Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227014-3227016--33192-3302960- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
11 bewerben, oder auf die behördliche Bestätigung und damit auf das Recht Trauungen vorzunehmen, die Matrikel zu führen u. s. w. zu verzichten. Frankreich. Paris, 15. December. Am 3. d. feierten Crömieux und seine Gattin ihre goldene Hochzeit und empfingen zu diesem Feste die zahlreichsten Glückwünsche. Paris, 18. December. (Privatmitth.) Ueber den gewichtigen Kampf, der jetzt in Deutschland gegen den Ultramontanismus geführt wird, dürfen die Berhältniffe in anderen Staaten, wie sie sich daselbst' entwickeln, nicht übersehen werden, und nimmt hierbei wohl Frankreich, diese Wiege der gesetzlichen Religionsfreiheit in Europa, einen Vordergrund ein. Hier geht es aber gegenwärtig gerade in entgegengesetzter Weise wie in Deutschland zu. Wahrend im letzteren die Regierung an der Spitze der freisinnigen Ideen gegen die klerikale Verdunkelung und Knechtung steht, gewinnt die jesuitische Partei von Tag zu Tag mehr Boden bei uns, und die Regierung giebt ihr nach und nach alle wichtigen Positionen Preis. Die römische Partei halt es im Grunde mit den Legitimisten; sie verdirbt es aber auch durchaus nicht mit den Bonopartisten, und schließlich begnügt sie sich auch mit den Männern des Seplemniums von Mac-Mahon; als Todfeind betrachtet sie nur die Republik, weil diese sich auf die Grundsätze von 1789 stützt. So agitirr sie vermittelst der Majorität der Nationalversammlung und hat darum auch die Regierung in ihren Händen. Nachdem sie durch Las jüngste Gesetz die Armee unter ihre, die klerikale Fahne gebracht, ist gegenwärtig ihr Hauptziel, dem Staate dadurch das ganze Unterrichtswesen zu entziehen, daß sie der Universität ihre bisherigen Vorrechte rauben will. Unter der trügerischen Devise „Freiheit des Unterrichts" will sie das Recht haben, neben den Universitäten selbst Academien Herrichten zu können, welche die jungen Leute für alle Carriören ausrüsten und mit den Graden versehen können. Hat sie dies Recht erobert, so werden ihr die Mittel auch nicht fehlen, und dann Gnade Gott allen denen, welche auf den Universitären studirt haben. Man wird sie als Freidenker und Revolutionäre verketzern und von den Staatsämtern ausschließen, in die nur die Schüler der jesuitischen Academien gebracht werden, so daß schließlich die Hörsäle der Universitäten veröden. Dies ist das Ziel dieser Partei, und da sie, sobald sie ein Moment der Macht erlangt hat, dasielbe auf das Geschickteste zur Erreichung eines anderen zu benutzen versteht, so ist der Staat verloren, der nicht schon in den Ausgangspunkten sich ihrer erdrückenden Umarmung entwunden hat. Was unter diesen Umstanden aus der Religionsfreiheit und insbesondere aus der Lage der Juden zu werden droht, brauche ich hier kaum anzudeuten. Die Juden in Frankreich sind an Zahl zu gering und die Protestanten verhältnißmäßig ebenso schwach und noch dazu gegenwärtig in zwei feindliche Parteien gespalten, um ein Gewicht in die Wagschale zu werfen. Es ist auch hier ein eigenthümliches aber erklärliches Geschick, welches den Juden aus der Herrschaft der freisinnigen Partei eine Existenzfrage macht, so daß sie nicht einmal eine individuelle politische Anschauung berücksichtigen dürfen, wenn sie ihr Dasein selbst nicht aufs Spiel setzen wollen. Hinterdrein freilich machen ihnen die Gegner auch hieraus neue schmähliche Vorwürfe. Schweiz. St. Gallen, im December. (Privatmitth.) Wenn man die verschiedenen Berichte aus unserem Schweizerländchen, wie aus Bremgarten, Bern :c. über das intolerante Verfahren der dortigen Schulbehörden gegenüber den israel. Schülern liest, so ist man leicht versucht. St. Gallen für eine Oase in der Wüste zu halten. Hier wurde schon vor einem Jahrzehnt isr. Schülern das Schreiben am Sabbath erlaffen und sind dieselben auf ein bezügliches Gesuch des Unterzeichneten vom Schulbesuch an den hohen Festtagen ein für alle mal dispensirt. Ebenso kamen sammtliche Schulbehörden einem zweiten Gesuch, nämlich die isr. Religionsnoten gleich den übrigen im Schulzeugniß mit aufzunehmen, bereitwilligst nach. Za, noch mehr, als vor circa zwei Jahren die Versammlung der evangelischen Schulgenoffenschaft zur 'Neuwahl ihres Schulvorstands schritt, wurde Unterzeichneter von christlicher und zwar von gewichtiger Seite zum Mitglied desselben vorgeschlagen und würde auch sicherlich gewählt worden sein, wenn ihm nicht das Schweizerbürgerrecht als Conditio sin»* «t">» non gefehlt hätte. Solche Beispiele genügen wohl, um die hiesige, seit der berüchtigten Schachtaffaire total veränderte und mir damaligen Vorgängen contrastirende Stimmung im Allgemeinen zu signalisiren.^) Rabbiner Dr. Engelbert. Italien. Rom, 5. December. 1 Privatmitth.) In den ultramontanen Blättern Italiens findet man nichts häufiger, als die bittersten Schmähungen auf die Juden, weil sie der Regierung im Verkaufe der eingezogenen Güter todter Hand, d. h. der Klöster und Kirchen, helfen und diese Güter an sich bringen. Für jeden vernünftigen Menschen wäre dies, falls es wahr wäre, durchaus kein Vorwurf, vielmehr eine Handlung patriotischen Interesses. Denn wenn die Regierung durch das Gesetz verpflichtet ist, diese Güter einzuziehen und für die bürgerliche Gesellschaft nutzbar zu *) Der gesch. Herr Correspoudent bezieht sich in Obigem aus mcbv fach in neuerer Zeit vorgekommcne Falle» wo jüd.-Lchülcrn in schweiß zerischen Schulen die Erlaubniß, am Sabbath nicht zu schreiben, ober an den hohen Festtagen den Unterricht zu versäumen unter Androhung aus der Schule verwiesen zu werden, verweigert wurde. Alle Recur'e halsen nichts, selbst ein solcher an den Nationalrarh. Man antwortete: Die Mehrheit der Staatsangehörigen hat zu bestimmen und nach dein Gewissen Einzelner könne man sich nicht richten. So versteht man in der Schweiz die Religionsfreiheit. Die Redaction. 1 *