Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 2 (5.1.1875)
- Date
- 1875-01-05
- Page
- Seite 20 (sequence 4)
- Language
- German
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20 durch tiefe Sittengesetze den Menschen erziehen wolle, unv daß sie hierzu auch geeignet feien — aber nur so lange, bis der Mensch zum eigenen vollkommenen Sittlichkeitsbewußtsein gelangt sein wird, unv das Gute ganz allein aus dem eigenen Bewußtsein heraus lhut. Indem Hartmann nun selbst ein Sittengesetz ausstellt, macht er ja die Philosophie auch nur zu einem Erziehmittel. Ist dies Hartmanns Meinung, so denken wir, daß die Religion dieses ihr Erziehamt niemals wird ausgeben dürfen, und zwar nicht allein zur Erziehung des Individuums wahrend seiner Jugend, sondern während seines ganzen Lebens. Denn es giebt keinen Menschen, der nicht immer wieder aus seinem sittlichen Bewußtsein heraussällt und durch Leidenschaften bewegt, wider sein höchstes Bewußtsein handelt. Wir verdenken es daher Hartmann gar nicht, daß er ebenfalls nach einem solchen Erziehmittel sucht und ein Sittengesetz ausstellt — nur muß er sich bewußt sein, daß er hiermit nichts Anderes thut als die Religion, und daß er es, wie wir gezeigt haben, viel mangelhafter thut als diese. — Doch worin besteht der Borwurs und Angriff Hartmanns gegen die Religion? Wir müffen die ganze Stelle (S. 29) hier abschreiben: „So lange ich nämlich einen theistischen Gott glaube, der mich sammt der Welt geschaffen, und dem ich gegenüberstehe, wie das Gesäß dem Töpfer, so lange bin ich ein Nichts gegen ihn, eine Scherbe in seiner Hand, und kann meine Sittlichkeit in nichts anderem bestehen, als in der strikten, blinden Unterwerfung unter den allmächtigen heiligen Willen dieses transcendenten Gottes, d. h. so lange kann alle Moralität nur auf dem von außen an mich herantretenden Gebot beruhen, oder heteronom sein. Nun fängt aber die wahre Moralität erst mit der sittlichen Autonomie an, und die heteronome Moral, wie werthvoll sie auch als Erziehungsmittel für Unmündige sein mag, wird zur unsittlichen Bekämpfung der wahren und alleinigen Sittlichkeit, wenn sie sich ausdrücklich an deren Stelle setzt. Da nun aber der Theismus kein Moralprincip über oder neben dem göttlichen Willen dulden darf, so muß alle theistische Moral nothwendig unsittlich wirken, insofern die Bildung schon bis dahin fortgeschritten ist, daß die sür sittliche Autonomie nothwendige Reife des Geistes erlangt ist. Das moderne sittliche Bewußtsein ist sich nun aber darüber schon ganz klar, daß Handlungen, die nur gehorsame Ausführungen eines fremden Willens sind, niemals einen sittlichen Werth im eigentlichen Sinne beanspruchen können, vielmehr die moralische Bedeutsamkeit erst bei der selbstgesetzgebenven Selbstbestimmung ansängt." — Alles in diesen Sätzen ist übertrieben, einseitig und darum falsch. Allerdings wird in der h. Schrift an einigen Stellen Gott und Mensch mit dem Töpfer und dessen Werk verglichen, jedoch nur in zwei Beziehungen, nämlich daß der Mensch ohne seinen Willen geschaffen wird, wie ein Gefäß vom Töpfer, und daß Siechthum, Tod und Untergang über den Menschen kommen, ohne daß sein Wille in Betracht kommt, wie das Gesäß des Töpfers, das zerschlagen wird. So heißt es «Jesajas 64, 7,: „Nun aber, Ewiger, unser Baker bist Du, wir der Thon, Du unser Bildner, und Deiner Hände Werk wir Alle." (Bgl. 29, 16. 45,9). (Man sieht, das Berhältniß ist mit dem Gleichniß vom Töpfer nicht erschöpft.) Ebenso hinsichtlich des Schicksals sagt Jeremias 15,6: „Siehe, wie der Lehm in der Hand des Töpfers also seid Ihr in meiner Hand, Haus Israel." Nun, sind dies keine Wahrheiten? können Philosophie und Naturwisienschaft etwas Anderes lehren? Setzet doch in Eurem Sinne statt „Gott" etwa „Natur" — könnt Ihr da Anderes sagen, als daß der Mensch ein Werk dieser Natur ist, ohne daß sein Wille befragt worden, also daß Ihr sagen müffet: „Wir sind der Thon und die Natur die Bildnerin"? Müsiet Ihr nicht zugesteheu, daß zahllose Menschen von dieser Natur „wie ein Gefäß von der Hand des Töpfers zerschlagen werden", wie der Blitz den Menschen trifft, der Sturm ihn niederschmettert, die Lawine ihn begräbt? Also ist in diesen beiden Beziehungen des Geschaffenwerdens und des Erleidens solcher Schicksale, die wir nicht verursacht haben und nicht abzuwenden vermögen, das Gleichniß vollständig richtig, und kann von dem pessimistischesten Pantheisten nicht besser ausgedrückt werden. Falsch aber ist es. wenn Hartmann hiermit das Wesen des Menschen nach den Lehren des Judenthums als erschöpft ausgiebt, wenn er fortfährt: „So lange bin ich ein Nichts gegen ihn und kann meine Sittlichkeit in nichts Anderem bestehen, als in der strikten, blinden Unterwerfung unter den allmächtigen heiligen Willen dieses Gottes." So wenig wie das Wesen des Brenschen dadurch erschöpft ist. daß er der Natur gemäß ohne seinen Willen geboren wird, und viele Geschicke derselben Natur gemäß über ihn kommen, ohne daß er sie will — so wenig hält die heil. Schrift es damit erschöpft, daß sie das Gleichniß vom Thone und Töpfer gelegentlich einmal braucht. Sie hat durchaus nicht auf die Philosophie gewartet, um einen hohen Begriff vom Wesen des Menschen aufzustellen, und auf sie gestützt, werden wir diesen auftecht erhalten, und wenn der Pessimismus noch hundertmal mehr grassirte, als er es in unsrer Zeit thut. Es ist nicht blos die Schöpfungsgeschichte, welche die Gottebenbildlichkeil des Menschen in Selbstbewußtsein, Willensfreiheit und Sittlichkeit lehrt, sondern viele Stellen sprechen dasselbe aus, ja, wir können sagen, der Geist der ganzen heiligen Schrift, der sich nur hier und da nach der subjectiven Stimmung und Situation anders ausprägt. Man lese nur als Beispiel den Psalm 8, und darin B. 6 und 7: „Du ließest ihn (den Menschen) der Gottheit um wenig ermangeln, kröntest mit Ehre und Herrlichkeit ihn, setztest zum Herrn ihn über Deiner Hände Werke, Alles legtest Du unter seine Füße". Höheres kann doch wohl vom Menschen nicht gesagt werden; hier ist nichts vom Thon und vom Töpfer, nichts vom Gefäß und Scherbe, sondern baß der Mensch hoch über alle andern Geschöpfe der Erde erhoben, voll Adels und Würde und mit Gottähnlichkeit begabt sei — und wodurch dies? Doch nur durch Erkenntniß