Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1870)
- Date
- 1870-12-27
- Page
- Seite 1017 (sequence 5)
- Language
- German
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1017 und religiöse Heiligung, welche die Consequenz dieser Lehre ausmacht, waren in diesem Volke einem langen und hartnäckigen Kampfe mit dem von Außen immer wieder eindringenden und von sittlicher Entartung und nationaler Zersetzung begleiteten Heidenthume ausgesetzt. Es galt, das letztere zu bestreiten, das Volk vor ihm zu schützen, und wenn es demselben verfallen war, es zurückzuführen. Hierfür war das eindringlichste Werkzeug, deffen sich schon Moses bedient hatte, die Lehre von der göttlichen Vergeltung, die sich an Israel bewahren werde. Dem von Gott abgefallenen Israel, dem wider die Gebote Gottes den Untugenden und Lastern der heidnischen Völker sich hingebenden Volke nahet die Vergeltung. So lange es sich erst noch um einzelne Zeiträume des Abfalls handelte, sind es vorübergehende Strafgerichte, zeitweise Plagen, von Völkern oder von Naturereignissen (Dürre, Heuschrecken, Seuche) gebracht, welche über das Land kommen werden, die jedoch durch Buße und Umkehr wieder aufgehoben werden, da sich Gott den Reuigen bald wieder in Barmherzigkeit zuwendet. Je mehr aber GLtzenthum und Unsittlichkeit die Nation durchstoßen, König, Fürsten, Priester, (falsche) Propheten und das gesammte Volk sich ihnen ergaben und nur ein kleines Häuflein Gottgetreuer um die (wahren) Propheten sich schaarten — desto sicherer und umfassender sollte der Untergang der Nation, die Zerstörung Jerusalems und seines Heiligthums, die Verwüstung des ganzen Landes, die Gefangenschaft des ganzen Volkes weroen. Aber dieses göttliche Strafgericht hatte zum eigentlichen Zweck und Inhalt doch nur die Läuterung Israels, das Ausschmelzen der in ihm angehäusten Schlacken, das gebeugte, zerttetene, mißhandelte und decimirte Volke käme zur Erkenntniß, kehre um zu seinem Gotte, sondere aus sich alles Unheilige und Unsittliche. Dann kehret auch die Gnade Gottes zu ihm zurück, richtet es auf, stellt es wieder her und verleiht ihm ein Glück und Heil, größer denn das stühere. Auf diese drei Momente: Untergang, Läuterung und Wiederherstellung, welche zusammen den Begriff der göttlichen Vergeltung ausmachen, lassen sich die sämmtlichen Reden, Allegorien und symbolischen Handlungen der Propheten zurückführen. In mosaischem Geiste wird dabei die Langmuth Gottes vor dem Eintritt des Gerichtes und die schnelle Rückkehr der göttlichen Begnadigung hervorgehoben und gepriesen.* *) Leicht verständlich *) Jesaias 54, 7. 8. Anschaunlich wird dies 63, 4 ist es, daß, während bei Moses die Schilderungen im Einzelnen concreter und mehr das Individuum betreffend sind, bei den Propheten die Ausmalung des Gerichtes und der eintretenden Strafen allgemeiner, nationaler, mehr das Ganze betreffend geschieht. Die Propheten entwickeln die Lehre aber um einen bedeutenden Schritt weiter. Gott bedient sich zur Vergeltung an Israel zuerst der Nachbarvölker, dann der großen Völkerbezwingenden Reiche und ihrer Herrscher als Werkzeug. Diese aber erkennen nicht, daß sie vies im Dienste Gottes vollführen, sondern überlassen sich nur ihrer Begierde nach Gewalt, Plünderung und Mord, stöhnen den wüstesten Leidenschaften und überheben sich in ihren kriegerischen Erfolgen zum Wahne unbedingter Machtvollkommenheit, zur Selbstvergötterung. Daher richtet sich alsbald die göttliche Vergeltung auch gegen diese, und die Greuel, die sie verüben, die Wahnbegriffe, mit denen sie sich erfüllen, werden an ihnen durch Sturz und Verderben gebüßt.*) Wenn also die mosaische Lehre von ihrem geschichtlichen Standpuncte aus sich innerhalb der israelttisch-nationalen Grenzen hielt, so führen die Propheten jene aus dieser heraus und dehnen sie über alle Völker, über die ganze Menschheit hin.**) Denn auch, wenn in diesem Gericht über die Völker die Wiederherstellung Israels gegeben ist, so erstreckt sich doch die göttliche Gnade auch über sie, und die Reste der Völker werden sich Israel anschließen, zur Anbetung des einzigen Gottes gelangen und sich hieraus ein Gottesreich der Erkenntniß des Friedens und des Rechtes entwickeln.***) Hierin liegt der Fortschritt, den die prophetische Lehre consequent aus der mosaischen bewirkt, und wodurch sie, ohne sich zu entnationalisiren, doch den allgemeinen menschengeschlechtlichen Charakter annimmt. Der Begriff, daß die göttliche Vergeltung durch die Geschichte der Völker und der ganzen Menschheit geht, und zwar nach einem bestimmten Ziele hin, ist hiermit in die Weltanschauung eingeführt, ein Begriff, den das Alterthum nicht kannte und den erst eine geklärte Geschichtsphilosophie richtig zu erfassen vermochte. — Was hierbei von selbst vorauszusetzen, ist, daß, wenn die Propheten ihrer Aufgabe gemäß vorzugsweise die Bergelausgedrückt: „Denn ein T'ag der Rache war in meinem Herzen und ein Jahr meines Erlösens ist gekommen." *) Jesaias 10, 12. 13, 11. **) Jesaias 59, 18. Jeremias 25, 15. ***) Jesaias 14, 1.