Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 95 (9.8.1838)
- Date
- 1838-08-09
- Page
- Seite 384 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3224856-3224952--01207-3302945- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
384 gehen, wie der immer fühlbarer werdende Mangel, den wir, Israeliten, an solchen Schriften haben. Je mehr man in unserer Zeit vom frühem PhiLanthropismus zurückgekommen, und der Jugend überall positive Religion beizubringen sucht, desto mehr ist es ein wahres Herzleid für einen nicht unbesonnenen Vater oder Lehrer, seine Jugend da darben zu lasten, wo die christliche Jugend im Ueberstusse schwelgen kann. — Es bleibt aber auch dadurch eine bedeutende Lücke in der Jugendbildung unausgefüllt. Denn was wir aus dem reichen Schatze der bezeichneten Literatur unserer Jugend ohne Besorgniß in. die Hand geben können, muß im Gebiete des Reinmenschlichen sich bewegen und die Religion gar nicht oder doch nur im Allgemeinen berühren, so daß auf diesem Wege zur Weckung und Belebung des religiösen Gefühles wenig, zur Erzeugung warmer Verehrung und Begeisterung für den Glauben der Väter aber gar nichts geschehen kann, was gerade jetzt am meisten Noch thut. Denn war ehedem der Menge die Religion blos Sache des Gemüthes und des äußern Thuns, die im elterlichen Hause abgesehen wurde, so ist sie jetzt, wo sie in der Schule trabtet wird, im Gegentheile fast ausschließlich Sache des Verstandes geworden, die erlernt und begriffen wird, ohne den innern Menschen bedeutend anzuregen und Gefühl und Willen in Anspruch zu nehmen. Und daher kommt es, daß der verbesserte systematische Religionsunterricht noch immer nicht die erwünschten Früchte getragen. — Wir wollen hiermit jedoch Niemanden anklagen. Allerdings soll jeder Jugendunterricht bildend und erziehend sein und darf besonders der Religionslehrer Gefühl und Willen nie außer Acht lassen; allein das Erste, was man von ihm verlangt, bleibt immer die Lehren und Gebote der Religion der Jugend beizubringen, sie ihrem Verstände begreiflich und ihrer Vernunft annehmbar zu machen und ihrem Gedächtnisse einzupragen, und nur mittelbar und gelegentlich ist es ihm vergönnt, auf das Herz zu wirken, wenn er es gehörig vorbereitet und vorgebitdet findet. Dr-es kann und soll vorzugsweise im elterlichen Hause geschehen. Aber die Umwälzung, die das jüdisch-religiöse Leben in unserer Zeit erfahren, macht, daß die Eltern oft bei dem besten Willen nicht recht wissen, wie es anzugreisen, um ihre Kinder zur Religiosität zu erziehen. So lange das religiöse Gebäude, wie es im Mittelalter ausgebaut wurde, unerschütterlich fest stand, so lange sich kein Mensch einen Zweifel gegen die erbaulichen, im Volke lebenden Sagen und Hoffnungen an der Verbindlichkeit und Verdienstlichkeit der herkömmlichen frommen, Uebungen erlaubte, war es ein Leichtes, die Kinder in der Relkgiort der Väter zu erziehen. Es bedurfte da der Hilfe der Kunst nicht, das Beispiel, das ihnen allenthalben und besonders im elterlichen Hause entgegentrat, wirkte unwiderstehlich auf ihr Herz, der feste Glaube, die glühende Begeisterung für denselben, der Abscheu vor jeder Uebertretung des Gesetzes vererbten sich gleichsam, pflanzten sich fort von Geschlecht zu Geschlecht. — Wie ganz anders ist das Alles heutzutage! In wie vielen Familien bekommen die Kinder wenig oder gar nichts von Religionsübung zu sehen, wird von Juden und Judenthum gar nicht oder auf eine Weise gesprochen, die weit entfernt ist von Anhänglichkeit zu zeigen! Und dennoch sind sie dem innern Kern des Judenthums keineswegs entfremdet, wünschen Manche derselben sogar ihre Kinder zu religiösen Menschen zu bilden. Andere, die es für ihre Person mit. der Beobachtung der Ceremoniatgesetze auch nicht genau nehmen, sehen zwar ein, daß ohne häusliche fromme Uebungen die religiöse Erziehung nicht gedeihen könne, aber das Wie? Wann? und Wieviel? setzen sie in Verlegenheit und sie schwanken hin und her oder belassen es bei dem vergeblichen Wunsche, daß doch die fromme Einfalt der Väter auch ihr Theil wäre! Aber auch bei der großen Mehrzahl der Altgläubigen, die im Ganzen an der herkömmlichen Sitte festhalten, herrscht lange nicht mehr die alte Innigkeit, die alte Hingebung, haben in Ermangelung von Aufklärung und Neuerungssucht Interesse und Bequemlichkeit so manche Veränderung hervorgebracht, sind die Religionsübungen mehr die Frucht einer gewissen Beharrlichkeit oder der Furcht durch Unterlassung sich zu versündigen (weßhalb sie auch so handwerksmäßig betrieben werden,) als eines lebendigen innern Dranges und einer freudigen Ueberzeugung, die allein auch auf Andere erhebend zu wirken vermag. Was Wunder, wenn ihre Kinder dabei leer ausgehen? Es gibt auch Deren, die ihre Sache recht gut zu machen glauben, wenn sie ihre Kinder frühzeitig anhalten, sich jeden Morgen zu waschen und die üblichen zu sprechen und sie — manchmal vermittelst körperlichen Züchtigungen — treiben die langen unvestandenen hebräischen Gebete herzusagen, und sich dann höchlich darüber wundern, wenn ihre Söhne und Töchter in der Folge ihren Wünschen so wenig entsprechen und der Religion, zu der sie ihrer Meinung nach so trefflich angehalten wurden, so wenig Anhänglichkeit beweisen. Es thut daher dringend Noch durch Schriften das Gemüth der Jugend zu bearbeiten und für die Religion der Väter zu gewinnen, in anziehenden Schilderungen, in erhebenden ihr nahe liegenden Beispielen aus dem Leben sie über den Werth und die Weise echt-jüdischer Frömmigkeit zu belehren und ihr so ein Ideal zu bieten, das ihr stets vorschweben, dem sie nachstreben sott. Solche Schriften würden zugleich den Eltern die