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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-12-20 · Heft 51 (20.12.1870) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 51 (20.12.1870)
Date
1870-12-20
Page
[Seite] (sequence 21)
Language
German
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Beilage zur Allg. Ztg. des Judenthums. No. 31 Die RMmatswahl in Bingen, besprochen von einem rheinische» Rabbiner. Hochgeehrtester Herr Redacteur! Erlauben Sie mir, daß ich die Aufmerksamkeit Ihrer Leser, die wohl auch zumeist von den gewaltigen Ereignissen in und vor „der Hauptstadt der Seit" in Anspruch genommen wird, für heute ein wenig abzulenken suche nach der kleinen, so freundlich am Rheine gelegenen Stadt Bingen. Befürchten Sie nicht, daß ich mir etwa einfallen ließe, das „Hauptquartier der Armeelieferanten" in seiner geräuschvollen Thätigkett zu schildern, wie für den Magen unserer tapfern Heere von „unfern Leuten" gesorgt wird, das überlaffe ich gerne den schlachtenbummelvden Helden von der Feder zum Auftischeu für chre gläubigen Leser. Ich ziehe es vor, darüber meine Betrachtungen anzupellen, wie eine gewisse Partei in Bingen, nämlich die orthodoxe, bei der vorzunehmenden Wahl eines Rabbiners für die geistlichen Bedürfnisse der dortigen Israeliten zu sorgen bestrebt ist. Wenn man früher den Orthodoxen oft den Vorwurf machte, daß fie kein Berstandniß für die Anforderungen der höher entwickelten Bildung unserer Zeit hatten, daß sie die aus dem engen Gesichtskreise früherer Jahrhunderte hervorgegangenen und den damaligen Lebeusverhältniffen entsprechenden Bestimmungen unserer Zeit aufschrauben wollten, so muß man hinwiederum unfern Neuorthodoxen das Zugeständniß machen, daß sie in gewissem Sinne sich sehr gut auf die Zeit verstehen, wenn es nämlich gilt, ihre Pläne durchzusetzeu. Unsere Neuorthodoxen haben eine ausgezeichnete Spürnase, und mit feinem Instinkte wittern sie jedesmal die ihnen günstige Windrichtung der Zeit und lassen sich von ihr mit sorttreibeu. Als daher vor einigen Jahren die große kirchliche Bewegung begann, und die Geister nach längerer Pause wieder empfänglicher waren für religiöse Zeitfragen, da hielt auch die orchodoxe Partei den Moment für ihr Auftreten günstig, und es wurde große Heerschau gehalten unter den „deutsch" schreibenden Genossen der Partei, und die Stadt eines Bischofs von Ketteler, des tüchtigsten Verfechters der ultramontanen Partei, hatte auch die Ehre, in chrer Mitte den „Israelit"" entstehen zu sehen. Und nun ging von Mainz eine „neue"" Lehre aus, welche, anstatt „die Zerstreuten Israels zu sammeln"", bestrebt war, die Geeinten zu ttenneu. Mit wahrer Wollust wurde der spaltende Keil immer tiefer in den Leib der Gemeinden Israels eingelrieben und nur zu oft entsprach der Erfolg den Bemühungen. So triumphirte der Geist der „Secession"" in Frankfurt und Mainz schon früher und neuerdings in Karlsruhe und Wiesbaden. Sie, hochgeehrter Herr Redacteur, und mit Ihnen viele Treffliche in Israel haben gegen diese Trennungsmanie geschrieben und gesprochen, und diesem Umstande und dem gesunden Verstände unserer GlaubeusgenosseL ist es wohl zuzuschreibeu, daß nicht mehr Unheil geschah in Israel. Denn noch in vielen Gemeinden wurde von der neuorthodoxen Sette der Versuch gemacht, die Fackel der Zwiettacht unter ihre Glieder zu schleudern. Bor einiger Zeit nun starb in Bingen der dortige Rabbiner vr. Soberuheim. Sie, hochgeehrter Herr Redacteur, und viele Ihrer Leser kannten wohl den liebenswürdige», ttefflichen Charakter des bescheidenen, kenntnißreichen Mannes, der immer bestrebt war, Friede und Einttacht in seiner Gemeinde zu erzielen, was ihm auch trotz der widerstrebendsten Elemente gelang, weil alle Parteien in ihm mehr oder weniger auf verwandle Seiten stießen. Soberuheim gehörte nämlich der großen religiösen Mittelpartei an, welche sich von den Extravaganzen beider Extreme gleich fern halt. Die Mehrzahl der Gemeindemitglieder Bingens huldigt ebenfalls dieser Richtung, und nur eine verschwindend kleine Minorität schwört aus die Worte des Redacteurs des „Israelit"", mit dem sie auch, wenn ich nicht irre, verwandt ist. Es gilt nun, den erledigten Rabbinatsstuhl wieder zu besetzen, und was thut da die Gemeinde Bingen? Eingedenk des ttefflichen und friedlichen Wirkens Sobernheims setzt sie natürlich einen Gesinnungsgenossen desselben ein? Ja, wenn sie dies thäte, dann wäre mein Artikel überflüssig. Daß aber dieser den Manen Sobernheims würdige Weg nicht eingeschlagen werde, dafür weiß die sehr Keine, aber äußerst rührige neuorthodoxe Partei zu sorgen. Diese Orthodoxen haben ihre eigenen Gedanken, und wie es den Anschein hat, machen sie nicht ganz die Rechnung ohne den Wirth. Die letzten Wahlen zum preußischen Abgeordnetenhause haben das interessante Resultat geliefert, daß die demokratische Partei ihre meisten Sitze einbüßte, während die Klerikalen eine stattliche Anzahl von Mandaten eroberten,

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