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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-12-27 · Heft 52 (27.12.1870) · p. Seite 1030

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 52 (27.12.1870)
Date
1870-12-27
Page
Seite 1030 (sequence 18)
Language
German
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mau denn bic« fritjän? WaS hatte ich verbrochen? Alsbald TOÜtcjW) die ganze Scene, die ich in dem GerichtSsaal der Inquisition erlebt, vor mir noch einmal auf. -Da war ja kein ZnKifrl. Paolo wollte mich meiner Mutier entreißen, weil er sie dadurch grenzenlos unglücklich machtt, ja bis zum Wahnsinn trieb, und deßhalb gab er mich für getauft aus und hetzte daS Blutgericht über unS her. . Noch einmal schrie ich auf vor Kummer Über die Schmerzen meiner Mutter, und der Gedanke, daß sie darüber bis zum Wahnsinn kommen könnte, brachte mich einer Ohnmacht nahe, und ließ mich in meiner einsamen Celle aufstöhnen, wie wenn mich ein Feuerbrand getroffen .,. Dann dachte ich wieder anDßüch selbst. WaS wollteich thun? Den Glauben meiner Väter aufzugeben, dieser Gedanke lag so fern von mir, ^daß ich ihn nicht einmal-ahnte. Pur wie ich wohl meinen Peinigern wi^rstehcn und entgehen könnte, beschäftigte meinen GeisiU Ich hatte früher. von meinem wiffensreicheu Lehrer in Todi, auch von meiner Mutter,- die Vieleaus der Geschichte unsere- BolkeS wohl durch meinen Vater wußte, gar Manches von den Märtyrern unsere- Glaubens wie von den Verfolgungen und Miß- ' Handlungen unserer Väter, von Scheiterhaufen und Folter gehört; die Geschichten de« frommen Eleazar und der Mutter mit den sieben Söhnen fielen mir ein, und mein kindliche- Herz schwoll hoch an, indem ich mich berufen glaubte, AehnlicheS zu erdulden und dafür bjS zu den spätesten Zeiten gepriesen zu werden. Ja, ich faßte den unerschütterlichen Entschluß, allen Verlockungen wie ein un- . beweglicher FelS gegenüberzufiehen.'und allen Martern und Gefahren wie ein Held, der keinen Fuß breit zurückweicht, zu trotzen.' - Ein heiliger. Frieden füllst meine Seele der diesen Gedanken; sie erhob sich zu Gott 'und '» den himmlischen Gefilden der Seligen, zu meinem Valeur, den ich nicht gekannt, zu nieinen Großältern, deren Geister mich umgebep -und mir entgegenkommen würden, mit Lob und Anerkennung für meine Glaubenstreue;. . Darüber stoffen Thräneu auS meinen Augen, aber nicht mehr Thränen der Dach und der Angst, sondern der Wehmuth und der Schauer der Erhabenheit; darüber verwirrten sich meine Gedanke» und ich entschlummerst, vergeffend die sechste Casa der Engelsburg, ihrs Schrecken, ihre feuchten Mauer», ihre dumpfe Luft, ihre Eidechsen und Scor- ' pione».. ‘ l ' Stunde» waren vergangen, da weckte mich das Knarren der eisernen Pforte, der Kerkerknecht trat eia und brachte nur »reine Kyst. ES war eine abstoßende Menschengestalt: mit einem ächten Banditengesichre, auS deffen schien lenden Augen jeder Blick ein Dolchstoß zu sei» schien. ' Ich suhr 'erschrocken zurück, und so sehnsüchtig ich nach erstem Menschengesichte 'verlangt hatte, vermochte ich doch kein Wort hörauSzub'Mgen Und war froh, alS.die Thüre - sich'wieder hinter.ihm schloß.. Und waS für eine Kost hatte « mir .gebracht! Ein Stück alten BrodeS. daS vor der H'ungerUud^die scharfen Zähne eines Knaben noch zermalme» konnten, und einen Krug WyfferS, ^raS von seiner Quelle allzulang schön entfernt war. Doch waren Beide bald verschwunden. So rollten Tage hin; nur wenige Stunden konnte ich mich deffen vergewiffern, daß eS Tag sei, und vermochte bei dem dämmernden Lichte die spielenden Thiere zu beobachten. DieS bebeschäftigte mich denn auch bald zumeist, denn in dem Alter, in welchem ich stand, bleiben die Gedanken und Gefühle nicht lange dieselben. Allmählig empfand ich die Einwirkung dieser schlechten und noch dazu so schmalen Nahrung, der. eingeschloffenen Luft, deS Mangels an Bewegung, deS feuchten KerkerS. Ich glaube, in den sechs oder sieben Tagen, hieäch dahin brütete, wäre ich erlegen, wenn nicht der Hunger gewesen, wenn nicht deffen scharfer Zähn meine Lebensgeister immer wieder angeregt hatte. . Zur ungewöhnlichen Zeit öffnete sich die Pforte meiner Celle, und ein Priester trat ein, der durch die Milde seines Angesichtes, durch'die Ruhe und Savftmuth seiner ganzen Erscheinung sofort wohlthuend auf mich wirkte. Er winkte mir und sprach nichts alS: „Komm, mein Sohn!" aber mit einem Tone, der mir tief ins Her; drang. Ich trat heräüS, er, faßte mich an der Hand und leitete mich einige Treppen hinauf und durch weitläufige Gänge, bis er mich in eine Räumlichkeit wies, wo ich mich waschen und reinigen sollte. Er blieb draußen vor der Thüre stehen, und ich stürzte' mich auf die Gerathe, denn eS hatte für mich, den meine Mutte; an peinliche Reinlichkeit gewöhnt, zu den empfindlichsten Entbehrungen gehört, aller Mittel hierzu beraubt zu sein. Ich trat heraus, und mein Begleiter lächellO mich an. führte mich weiter und ließ mich, bald in ein angenehmes, freundliches Zimmer treten, in deffen Mitte ein Tischchen mir «inen Anblick bot, der alsbald meine ganze Aufmerksamkeit auf sich zog. Da stand Speise und Trank reichlich aufgetragen. Der Priester ließ mich zuerst die anmuthende Einrichtung deS Ge-' macheS bemerken, führte mich daun an das Fenster. auS welchem man in einen köstlichen Garten voll Blumenrabatten, blühender Gesträuche, und edler Baumgruppen auf einen Springbrunnen und schöne Marmorgestalten blickte, und — waS mich! vor Allem erquickte — der blaue Himmel und die goldene Sonne nnch anlächeltev. Wie lange hatte ich dieser Wohlthat entbehrt! Aber eS litt mich doch nicht lange da, und unwiderstehlich zog eS mich zum Tischchen hin. Der Priester sagte: „Setze Dich, iß und trink." Ich -folgte schnell,, und' schon streckte ich den Arm nach den Speisen -auS, als mir der Gedanke kam: wie, daS sind ja verbotene Speisen! Willst du dich verlocken lassen, daS Gesetz zu übertreten und so den ersten.Schritt thun, deiner Religion abzusagen? Mein Arm sank nieder. -Ich überblickte was auf dem-Tische stand, und griff bald nach dem feinen weißen Brode, nach zubereiteten Kräutern und einem Stück in Wasser gekochten Fisch. AlleS Uebrige, den prächtigen Braten, dieXglänzenden MakkarouiS und Anderes mehr ließ ich stehen, »nd. selbst den Wein berührte. -ich nicht. Der

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