Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 3 (12.1.1875)
- Date
- 1875-01-12
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung -es Iudenthums. Eiu unparteiisches Organ für alles Wische Interesse. HerauSgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippsou in Bonn. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. Beilagen werden mit 1 Mark 50 Pf. pro Hundert berechnet. Dieke Seitmc »rCA»?«* tnSÄoitliA e inma l «2 bi» 2>^Boz°^P^iS BierteliShrig 3 Mark. Llserate werden mit 20 Pf. kü, die Petitzcilc oder de Rämrr berechnet, «lle BuchhaudUmg wnzeu. «ende «LN ftan vr. $. jlilippfon tn Sonn; binfi-tlide» Bezug» und der Inserate an Lan»gSrt»rr'» Lnchdandla»? «Leipzig. I»str«»r, welch« bi« vouurr,- taz eingehen, finden inderrarauffolgen» den Nnnnner Berückfichtigimg. 39. Jahrgang. Leipzig, den 12. Januar 1875. JS? 3. 3»ball. Leitende Artikel: Zum itcneii Jadrgan.q. III — Das WachStbum der jüdischen Bevölkerung in Preußen. — Der Schein. Austritt aus dem Judenthume. — Literarischer Wochenbericht: Potsdam. — Äeitungsnacbrimten: Deutschland: Berlin, Schrimm. Köln, Bromberg. —Oesterreich-Ungarn: Wien, Brünn — S cbweiz: Ans der Schweiz. St. Gallen.— P ers ien: London.- Feuilleton: Jüdisch-arabische Poesie aus vormubammedaniscbcr Zeit. — Vermischtes. i?citc4tc)e (3Lxh(\cL Bonn, den U. Januar. Zum neuen Zahrgany. in. Unter diesen Berhältniffen, daß zahllose Individuen sich immer mehr den überkommenen Satzungen entzogen, hingegen die Gemeinden mit den Reformen des Gottesdienstes fest aus dem Boden des geschichtlichen Judenrhums verblieben, hatte man voraussetzen sollen, daß der Widerspruch der Stabilen, welche sich die Orthodoxen nennen, sich vorzugsweise gegen diese Richtung der Individuen und nicht gegen die Gemeinden wenden würde. Man hatte glauben sollen, daß sie aus eine sichtbare Trennung von allen den Personen hinarbeiten würden, welche mehr oder weniger von den überkommenen Satzungen in ihrer Lebensweise sich losgesagt hatten, also auf diesem Gebiete eine Sectenbildung bewirken würden. Nichts von allem Diesem. Hingegen wandten sie sich gegen die Gemeinden und ihren Gottesdienst. Zwar Predigten unv Chorgesag führten die Orthodoxen zum Theil selbst ein; auch die Beseitigung einiger Piutim konnten sie nicht verwerfen. Ihr Widerspruch ging daher genau genommen lediglich gegen die Einführung der Orgel. Es liegt uns in diesem Augenblicke nicht ob, aus diese näher einzugehen, noch dazu, da diese Frage schon so oft und gründlich behandelt worden. Aber man sieht leicht ein, daß eine aufrichtige Orthodoxie vielmehr darnach gestrebt hätte, die Gemeinden auf ihrem bisherigen vorsichtigen und den Bedürfnisien der Zeit gegenüber langsamen Wege fest zu halten. Aber dies war nicht der Fall, sondern man ließ sich in ein Toben gegen die Gemeinden ein und drang auf Trennung von diesen, auf Spaltung der bisherigen Gemeindeeinheit. Wir wollen hier nicht gegen diese Nachsicht für die Individuen und Feindseligkeit gegen die Gemeinden uns ausführlich aussprechen, sondern beabsichtigen nur, sie zu charakterisiren. In der Tiefe liegt allen diesen Erscheinungen ein wesentlicher Umschwung der Anschauung zu Grunde. Es tauscht sich, wer dieselben nur aus äußerlichen Momenten herschreibt. Die alte, aus dem talmudischen Boden erwachsene Anschauung ist, daß alle überkommenen Satzungen eine unveränderliche Verpftichtung sind, so daß deren Verletzung ein strafrechtliches Motiv ausmacht. Hiergegen brachte der Geist der Neuzeit die Anschauung hervor, daß Alles, was dem Gebiete der Religion angehört, Sache des Gewisiens und der Ueberzeugung sei, so daß nur der eine strafbare Handlung begeht, der gegen sein Gewissen und seine Ueberzeugung handelt, so daß also ein Jeder auch hinsichtlich der Satzungen seiner Ueberzeugung und seinem Gewissen nach zu verfahren habe. Der Bestand dieser beiden, sich gegenüberstehenven Anschauungen, ist eine Thatsache, die in der geistigen Entwickelung unserer Tage ganz unausbleiblich war. Die Orthodoxie wäre daher ganz in ihrem Rechte gewesen, wenn sie sich von allen den Personen gettennt hätte, welche sich zu der letzteren Anschauung bekannten. . Dies that sie aber facti sch nicht, sondern trat nur gegen die Gemeinden auf, welche sich von der alten Anschauung gar nicht losgesagr hatten, sondern nur untersuchten, welche in dem öffentlichen Gottesdienst eingeschlichene