zuwachs von 9324 ausmacht, wohingegen in diese Zahlen die jüdische Bevölkerung des ganzen preußischen Staates eingeschlossen ist. Die Juden bildeten 1871 demnach 1,32 pCt. der Gesammtbevölkerung, wahrend sie 1867 nur 1,30 pCt. ausmachten; sie haben sich also auch gegen das Berhälmiß zur christlichen Bevölkerung nicht unwesentlich vermehrt. Wenn irgendwo, so sprechen hier die Zahlen vernehmlich. Bon 18 l 6 bis 1867 stieg die Gesammtbevölkerung der 8 preußischen Provinzen von 10,349.631 auf 19,672,237; in denselben 50 Jahren stieg aber die jüdische Bevölkerung von 123,937 auf 262,726, also die Gesammtbevölkerung um nicht ganz 9 i pCt., die jüdische Bevölkerung um 112 pCt. *) S. Die Bevölkerung des preuß. Staats nach dem Ergebnisse der zu Ende des Jahres 1^73 amtlich aufgenommencn Nachrickren von I. G. Hoffmann, Director des statistischen BnreanS;u Berlin. Berlin l>>39. **> 0. Hoffmann in dir. 141 der „Preußischen Staats Heilung." 3 *

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.