Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1870)
- Date
- 1870-12-27
- Page
- Seite 1015 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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1015 Kurzsichtigkeit derselben in Erstaunen gerathen, mit welcher Vertrauensseligkeit sie sich einem politischen Apostaten wie Olivier zu Füßen legten. Der abenteuerliche Schachspieler in den Tuilerien war der parlamentarischen Farce bald überdrüssig, und ging bald auf einen neuen Zug, das Plebiscit, ein, und nachdem er auch diesen erschöpft, warf er plötzlich die Maske ab und wollte den Krieg mit Preußen jedenfalls. Aber man kannte in Deutschland seine eigentlichen Absichten, und wie dieses den Franzosen den Preis für ihren Gehorsam gegen den Casarismus bezahlen sollte. Als nun die plumpe Weise hinzukam, in welcher er den Krieg heraufbeschwor, wurde dieser alsbald statt eines preußischen nicht blos ein Krieg Deutschlands, sondern der deutschen Nation. Das Weitere brauchen wir nicht zu schildern. Aber die Lauwine, die einmal ins Rollen gekommen, walzte sich wachsend und wachsend, Schneeberge, Eiswande und Felsstücke mit sich reißend, immer tiefer herab — und ist noch nicht zum Stillstand gekommen. Doch dieses Bild ist nicht zureichend. Die Kraft des Menschengeistes, wenn sie in eine riesige Bewegung hineingerathen, ist keine einseitige Naturkrast, die nur nach einer Richtung, wenn auch gigantisch, wirkt. Mitten im Niederfiürzen richtet sie auch auf, mitten im Zerstören beginnt sie zu bauen, und was sie auf der einen Seite niedergerisien, thürmt sie auf der anderen wieder empor. Es ist dies sehr merkwürdig; es zeugt von einem Schöpfungstriebe, den keine Enttäuschung, keine noch so unselige Erfahrung abzuschwächen vermag. Ein Kaiserthron wurde zertrümmert; er fiel imGewühle des Krieges fast geräuschlos auseinander. Ein anderer Kaiserthron wird aufgerichtet, und erhebt sich im Gewühle des Krieges ebenso geräuschlos. Die Völker nahmen einfach Kenntniß von jenem und nehmen einfach Kenntniß von diesem Ereigniß. Kein Triumphgeschrei dort, kein Jubelruf hier. Eine casarische Dictatur wurde ohne Kampf in Frankreich zerbrochen, und eine republicanifche Dictatur setzte sich auf den verlasienen Stuhl. Immer Dictatur, der sich die Franzosen willig unterwerfen. Ein anderer Thron, der päpstliche, wird ebenso geräuschlos fortgeschwemmt. Es ist, wie wenn ein Schiff in die See Herabgelaffen werden soll; die letzte Stütze wird weggenommen, das Fahrzeug fährt in das Waffer, und wird von den Wellen fortgetragen. Die französische Besatzung verließ Rom, und der Thron des Mannes, der sich eben für unfehlbar hatte erklären laffen, war verschwunden. Ein Plebiscit des römischen Volkes und eine Abstimmung des italienischen Abgeordnetenhauses — und ein neuer Thron, der italienische, wird auf der Höhe des Capitols aufgeschlagen. Deutschland hat wieder einen Kaiser, den es 64 Jahre nicht gehabt; Italien einen König, den es noch nie gehabt (denn selbst Napoleon I. als König von Italien hatte noch einen König von Neapel neben sich). In Frankreich fallen alle staatlichen Bande auseinander, und der Weg, auf dem es sich reorganistren könnte, ist noch nicht gefunden. In Deutschland ist für eine einheitliche Entwickelung die Grundlage geworfen, und in Italien das Einheitswerk vollendet. All diesen, in seinen Folgen unübersehbaren Inhalt brachte das ablaufende Jahr. Aber unterdeß geht das Blutvergießen immer weiter, die Verheerungen des Krieges breiten sich immer mehr aus, die Verwilderung der Menschen wächst; weder von der einen noch von der anderen Seite wird der Weg gefunden und angebahnt, auf welchem man sich treffen und vereinigen könnte zum Frieden. Ja, mehr noch: an dieser Zwietracht der Völker entzündet sich was sooft wo an Brennstoff vorhanden, und nur mit Mühe hält man auch an anderen Orten und für andere Fragen die Flamme zurück, daß sie nicht zu einer neuen Lohe aufschlage. So hat uns das Jahr 1570 mit unsäglichem Unheil überrascht — möge uns das Jahr 1871 ebenso, aber zum Segen und Völkerglück, unerwartete Gaben bringen l Was anders können wir aber unseren Lesern zurufen als das alte Losungswort unseres Stammes: ycKT pm „Sei stark und fest!" Sei stark und fest in Deiner Gottesfurcht, laß Dich nicht beirren in Deiner Menschenachtung und Menschenliebe, ertrage mannhaft den Sturm, so weit er Dich trifft, verliere nicht die Zuversicht auf den Lenker der Geschicke, der zwar dem Menschen die Freiheü gegeben und gelaffen, gegen sich selbst zu wüthen und sich Unheil zu bereiten, zuletzt aber immer wieder aus den bösen Absichten der Menschen das Gute, „die Erhaltung Vieler am Leben" entstehen läßt, und — möge seine Gnade Deine Hütte verschonen und Dich wachsen laffen im Guten und am Guten! 52*