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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-12-27 · Heft 52 (27.12.1870) · p. Seite 1018

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 52 (27.12.1870)
Date
1870-12-27
Page
Seite 1018 (sequence 6)
Language
German
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1018 tungslehre nach dieser großartigen nationalen und humanen Seite hin verwenden, vieselbe betreffs 'ber Individuen doch nicht ganz außer Acht gelassen bleibe. Die Lasterhaften als Individuen, die Gottesleugner, die Habgierigen, die Trunkenbolde, die Ehebrecher, die ungerechten Richter werden nachdrücklich mit der ihrer harrenden Vergeltung verwarnt, die unausbleiblich und in gerechtem Maße eintreten werde. *) Ja, wir begegnen hier bereits der Frage: „Warum ist der Weg des Frevlers glücklich, geht's gut allen Treulosen?" **) Dem gegenüber wird als das Resultat aller Lebenserfahrung auf unserem Gebiete für immer festgehalten: „Siehe, zum Frieden (Heile) ward Bittres mir, da du mich liebend aus der Gruft des Nichts erhobst; denn hinter deinen Rücken warfst du meine Sünden all!"***) Darum wird auch geradezu der Dank für den „Zorn", d. h. für die Ahndung, die Vergeltung Gottes ausgesprochen.f) Ist ja diese Zeit der Ahndung nur kurz, während die Gnade Gottes ewig und unerschöpflich ist. ff) Auf diesem Hintergründe der gesammten Prophetie hebt sich jedoch die besondere Lehre eines Gliedes derselben ab, nämlich des Ezechiel. Auch er, welcher die letzten Zeiten des Nationalbestandes, wenn auch zumeist von der Gefangenschaft aus, zu beobachten und zu besprechen hatte, ist ein Organ der oben gezeichneten Bergeltungslehre. Aber er hat die göttliche Gegenwart den Tempel verlassen, diesen in Trümmer zerfallen, und *) Jesaias Cap. 5. Ein Volk, in welchem alle dies« Laster heimisch sind, wird gerichtet und geht unter. V. 25. 10, 1. **) Irrem. 12, 1. ***) Jesaias 38, 17. f) Jesaias 12, 1. Denn ohne die Vergeltung würden die Menschen ungebessert und ganz in Frevel versinken. Jes. 26, 10. In der Vergeltung liegt die Rettung, der wahre Trost. 24, 10. ft) Das Buch Jona ist, wie wir in der Einleitung zu diesem Buche in uns. Bibelwerke erwiesen haben, ein Volksbuch, in welchem zwei Ansichten des Volkes berichtig werden sollten, nämlich die eine, daß der Beruf eines israel. Propheten nicht in Weissagungen unter Erweis seiner Wahrhaftigkeit, nicht im Eintreffen seiner Voraussagungen enthalten fei, und die andere, daß Gott das drohende Strafgericht über die Sünder aufschiebt oder unverhängt läßt, wenn sie reuig umkehren und in ihrem Lebenswandel sich bessern. Mit dieser letzteren Lehre sollte zugleich der Erfahrung entgegengetreten werden, daß Frevler und Sünder nicht immer alsbald gerichtet und bestraft erscheinen, und dies als ein Mangel der göttlichen Gerechtigkeit angesehen werde. den Rest der Nation in die Gefangenschaft wandern gesehen. Ihm geht daher die obige Lehre in eine völlige Jndividualisirung über. Schon bei dem Beginn seiner prophetischen Wirksamkeit deutet er einen eigenthümlichen Gedanken als den Kern seiner Prophetie an (3, 18 ff. vergl. auch 13, 19. 14, 12 ff.) und entwickelt denselben witerhin ausführlich (Cap. 18). Dieser besteht darin: 1) daß jedes Individuum nur für sich allein für sein Thun einzutreten, die Strafe zu tragen oder den Lohn zu empfangen habe; 2) daß jede Handlung nach ihrem sittlichen Werthe bestraft oder belohnt werde; 3) daß ftühere Uebelthaten durch die Besserung des Sünders gesühnt und die Strafen aufgehoben werden, hingegen der gerechteste Lebenswandel, wenn eine Verschuldung eintritt, nicht zu rechtfertigen und von der Strafe zu befreien vermöge. Man kann nicht leugnen, daß diese von Ezechiel ganz stricte ausgesprochenen Ansichten den mosaischen Lehren entgegentreten oder sie doch modisiciren; wenigstens bedarf es einer besonder« Auslegung, um die Uebereinstimmung wieder herzustellen. Nicht allein, daß die Schuld der Väter, sowie deren Gottestreue in ihren Folgen, und zwar nicht blos in den materiellen, sich auf folgende Geschlechter ausdehnen, sondern daß es bei der göttlichen Vergeltung nicht sowohl auf eine einzelne Handlung als auf den dauerden Lebenswandel und Charakter ankomme, wird von der Lehre Ezechiels alterirt. Wenn er von der einen Seite die Schuldbarkeit des Individuums ganz allein von diesem selbst ausgehen und vertreten läßt, so rechtfertigt er hiermit die Gerechtigkeit Gottes gegen eine (18, 2) in Israel allgemein gewordene Bolksansicht: „Die Vater essen Heerlinge und der Söhne Zähne werden stumpf," d. h. die Väter sündigen und die Kinder büßen es. Andererseits aber legt er der göttlichen Gerechtigkeit durch die rigorose Auffassung Fesseln an, indem er durch eine böse That ein ganzes früher schuldloses Leben, und umgekehrt durch eine gute Thal ein ganzes früheres schuldvolles Leben auswischen läßt. Allerdings wird dies sowie der Widerspruch gegen die mosaische Lehre aufgehoben, wenn die Worte des Propheten mehr in ihrem figürlichen Sinne gefaßt werden, indem er „Leben" und „Sterben" als das Heil oder das Verderben der Seele durch die Tugend oder die Schuld versteht, so daß also weniger von wirklicher Strafe und wirklichem Lohne als vielmehr von dem heilvollen oder heillosen Zustande der Seele die Rede ist, der allerdings nicht durch ftühere Vorgänge, sondern durch die gegenwärtige Beschaffenheit

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