Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1870)
- Date
- 1870-12-27
- Page
- Seite 1031 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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1031 Pater sah mir zu. Er wunderte sich gewiß weniger, über die Menge dessen, waS ich verschlang, als über die Qualität. „Und warum issest Du nicht von diesem und jenem?" fragte'er mich. „Weil 'es daS Gesetz verbietet." „Aber, siehst Du nicht, daß Deine Gesundheit -eS erfordert? Wie lange willst Du von Brod und Kräutern leben?" '„Erinnern Sie sich, ehrwürdiger Vater, waS die heilige Schrift vom Propheten Daniel erzählt, der als Knabe am Hofe Nebuchadnezars erzogen ward, und der die Speisen und den Wein deü Königs nicht berührte und dennoch blühender blieb alS die übrigen Knaben?" ..Ei, bist Tu so bewandert in der Schritt, kennst Du die Propheten so genau, so mußt Du ja auch wissen, daß eine.Zeit kommen mußte und gekommen ist. wo der Erlöser herabstieg auf die Erde- und auch Israel befreite vom Joche dcS Gesetzes und in das Heiligthum deS Herrn zurückführte, muS dem es sich verirrt hatte?" ' „Ach. ehrwürdiger Herr, wir Kinder Israels erwarten noch den Erlöser, wir sehen ihn noch nicht gekommen, kein einziges Leichen ist ein getrosten. daS sein Kommen begleiten sollte, und daS Gesetz ist eS. welches unS im Hciligthum des Herrn festhält und ohne daS wir . unS längst auS ihm verirrt hätten." ... „DaS ist der unselige Irrtbum." rief der Pater lebhafter auS, „in welchem Ihr Abkömmlinge ÄbrahamS befangen seid. Tu bist zu Besserem berufen. Ehristoforo. Di« Pforten der Gnade und deS Heils haben sich vor Dir geöffnet. Tritt ein, mein Sohn, weigere Dlch nicht länger, und Du wirst glücklich und felig werden!" Ich hatte meinen Hunger gestillt, und mich, mit der ganzen Seele bei dem Gespräche mit dein Pater, in meinen Stuhl zurückgelehnt, und sah ihm in daS milde Antlitz, daS jedoch immer ernster und feierlicher ward. . Er hob von Neuem an:. . „Du hast jetzt gesehen, mein Knabe, wie die heilige Mutter jede Widersetzlichkeit, jeden hartnäckigen Eigensinn zu'züchtigen vermag; Du siehst sie jetzt bereit, ihre Arme liebevoll Dir zu öffnen, denn sie ist eine Mutter voll Liebe und. Varmherzigtzit. Vergleiche die Celle und ihre Schrecken, die Du soeben verlassen, mit diesem Lim- - wer, mit dem. waS Dir .darin geboten wird; jene furchtbare, Einsamkeit mit der Gesellschaft freundlicher Kameraden, in die Du jetzt eintreten sollst; jeneS Dunkel und die Verlassenheit, in der Du geschmachtet. mit dem sichre und der Beschäftigung. die Dir durch unseren Unterricht jetzt.werden soll, fürwahr, die Wahl kann Dir nickt schwer werden, urid Tu mußt die Hand GotteS darin er- - kennen. die Tick so gnädig hierhergeführt." Noch sprach er, da stürzte ick mickl^u seinen Füßen, umklammerte seine Knie und hob vaS-osild^mit Thränen übergossene Antlitz flehend zu ihm auf. Ach, ich hatte . - a»S seiner Rede nichts weiter alS das Wort „Mutter" herauSgehört — und ich sprach: „O,. ehrwürdiger Barer, seien Sie mein Erlöser, führen Sie mich zu meiner Mutter zurück! Sie irrt auf den Straßen umher und ruft jammernd meinen Namen . . . sie raust ihr schönes Haar und schlägt sich an die Brust und ruft: Giacomo, komm, wo bleibst Tu? . . . und ich komme nicht . . . Lassen Sie mich zu ihr, wir waren so glücklich miteinander. wir wollen.es nie besser haben, wir . sind immer zufrieden gewesen, wir haben nichts Böfeö getban. wir haben Gott täglich angebetet in der Wesse unserer Väter, seine Sabbathe und. Festtage streng gehalten — waS kann man noch von uns fordernd Wir fordern nichts weiter von Ihnen. C seien Sie gütig. lassen Sie mich hinaus — ich will dieses Limmer und diesen Garten, die Käme: raven und den Unterricht nicht, ich will nichts weiter alS meine Mutter!" ... Qb ich den Pater mit meinem Flehen erweicht, weiß ich nicht. Sein Angesicht war zuerst trübe, dann fest und unbeweglich geworden; aber Aergcr und Lorn saben auch nicht auS ihm heraus. Er erwiederle: „Was Du verlangst, kann ich Dir nichr gewähren. und könnte t<±> eö. würde ick es nichl' thun, denn ich überließe Dick dem Veiderbniß Deiner Seele. ES vermag eS überhaupt Niemand. selbst der heilige Vater nichl. Die Kirche läßt '.Niemandenvon sich, der ihr einmal zugehört. An diesen Gedanken mußr Du Dich gewöhnen. Knabe. Du wirst Deine Mutter wiedersebenwann? stebt in Deiner eigenen Hand. ° Bist Du gehorsam, öffnest Du Dein Her; der Lehre, die wir Dir brelen. bekennest Du Dick zum -Glauben des Erlösers und der heiligen Mutter GotteS — so wird man Dich zu Deiner Mutter gehen lassen und durch Dich wird auch.sie der himmlischen Mutter gewonnen werden. Dann wirft Du erkennen, daß eS die Religion der Liebe und Barmhcrpgkeit ist. der wir Tich zugeführt haben." Da sprang ich aus. ich zitterle vor ,Ingrimm an allen Gliedern, ich stampfte mit dem Fuße auf den Boden: ..Falsche,' heuchlerische Menschen seid* Ihr!" schrie ich empört.' „DaS ist mir eine schöne Religion der Liebe, die mich auS den Armen meiner verzweifelten Mutter reißt, die mich unter Eidechsen und Molckc wirft, die mich unter die Erve vergräbt'. Hebt die Barmherzigkeit mit solchen Schrecken, mir Hunger und Durst, mit altem Brode und schmuzigem Wasser an? Gott hat mich geboren werben lassen in ber Religion meiner Väter — und Ihr behauptet, jener scheußliche Priester mit der Handvoll Schwefelwasser aus dem Solsarara habe den achtjährigen Kugbien der Kirche geweiht? Wer har Recht, der allmächkge Gott, der mich geboren werden ließ, wo und wie eö sein Wille war. oder der ränkesüchlige Priester mit seiner sckmuzigen Hand, der uns von HauS und Hof vertrieben, der den Pöbel nach unserem Blute lechzen machte^, der unS der Verbannung und der Armuth in den Schox^fchleuderte? DaS nennt Ihr eine Erlösung? Das ein Licht, eine Gnade, ein Heil? lind unser heiliges Gesetz. daS unS nichts als frommen Sinn und Freude an Gott und Liebe zu einander gikbt, das vaS Licht anzüudct