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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-01-01 · Heft 1 (1.1.1875) · p. Seite 5

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 1 (1.1.1875)
Date
1875-01-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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5 Zeiten. Es gtefct kein Individuum, das nicht ein- oder das andere Mal in seinem Leben eine pessimistische Stimmung habe, sich überwältigt von Leid und Schmerz empfindet, das Leben und dessen Inhalt für nichtig ansieht, aber wie schnell geht meist diese Stimmung vorüber und macht der entgegengesetzten wieder Platz! Wird diese Stimmung jedoch in Individuen, in Völkern und ganzen Zeiten eine vorherrschende, so bringt sie pessimistische Systeme hervor und verkörpert sich in der Religion, deren Ursprung mit einer solchen Zeit zusammenfällt. Ueberhaupt bewahrheiten sich jene Erfahrungssätze auch psychologisch vollständig in allen Wesen organischer Natur, besonders aber in dem Menschen waltet mit einer beherrschenden Kraft der sogenannte Selbsterhaltungstrieb. Dieser ist aber im Grunde nichts Anderes als das Wohlgefallen nicht blos an der Befriedigung der Bedürfnisse, sondern an den Bedürfnissen selbst, sogar an der Ueberwindung des Schmerzes und des Leides, also das Wohlgefallen an der ganzen Existenz, die Existenzfreude. Würde aber dem Pessimismus irgend eine objective Wahrheit einwohnen, so dürfte nicht allein diese Existenzbefriedigung gar nicht bestehen, sondern sie müßte sofort von einem Selbstvernichtungstriebe überwunden werden, und das Geschöpf dieses Uebel, diese unaufhörliche Reihe von Leiden, die man Leben nennt, zu beseitigen streben. Wir brauchen nicht erst hervorzuheben, daß dies bei dem Menschen im erhöhten Maße stattfinden müßte, weil es in ihm zum vollen Bewußtsein kommt. In der That ist auch wohl der Mensch das einzige Erdenwesen, welches einen Selbstmord begeht. Aber wie verschwindend klein ist die Zahl der Selbstmörder, noch dazu derer, die ihrem Leben mit klarem Bewußtsein ein Ende machen, gegen die unermeßliche Zahl derer, welche mit Aufbietung aller Kräfte jedes Leid bekämpfen und im Schmerze ausharren bis er vorüber. Dies ist aber ein vollgültiger Beweis dafür, daß die Existenz eine eminent größere Befriedigung als das Gegentheil schafft, daß die ganze Natur nur in der optimistischen Anschauung ihre Erklärung findet und der Pessimismus nur auf Stimmung, die kommt und vorübergeht, basirt. Diesen Widerspruch haben denn die pessimistischen Systeme immer zu verkleistern und die aus ihnen erfließende Nothwendigkeit der Flucht aus dem Dasein zu verhindern gesucht; so that dies der Buddhismus durch die Seelenwanderung, das Christenthum durch die Unsterblichkeitslehre und das Gericht Gottes. Dieser pessimistischen Stimmung, wie sie im Menschen vorkommt, hat denn auch die h. Schrift des alten Testamentes Rechnung getragen. Ausdrücke jener kommen hier und da vor, wie sein Früheres übersteigt." Klarer konnte nicht dargelegt werden, daß die pessimistische Anschauung nur einer Stimmung angehört, die von außen durch unerwartete und überwältigende Schicksale hervorgerufen wird und in welcher es sich bewährt, ob der Mensch jlarf genug ist, sich aufzurichten und zu kämpfen, oder schwächlich sich der Verzweiflung ergiebt. Im Kohelet wird die Rolle des Pessimisten einem Könige zuertheilt, der alle Genüsse durchgekostet, das üppigste Leben geführt und nun vom Gefühle der Nichtigkeit derselben überkommen wird, da ihm das ideale Bewußtsein des Menschen abhanden gekommen, und er vom geschichtlichen Werthe des Bölkerlebens und des Menschengeschlechts keine Ahnung hat. Es ist hier also nichts als eine Situation geschildert, aus welcher sich eine pessimistische Ansicht entwickelt. Aber wohl gemerkt, in beiden Büchern wird der Boden res Gottglaubens nicht verlassen, und es ist eben der Zweck beider Bücher zu zeigen, wie auf dem Boden des Gottglaubens die pessimistische Ansicht sich immer wieder zur optimistischen durchringt. Dieses erweist sich im Buche Hiob dadurch, daß das Mißgeschick nur als eine Prüfung und Versuchung, als eine Erziehung „zum Lichte des Lebens" (33, 12 ff.) dargestellt wirb, so daß jenes einen Selbstzweck ganz wie ein Naturgeschöpf habe;*) daß ferner im Koheleth die Befriedigung des Menschen schließlich in seinen guten Werken, in der Gottesfurcht und Gerechtigkeit, sowie in der Ueberzeugung, daß „der Geist zu Gott zurückkehrl" gefunden wird. Mit Nachdruck wird hinzugefügt, daß dies „für alle Menschen" (oder „für den ganzen Menschen" msr: ra rr- 1, 13) gelte, also die objective Wahrheit, während der Pessimismus nur eine zeitweise oder Situationsstimmung sei. Ueberall übrigens dringt in der h. Schrift auch durch die momentanen Stimmungen eine solche Fülle des Gottverlrauens, eine so unerschütterliche Zuversicht, daß Gott auch „Durch das Todesschattenthal zu grünen Auen und ruhigen Wassern" leite, baß selbst der Moment des Leidens durch hohe Erhebung des Geistes über die Schwächen der Empfindung zu einem Quell der Erquickung und Befriedigung wird. Aus riesen großen geschichtlichen Erfahrungssatzen und diesen zweifellosen psychologischen Erkenntnissen wird es unzweideutig, daß dem Pessimismus durchaus keine objective Wahrheit einwohnt, und daß wir nur umsomehr auch hierdurch aufgefordert werden, uns „mit ganzer Seele und ganzem Herzen" auf unser Judenthum zu stützen. Das Judenthum kennt die Welt in ihrer Gesetzmäßigkeit, Zweckmäßigkeit, Ordnung und Einheit als an sich ohne alles Uebel, und steht hierbei ganz auf dem Standz. B. derbem Propheten Jonah in den Mund gelegte (4, 3. 8.)., Punkt der naturwissenschaftlichen Anschauung. Es kennt kein Noch mehr. Sie giebt sogar dem pessimistischen Gedanken einen > Princip des Bösen, und ressen Personification im Satan ist von vollständigen Ausdruck in "den Büchern Hiob und Kohelet. Aber außen eingedrungen, niemals ein inregrirender Theil seiner Lehre höchst charakteristisch theilt sie ihn im erstern einem Manne zu, geworden, sondern nur poetische und visionäre Figur geblieben, der nach langem glücklichen Leben von der Wucht des Mißge-!- schicks und zuletzt von schmerzhafter Krankheit plötzlich bettoffen! . > Daß dies die richtige Aussassung des Buches Hiob ieidadcu w f J1 , . 07 I V . _ " wir tu der Exnteitung;u vielem Buche xmd im (Lommeniai 2ap. worden, spater aber wieder glücklich wird, so daß „sein Spateres in unsrem Bibetwerkc B. l» S. 577 erwiesen.

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