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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-01-01 · Heft 1 (1.1.1875) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 1 (1.1.1875)
Date
1875-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 hörlich befehdet und schädigt; näherte sich dem Buddhismus mit der Verachtung der irdischen Welt, des Lebens auf Erden, der irdischen Güter und Genüffe, der Institutionen der Gesellschaft, des Eigenthums, der Familie und der Arbeit, den Weg zur Heiligung in der Entsagung des Irdischen und Fleischlichen, in der Kasteiung, der Armuth, der Ehelosigkeit, der Einkehr in sich selbst durch Arbeitlosigkeit — all' dieR im Gegensätze zum Judenthrnne. In gleicher Tendenz entwürdigte das Christenthum den Gottebenbildlichen Geist durch die Erbsünde, welche bereits das Werden des Menschen zu einem befleckten, und seine Seele zu einer sündigen, dem Berderbniß anheimgefallenen machte, die nur durch die Zwischenkunst eines dritten und den Glauben an dessen Opferung zum Heile kommen können — wiederum im vollen Gegensätze zum Judenthume. Hieraus rettete sich das Christenthum wesentlich durch die vom Judenthume herübergenommene Unsterblichkeitslehre, welche die pessimistische Seelenwanderung nicht zuließ. Man kann hierbei nicht verkennen, daß gerade diese Art der Lebensanschauung viel einflußreicher auf das geistige und wirkliche Leben sein mußte, als die noch übriggebliebenen Trümmer der optimistischen Weltanschauung. Denn abgesehen von den stets verdeckten Widersprüchen zwischen beiden, dieser Lebens- und dieser Weltanschauung — denn was blieb im Grunde von dem allweisen und allgütigen Wellschöpfer übrig? — verfiel der Menschengeist aus diesem Wege in die Knechtung des Verstandes unter das Joch des blinden Glaubens, und in die Knechtung durch den unbedingten Gehorsam gegen die Kirche und ihre Vertreter. Hierdurch auch die Schädigung der h. Schrift durch den Buchstabenglauben, während im Judenthume die freie und flüssige Auslegung stets vorherrschend war und innerhalb der Tradition am meisten ftattfand.*) Auf diesen wesentlichen Unterschied zwischen Judenthum und Christenthum müssen wir immer wieder zurückkommen; denn alle Angriffe, welche auf diese Seite des letzteren, sowohl von den Optimisten, als von den entschiedenen Pessimisten geschehen, indem sie hierdurch das Christenthum als Gegensatz zur Cultur und Wissenschaft bezeichnen — wie dies Hartmann ganz besonders thut — alle diese Angriffe, sagen wir, treffen nicht das Judenthum, sondern sprechen vielmehr für dasselbe. Alle Folgerungen, die daraus gezogen werden, sind keine Widerlegungen des Judenthums, vielmehr das Gegencheil. Unwillkührlich ftagen wir die Leser: wo ist da die Wahr- *) Diese freie Auslegung der h. Schrift im Judenthume bewirkte und dethätigte sich vorzugsweise darin, daß man die Ideen, wie sie sich im Lause der Zeiten entwickelten, in die Schrift hineinzutragen und an dieselbe anzuknüpfen suchte, und daß man hierzu der mannichfaltigsten Methoden sich bediente. So gingen die tatmudifchen Weisen vor, so die alexandrinischen Philosophen, so die Kabbalisten. Man fing z. B. mit dem ersten Buchstaben der h. Schrift an, und fand darin, daß sie mit einem 2 (zwei) ansing, die Lehre zweier Welten (deS Diesieits und Jenseits» oder auch den Bestand zweier Lehren (der schriftlichen und der mündlichen) u. s. w. So übertrug man die Auschauungen späterer Zeiten in den Text der h. Schrift, diesen festhallend, aber geradezu gegensätzlich dem Buchstabeuglauben. heit, im Optimismus oder im Pessimismus? Die Lösung erwarteten sie sicher nicht von der Metaphysik oder der Philosophie überhaupt. Der Philosophie geht es wie der Naturwissenschaft. Diese führt in der organischen Natur bis zur Zelle, aber indem sie sich vor der Zelle befindet, steht sie vor demselben Räthsel wie beim Beginn ihres Weges. Alle die verschiedenen und entgegengesetzten Philosopheme gehen von ersten Voraussetzungen aus und bauen ihr System auf diese Voraussetzungen mit Folgerichtigkeit und Scharfblick auf. Aber die Verschiedenheit ihrer Ziele enrspringt aus der Verschiedenheit ihrer Voraussetzungen, und um riese letzteren handelt es sich im Grunde. Wir müssen daher zu der Welt der geschichtlichen Erscheinungen greifen, um uns Licht zu verschaffen. Da zeigt es sich denn, daß der Pessimismus niemals ein Ursprüngliches war, selbst bei den Indern nicht, sondern immer nur bei der Neigung oder dem Niedergang großer Culturphasen hervortrat. Es zeigt sich ferner, daß er stets mit einer starken Entnervung zusammentraf, mit intellectueller und sittlicher Erschlaffung, dieser ihre Motivirung bot und sie nachhaltig verstärkte.*) Es ergiebt sich ferner, daß alle wahrhafte Cultur und Wissenschaft allein aus der vorherrschenden optimistischen Weltanschauung hervorging; die Cultur und Wissenschaft der alten Welt aus dem Optimismus der Griechen und Römer; die Cultur und die Wissenschaft der modernen Welt aus den Trümmern jener, der unüberwindlichen optimistischen Natur der germanischen Völker und der allmäligen Entftemdung von dem Semi-Pessimismus des Christenthums. Hartmann bewegt sich abermals in einem Cirkel, wenn er mit großer Entschiedenheit nachweist, daß die moderne Cultur und Wissenschaft nur im Widerspruch mit der pessimistischen Tendenz der christlichen Idee entstanden und fortgeschritten sei, daß der liberale Protestantismus in der optimistischen Anschauung sich bewege und eben darum die christliche Idee verleugne; wenn er ebenso den Pessimismus des Buddhismus verwirft und zum brahmanischen Pantheismus seine Zuflucht nimmt und dennoch im Pessimismus die Wahrheit sucht. — Aus diesen hier nur kurz angedeuteten Erfahrungssätzen geht hervor, daß der Optimismus die Grundanschauung des Menschen und in dessen ganzer Natur begründet ist, und daß der Pessimismus nur ein Stimmungstheorem ist, hervorgehend aus der jeweiligen Stimmung von Individuen, Völkern, *) Hartmann sah diesen Einwand voraus und suchte ihn hinsichtlich der Inder S. »13 dadurch zu entkräften, daß der indische Pantheismus nicht genug Monotheismus gewesen, „um sich des geistestödienden Polytheismus zu erwehren". Aber die Griechen und Römer waren ja auch Polytheisten? Hat bei diesen der Polytheismus den Geist getödtet und sie in die indische „Apachie eingelullt"? Hat der buddhistische Pessimismus einen andern Zustand erwirkt, oder nicht vielmehr die Inder vollständig entmannt? Dann sagt er, daß die Inder überhaupt träumerischer Natur gewesen und deshalb in Indolenz versanken. Lag da die Erkcnntniß nicht ganz nahe, daß der Pessimismus nur aus dieser träumerischen Apathie und dem aus ihr hervorgegangenen schweren Druck entstand und dann jene unendlich vermehrte — z. B. daß man nicht einmal Raubthiere tödte, wie der Buddhismus — nicht aus humaner Uebertreibung — sondern aus seiner pessimistischen Seelenwanderung heraus verbietet.

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