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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-01-12 · Heft 3 (12.1.1875) · p. Seite 34

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 3 (12.1.1875)
Date
1875-01-12
Page
Seite 34 (sequence 2)
Language
German
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34 Mißbräuche zu beseitigen und welche bessere Einrichtungen einzuführen wären, ohne den Grundsatzungen des jüdischen Cultus untreu zu werden. Diese Erscheinung aber zeigt unwiderleglich darauf hin, daß die gesammte Maße der Juden durchaus von dem Verlangen nach der Einheit innerhalb ihres Bekenntnisses und ihres Stammes beseelt ist, einer Einheit, die in unserer Zeit und unter den Verhältnissen der Juden mit der Freiheit des Individuums eins ist. Was daher an Bruch und Spaltung bis jetzt vorgekommen, ist lediglich das Werk einer Anzahl Wortführer, welche durch alle möglichen Mittel die Masse aufzuhetzken, zu einer Partei zu organisiren und auf diese Weise eine hervorragende Stellung gewinnen wollten. Wir sind fest überzeugt, daß dies das unparteiische Uriheil der späteren Zeiten sein wird. Zunächst weil wir persönlich das Vorhandensein verschiedener Richtungen innerhalb deS JudenthumS als ebenso selbstverständlich zu einer Zeit der Umgestaltung, wie wohlthätig ansahen, um Einseitigkeit und Ueberstürzung zu verhindern. Der Kampf der Meinungen erhält nicht blos das Interesse und Stteben wach, sondern dient dem inner« Geiste zur Entfaltung und führt zu einer festeren Ueber-- zeugung. Es kommt hierbei aber Alles auf die Art und Weise an, wie der Kampf geführt wird, auf die Ziele, die man sich steckt, auf die Mittel, die man verwendet. Was haben nun die sogenannten orthodoxen Wortführer gethan? Sie dringen überall auf Trennung in den Gemeinden — dies ist ihr Ziel; sie lästern und verketzern alle Personen, die nicht ihrer, der Wort-, führer Fahne angehören, in der gehässigsten und verleumderischesten Weise — dies sind ihre Mittel. Für reu Gehalt ihrer Sache, für die Durchbildung ihrer Meinung, für die geistige Belebung ihrer Richtung geschieht von ihrer Seite fast gar nichts, denn die literarischen Leistungen des Einzigen unter ihnen, der solche geliefert, sind so besonderer und confuser Art, daß ein aufrichtiger Orthodoxer sie ebenso wenig billigen und annehmen kann, wie ein Reformgesinnter. Vielmehr tritt man ganz in die Fußtapfen der ordinärsten Ultramontanen. Statt der Sache wirst man sich auf die Personen, beschimpft sie in unverschämter Weise, verdreht jede ihrer Handlungen und dichtet an, wo keine solche vorhanden; man streut überall die Saat der Zwietracht aus und zieht in den Staub, was irgend hoch gehalten wird. So geht man von einer Gemeinde zur andern, von einem Rabbiner und Lehrer zum andern, und sättigt seinen Grimm einen Tag wie den andern irgend wo anders. Vergebens liebäugeln diejenigen mit ihnen, welche gern eine Mitte einhalten möchten; auch sie kommen an die Reihe und empfinden den bitteren Trank um so mehr, als sie sich gern auf ihre persönliche Orthodoxie stützen mochten. So haben diese hyperorthodoxen Skribenten sich in den unreligiösesten und unsittlichsten Fanatismus Hineingetrieben; sie versuchen durch einen gewissen Terrorismus zu herrschen und wirken überall, wo sie einige Wurzel fassen, in zerstörendster Weise. Allerdings macht sich dasjenige Publikum, welches diesen Bestrebungen Vorschub leistet, der schweren Schuld theilhaftig. Allein man darf nicht vergessen, daß man es überall mit Menschen zu thun hat, und sich außer der geringen Zahl wirklicher Anhänger immer solche finden, die am Skandal Vergnügen haben. So hat das neuere Judevthum nicht die Bortheile, wohl aber die Schäden und die Schmach von Parteiungen; nicht Erhebung und Belebung des Geistes ist deren Folge, sondern gemeiner Zank und Zerrüttung der Gemeinden. Denn nicht unerwähnt darf man hierbei lassen, weil es ganz besonders charakterisirt. daß sehr häufig auf der Seite dieser Neuorthodoxen sich Männer befinden und mitkampfen, welche für ihre Person aller jüdisch-religiösen Lebensweise sich entzogen haben. Es ist dies Alles sehr bedauerlich; denn, selbst abgesehen vom religiösen und sittlichen Schaden, gehen bei dieser Klopffechterei und Gemeindezäukerei viele Kräfte verloren, die nützlich zu verwenden wären. Und dies gerade in einer Zeit, wo von so vielen Seiten zersetzende Elemente auf die Religion einstürmen und die religiöse Anschauung zu untergraben und umzustürzen sich bemühen. Es ist ja nicht zu verkennen, daß die Strömung dessen, was man allgemeine und wissenschaftliche Bildung nennt, gegen die bestehenden Religionen, gegen die aus der ganzen Vergangenheit des Menschengeschlechtes hervorgegangene Weltanschauung gerichtet ist. Nicht blos die Philosophie und die Wissenschaft treten zu einem großen Theile gegen die religiöse Anschauung auf — dies wäre kein Uebel, denn in solchem Kampfe entwickelt sich erst recht die Innerlichkeit des religiösen Denkens und Fühlens — sondern gewissermaßen die öffentliche Meinung, die allgemeine geistige Atmosphäre, freilich in ihrer ganzen Oberflächlichkeit, ist gegen die Religion gerichtet und lockert die Bande, welche insonders die aufwachfendeu Geschlechter an diese knüpfen. In diesem Kampfe, inmitten rer daraus entflossenen Wirren, hat das Judenthum die Bestimmung und die Befähigung, sowohl für feine Bekenner, als auch für Alle, welche darauf hören wollen, einen festen Mittel- und Anhaltspunkt abzugeben, und lauter als je ihre großen ewigen Lehren der Menschenwelt zu verkünden. Wir sagen Befähigung, weil seine Lehren mit dem Verstände und dem Herzen, mit der wahren Wissenschaft und den unveränderlichen Empfindungen in keinem Widerspruche und Gegensätze stehen, und weil es in der ganzen geschichtlichen Anlage desselben lag und liegt, daß alle Menschen seine Lehren in sich aufnehmen können, ohne sich individuell zu ihnen bekennen zu müssen. Abwehr und Vertheidigung nach allen Seiten hin und zugleich offene Aussprache und Begründung gehören deshalb zu den unerläßlichen Aufgaben, die zu lösen sind. Die Lösung selbst, soweit sie nach den vorhandenen Kräften und im Laufe der Zeit möglich ist, kann nur durch Ernst und Gewissenhaftigkeit, durch Würde und Unermüdlichkeit mit Erfolg angestrebt werden. Sittlicher Adel, wahrhafte Herzensfrömmigkeit, feste Ueberzeugung, Muth und Eifer vermögen allein auf dem religiösen Gebiete Dauerhaftes zu leisten.

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