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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-01-05 · Heft 2 (5.1.1875) · p. Seite 21

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 2 (5.1.1875)
Date
1875-01-05
Page
Seite 21 (sequence 5)
Language
German
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21 und Sittlichkeit! Wie falsch ist es, daß die h. Schrift und das auf sie basirte Judenthum die Sittlichkeit nur in der strikten, blinden Unterwerfung bestehen glaubt, während sie überall die Freiheit des Willens anerkennt, das Thun des Menschen aus der freien Wahl hervorgehen und ihn stets zwischen dem Guten und Bösen stehen läßt, um nach seiner freien Entschließung Las Eine oder Las Andere zu thun oder zu lasten. Diese Wahl und dieser freie Wille setzt den innern Kamps in der Seele des Menschen voraus, in welchem Kampfe das Eine oder das Andere siegt und sich durch den Willen des Menschen in die That wandelt. Hiermit haben wir die ganze sittliche Welt im Menschen erkannt und anerkannt, und von einer „strikten", blinden Unterwürfigkeit, wie ihn der Fatalismus lehrt, kann nicht die Rede sein. Selbst in den subjectivesten Aeußerungen der heil. Schrift, in den lyrischen Gesängen der Psalmisten, wenn der Dichter bis auf den Abgrund des Meeres gesunken, von den wilden Wogen sich überstürzt sieht, erhebt sich seine Seele zum freien Kampfe mit den feindlichen Mächten und des Sieges gewiß, weil er das Recht auf seiner Seite weiß, „der Gerechte aber nie untergehen könne"! Dies ist doch eine Würdigung und Hochschätzung der Sittlichkeit und der sittlichen Macht, wie sie schließlich durch alle philosophische Definitionen zusammengenommen nicht erreicht wird. Das Hauptgewicht liegt jedoch in den Worten Hartmanns: „So lange kann alle Moralität nur aus dem von außen an mich herantretenden Gebot beruhen, oder heteronom sein. Nun fängt aber die wahre Moralität erst mit der sittlichen Autonomie an, und die heteronome Moral, wie werthvoll sie auch als Erziehungsmittel für Unmündige sein mag, wird zur unsittlichen Bekämpfung der wahren und alleinigen Sittlichkeit, wenn sie sich ausdrücklich an deren Stelle setzt." Wir bekennen offen, daß wir eine solche Einseitigkeit, einen solchen Mangel an Scharfblick und Sachkenntniß von Hartmann nichr erwartet hätten. Die Religion, die wahre, nicht die entstellte und verkümmerte, hat nicht erst aus die moderne Cultur oder auf Das jüngste Philosophem gewartet, um den sittlichen Werth einer Handlung erst mit der freien Selbstbestimmung aus dem sittlichen Bewußtsein heraus ansangen zu lasten. Nichts aber ist einseitiger, als alle Handlungen nur als heteronome und autonome zu unterscheiden, und nun jede Handlung, die in Folge eines Gesetzes geschieht, für heteronom auszugeben. Heteronom, d. h. das Gesetz eines Anderen, ist jede Vorschrift, der nur aus Zwang, sei es durch Strafe oder Lohn, Folge geleistet wird, während autonom die Pflicht ist, welche ich als solche erkenne und deshalb erfülle. Wer sich aber irgend aus dem Gebiete der Psychologie umgesehen, der wird wisten, daß ein heteronomes Gesetz, indem wir es in uns als eine Pflicht erkennen, mit unsrem sittlichen Bewußtsein Lurchdringen, es nicht mehr aus Zwang, sondern aus unsrem eigenen sittlichen Gefühle heraus erfüllen, vollständig autonom wird, deshalb gar nicht mehr als heteronom gelten kann, und ganz und gar moralisch geworden. Der Staat verbietet bei Strafe Diebstahl und Betrug. So lange Jemand beides vermeidet, um nicht der Strafe zu verfallen, ist es ein „von außen an uns herangetretenes" Gesetz, und seine Erfüllung hat keinen moralischen Werth. Sobald aber die Heiligkeit des Eigenthums in nur so lebendig geworben, daß ich das Gesetz des Staates auch da erfülle, wo ich die staatliche Strafe nicht zu fürchten brauche, und mich des betrügerischen Gewinnes enthalte, weil ich dies von meiner sittlichen Würde und Pflicht gefordert glaube, so ist dies autonom trotz des bestehenden Heteronomen Gesetzes. Wenn ein Bürger als Soldat eingezogen, einexercirt, in den Krieg geführt, zum Gefecht commandirt wird, so ist dies Alles heteronom und der pünktliche Gehorsam noch nicht moralisch. Aber wenn dieser selbe Bürger, obwohl sich der Gefahr seines Lebens und der Verstümmelung seiner Glieder, des Schmerzes seiner Eltern, der trostlosen Lage seines Weibes und seiner Kinder bewußt, in den Kamps sich stürzt, um sein Vaterland und besten Ehre retten zu Helsen, seinen Officier und seine Kameraden aus den Feinden herauszuhauen u. s. w. — dann ist in ihm, ungeachtet aller Heteronomen Commandos, dies völlig autonom, von höchstem sittlichen Werthe geworden, es har sich zum Patriotismus gestaltet, was nur Disciplin war. Diese elementare Erkenntniß, daß formulirte Gesetze, die sich als den Willen eines Anderen kund thun, aushören heteronom zu sein, sobald sie zum inneren sittlichen Bewußtsein sich erheben und nicht mehr wegen Strafe und Lohn, vielmehr aus eigenstem Pflichtgefühl und Pflichtbewußtsein befolgt werden, sondern daß sie mir dieser Operation als autonom anzusehen, ihre Erfüllung demnach sittlichen Inhalt hat, diese elementare Erkenntniß brauchten wir wohl schwerlich Hartmann vorzuführen, wenn er sich nicht eben des Effectes wegen darüber hinweggesetzt hätte. So lange die Religion als Kirche sich der Zuchtmittel bediente und bedienen konnte, durfte man ihre sittlichen Vorschriften als heteronom bezeichnen; aber selbst damals brauchten sie es nicht zu bleiben, sondern konnten in wahrhaft frommen Seelen im idealsten Maße autonom werden. Die wahre Religion wird ihre Vorschriften niemals als heteronom, als Gesetze eines Anderen zu blinder Unterwerfung hinstellen, sondern ihre erste Bedingung wird sein, daß deren Befolgung aus freier Wahl und sittlichem Bewußtsein, als Forderung des eigenen sittlichen Gefühles vor sich gehe. Nur e i n Beispiel als Beweis. Vor der ersten wirklichen Sünde, vor der Mordlhat Kains geht nicht eine Strafandrohung voraus, sondern „der Ewige spricht zu Kain: „Warum verdrießt es Dich und warum senkt sich Dein Antlitz? Nicht so? wenn Du gütig bist, trägt es sich, und wenn Du nicht gütig bist, lagert vor der Thür die Sünde, nach Dir ist ihr Begehren, Du aber könntest herrschen über sie." < 1 Mos. 4, «i. 7). Dies ist, was die Religion vor der Thal zu und in der kämpfenden Seele spricht: Du allein bist die Quelle Deines sittlichen Werches und Verhaltens: dies ist das Gute und dies ist das Nichtgute; daS

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