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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-01-01 · Heft 1 (1.1.1875) · p. Seite 6

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 1 (1.1.1875)
Date
1875-01-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 Es geht durchaus nicht so weit wie die Stoa, die Mühsale und Leiden, die den Menschen betreffen, hinwegzuleugnen; aber indem es der Arbeit den Gedanken des segensreichen Ertrages, dem Leiden den Gedanken des Gottvertrauens und des zum Besten gereichenden Zweckes einsenkte, nahm es ihnen die Empfindung der Bitterkeit, und ließ die Seele an ihnen fich erbauen und erheben; der geprüfte nnd erprobte Mensch hat eine solche Entwickelung seiner Kräfte und ein so gestärktes Bewußtsein in jenen erfahren und mit sich davon getragen, daß er in der That diese Prüfungen nur als einen Gewinn, dessen er sich zu freuen vermag, ansehen wird. Die Sünde endlich ist nur ein Berhältniß des Menschen zu sich selbst, haftet nur an dem Individuum und wird durch Reue und Umkehr, wenn nicht in den naturgemäßen Folgen, doch in der Schuldhaftigkeit ausgelöscht und beseitigt. Dies ist der Optimismus des Judenthums. (Fortsetzung folgt.) Literarischer Wochenbericht. Vom Rheine, 11. December. Eine der intereffantesten Aufgaben für einen jüdischen Historiker wäre es, die Verzweigungen der aus Spanien und Portugal vertriebenen Israeliten zu verfolgen und deren äußere und besonders auch Culturgeschichte zu schildern. Wir glauben, daß eine solche Darstellung den glänzendsten Beweis für die Bildungssähigkeit, die hohe Begabung und zugleich die conservativ-patriotische Anlage des jüdischen Stammes liefern würde. Eine hervorragende Stelle in dieser Geschichte würden die Ansiedelungen der spanischen Juden in der Gascogne, also im südwestlichen Theile Frankreich's, verdienen. In den Jahren 1550 und 1574 erhielten die aus rer spanischen Halbinsel verjagten Juden von den Königen Heinrich 11. und 111. die Erlaubniß, sich in dem Gouvernement Bayonne niederzulaffen, wo sie in den Städten Sr. Jeom de Lu; u. St. Esprit ihre Haupsitze hatten. Zumal diese letztere Gemeinde war durch die Zahl ihrer Mitglierer und Gelehrsamkeit so bedeutend, daß sie den Namen „Klein-Jerusalem" erhielt. Hier lehrte als Haupt rer Jeschiwa in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts Jsaac Acosta, dessen sehr merkwürdiges Werk jetzt zum ersten Male veröffentlicht worden ist unter dem Titel: Via de Salvacion por scis transitos penilenciales para eschortar los Agoni- Chason dieser Gemeinde im Beginne des vorigen Jahrhunderts, Daniel Alvarez Pereira, vorfand. Das Büchlein selbst ist in vielfacher Beziehung beulerkenswerth. Es ist das einzige überlebende Denkmal der spanisch-jüdischen Literatur in Frankreich; und es ist das einzige Erbauungsbuch, das sich lediglich an Sterbende richtet, in der gesammten jüdischen Literatur überhaupt. Der Styl ist ein durchaus reiner, classischer. ein glänzendes Zeugniß für die Treue, mit welcher diese Flüchtlinge die geistige Cultur ihres undankbaren Mutterlandes festhielten und stets wieder in sich ausbildeten. Es verdiente sehr wohl eine Uebersetzung in's Deutsche. In dieser zwei Jahrhunderte alten Schrift ist nicht von drohenden Höllenstrafen, nicht von leiblichen Paradiesesfreuden die Rede, sondern nur die reinste, allgemeinste Moral wird hier in warmer und wahrhaft frommer und erbaulicher Weise gepredigt. Die erste „Ermahnung" richtet sich auf Entlastung des Gewissens; die zweite und dritte auf Erweckung der Reue, die vierte handelt von der Hartnäckigkeit des Bösen, die fünfte fordert zur Ergebung in den Tod auf, während die sechste eine Umschreibung des Glaubensbekenntnisses enthält. Der Herausgeber hat kurze sprachliche und erläuternde Anmerkungen hinzugefügt.*) —u. Bonn, 15. December. Abraham Firkowitsch, das religiöse Oberhaupt der Karäer. Ein Gedenkblatt von Dr. Ad. Jeüinek. Wien 1875. Wir geben hier am füglichsten die kurze deutsche Einleitung des geehrten Herausgebers wieder. Abraham Firkowitsch, geboren 1787 in Luzk in Bolhynien und gestorben im Alter von 87 Jahren den 7. Juni — 22. Siwan — 1874 in Dschufut-Kaleh in der Krimm,**) verweilte gegen Ende Juni 1871 in Wien, beehrte mich mehrere Male mit seinem Besuche und war auch am Sabbath Korah im Tempel anwesend. Seine Erscheinung war eine imponircnde, Ehrerbietung weckend und Freundlichkeit athmend. Trotz seines streng karäischen Standpunktes, der allerdings schon kritisch gefärbt war, verkehrte er in der corvialsten uud ungezwungensten Weise mit Rabbaniten und nahm meine Vermittelung und die des Redacteurs des „Haschachar" in Anspruch, um die ältesten hebräischen Grabschriften aus der Krimm***, xylographiren zu lassen, die auch später dem von ihm in Wilna edirten Werke: „Abne Siccaron" beigegeben wurden. Seine unvergleichlichen zantes, couipuesto por el sr. 11. 11. Isliac Acosla; aliora publicado por vez priinera por M. Caplan, ile Minsk (Rusia); Hayona, Lamaignere, 1874. Herr Caplan hat das Büchlein nur zu 100 Exemplaren für feste Subskribenten und einige Zeitschriften abziehen lassen; er hat es mit einer recht interessanten, französisch geschriebenen Einleitung versehen. Es ist wahrlich ein Beweis für das hohe Interesse, welches die spanischen Juden in St. Esprit für religiöse Bildung bewahrten, daß sich das Manuscript in der umfangreichen Büchersammlung eines einfachen *) Wir sind dem Herausgeber für die Uebersendung eines dieser U'O Exemplare dankbar verbunden. Wir fügen dem Obigen nur noch hinzu, daß der Verfasser R. Jsaac Acosta, bevor er nach St. Esprit gegangen, in Amsterdam lebte, und erschien von ihm 1712 in Leyden in Ouarl das Werk: Coiijecturas sagradas sobre los Prophetas primores, coligedos de los mas expositores, y dispuestas en contexto Paraphrastico. * Redaction. **) O-Uellen für seine Biographie sind besonders die Vorreden zu seinen Werken: „Mafia u. Meriba", Goslow 1S3S und „Abne Siccaron", Wilna 1*>72. Vrgl. auch Geiger, jüdische Zeitschrift XI. 142 ff. ***) lieber die Echtheit vrgl. Rabbinorvicz, „Dikduke Sofcrim" VI, Vorwort.

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