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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-12-27 · Heft 52 (27.12.1870) · p. Seite 1014

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 52 (27.12.1870)
Date
1870-12-27
Page
Seite 1014 (sequence 2)
Language
German
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1014 hatte die Höhenpuncte seiner Aufregung schon hinter sich, und was es von seiner Lebensbewegung dem folgenden Jahre noch zu übergeben hatte, war von geringer Bedeutung und trug den Todeskeim erkennbar an sich. Die Kriegsjahre 1864 und 1866 fanden, namentlich vas letztere, bei ihrem Schluß die europäische Gesellschaft zum Frieden wieder zurückgekehrt. Anders ist es mit dem Jahre 1870! Die beiden wichtigsten Culturvölker des europäischen Festlandes sind seit vielen Monden in einem furchtbaren Kriege begriffen, der, aus ftivolen dynastischen Jntereffen entzündet, zu einem verheerenden Nationalkriege geworden, deffen Ende im gegenwärtigen Augenblicke noch nicht vorausgesehen werden kann. Das ganze waffenfähige Jünglings- und Mannesgeschlecht des einen Volkes ziehet und lagert siegreich innerhalb der Grenzen des anderen, und dieses letztere, von unerschöpflichem Widerstandsmuthe beseelt, kann sich mit dem Gedanken, besiegt zu sein, nicht vertraut machen, stellt immer neue Heere den Siegern entgegen, und zieht den verheerenden Kampf über alle seine Provinzen, über alle seine Städte und Dörfer herauf. Furchtbare Vernichtungen an Leben und Gut! Barbarischer Kampf von beiden Seiten, der nur mit Mühe innerhalb der äußersten Grenzen der Civilisation und ihrer Anforderungen zurückgehalten wird! Und als vor zwölf Monden dieses Jahr 1870 bei uns eintrat, hat es diesen seinen schreckensvollen Inhalt auch nur mit Einem Zuge, Einem Hauche verrathcn? Nein, Frieden verhieß es, und Friedensverheißung tönte von den Lippen der Mächtigen, welche, freilich selbst unter der Herrschaft der Verhältniffe, die Geschicke der Menschenwelt, so weit es an ihnen ist, leiten. Kein Sterblicher vermochte auch nur zu ahnen, was kommen werde. Die ganze Welt war mit den Werken des Friedens beschäftigt. Aus Krisen und Stockungen hatte sich die Arbeitswelt der Menschen wieder zum Gefühle der Sicherheit und ihrer ungefährdeten Entwickelung erhoben und erholt, und auf allen Gebieten war man mit Entwürfen, Grundlegungen und Ausbau beschäftigt. Wie ist dies Alles anders geworden, wie Unermeßliches zertrümmert, wie Vieles auf beffere Zeiten zurückgelegt! Und wann werden diese kommen? Beispielsweise aus unserem engeren Kreise, traf uns persönlich der Beginn dieses Jahres in Berlin und Leipzig, um im Vereine mit verehrten Männern die Begründung einer „Hochschule für die Wiffenschaft des Judeuthums", sowie das Jnslebenrufen des deutschen Gemeindebundes zu berathen, wie auch kurz vorher in Berlin die Versammlung deutscher und französischer Israeliten für die Angelegenheiten der westrussischen Juden stattgefunden. Für alle diese Gegenstände wurden die Entwürfe festgestellt, die Organisation constituirt und sofort an deren Ausführung Hand angelegt. Der Schluß des Jahres findet sie unter dem ehernen Joche des Krieges, zwar nicht aufgegeben und erdrückt, aber doch in ungewisse Ferne verwiesen, und bei den ungeheuren Aufgaben, welche der kommende Frieden zunächst zu lösen haben wird, ist bei dem besten Willen an eine baldige und nachhaltige Wiederaufnahme nicht zu denken. Die Elasticität unserer Zeit ist groß, aber zu viel ist ihr nicht zuzutrruen, wenn die Federn nicht brechen sollen. Niemand hatte es geahnt, welche traurige Prüfungen uns im Laufe dieses Jahres Vorbehalten sein sollten! Zwar wußte man, daß in Frankreich die Vergrößerung Preußens und die Errichtung des norddeutschen Bundes sehr ungern ertragen und bei dem Anspruch der französischen Nation auf das politische Uebergewicht und auf den militärischen Vorrang die nationale Eifersucht in sehr erregter Reizbarkeit sich befinde. Aber es waren ja bereits fast vier Jahre darüber hingegangen; die Pariser Weltausstellung von 1867 hatte die Bürger aller Erdtheile im friedlichen Wetteifer und in den höchsten Kunstgenüssen vereinigt gesehen; die Luxemburger Frage war durch freundschaftliche Uebereinkunst gelöst; vermittelst der Thronreden wurden die Friedensversicherungen zwischen allen Staaten immerfort ausgetauscht. Der einzige schwarze Punct lag in den inneren Wirren Frankreichs, deren Lösung überaus schwierig erschien, und durch welche man den französischen Cäsar leicht veranlaßt glauben kounnte, durch eine kriegerische Action nach Außen die Aufmerksamkeit feines Volkes abzulenken und ihm das cäfarische Joch durch kriegerischen Ruhm und Eroberung zu vergolden. Allein gerade hier schien der Inhaber des französischen Thrones durch eine geschickte Wendung eine Ausgleichung erwirken zu können. Der famose 18. Januar sollte eine parlamentarische Regierung an die Stelle der casarischen setzen, und dadurch den Wünschen der Nation, wenigstens in sehr bedeutenden Fractionen derselben, genügen. Aber dies war ja eben der Pferdefuß jenes Mannes des zweiten December. Nicht blos der größte Theil der Franzosen, sondern auch der übrigen Welt, ließ sich täuschen, und wer sich die Mühe geben wollte, die Zeitungen, die englischen wie die deutschen, jener Tage noch einmal zu lesen, würde über die

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