Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1870)
- Date
- 1870-12-20
- Page
- [Seite] (sequence 22)
- Language
- German
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so daß wir dieselben auch im preuß. Abgeordnetenhause wohl bald als geschloffene und einflußreiche Partei werden austreten sehen, welche, wie es scheint, das von Italien eroberte Rom in Berlin wieder zurückerobern will. Der Krieg hatte eben die Gemüther für jegliches andere Interesse abgespannt, und so gelang es den Minoritäten, ihre Candidaten durchzusetzen. Diese Lehre, daß jetzt den Minoritäten der Weizen blühe, wollen nun unsere Neuorchodoxen in Bingen ebenfalls anwenden, indem sie denken, was dem Einen recht, ist dem Andern billig. Um staatliche Angelegenheiten und politische Wahlen kümmern sich zwar unsere Orthodoxen schon lange nicht mehr, seitdem der Staat nicht mehr so gefällig ist, ihre „besonderen Eigenthümlichkeiten" in Leben und Synagoge zu schützen; dafür aber haben sie Gemeinde- und Rabbinatswahlen, wobei sie ihr,Mühlertalevt" bethätigen können. Bingen also ist das neueste Operationsfeld, und bei der durch den Krieg erzeugten Apathie und der Regungslosigkeit der vorgeschrittenen religiösen Partei in Bingen scheint es auch den dortigen wenigen Neuorthodoxen gelingen zu wollen, mit einem schnellen, kühnen Griff einen Anhänger des „Mainzer Israelis" auf den erledigten Rabbinatsstuhl zu setzen. Wissen Sie auch, hochgeehrter Herr, wie solch ein neuorthodoxer Rabbiner beschaffen fein muß und wie man ihn beschafft? Bor Allem wird er ein tiefer, gründlicher Kenner des Talmud sein müssen? Gott bewahre! So modern sind unsere Neuorthodoxen schon, daß sie dies nicht mehr für nöthig finden. Früher waren unsere Orthodoxen „Hüter der Lehre" und „voll von Frömmigkett wie ein Granatapfel" (yirr-o msa unsere heutigen „Hüter der Lehre"" sind gläubig und mit talmudischer Gelehrsamkeit angefüllt wie „eine ausgepreßte Citrone". Bamberger kann lernen, Hildesheimer kann lernen und es ist so leicht zu glauben, was diese lehren; wozu es selber wissen? Der Glaube macht selig, das Wissen aber kostet Anstrengung und Zeit, und die braucht man doch so nöchig, um Artikel in den „Israelit" zu schreiben. Da sitzt der Hase im Pfeffer, würde der Schwabe sagen. Unsere Neuorchodoxen müssen deutsche Grammaük und Orthographie lernen, damit der „Israelit" immer „deutsch" schreibende Correspondenten hat, welche die Reformer auf ihrem eigenen Gebiete schlagen können. Hat man dies erst gelernt, so sitzt man noch einige Zeit zu den Füßen Hildesheimers, um abzusehen, wie der sich räuspert und spuckt und — der neuorthodoxe Lamdan ist fertig. Also ist der neuorthodoxe Rabbiner beschaffen und wie wird er beschafft? Ganz einfach; die betreffende neuorthodoxe Partei schreibt an vr. Lehmann in Mainz, dieser sieht sich um unter seinen Correspondenten, zum Ueberfluffe wird vielleicht noch Hildesheimer befragt und — das Recept ist verschrieben und die Gemeinde zahlt die Kosten. In dieser Weise möchte nun die neuorthodoxe Partei in Bingen ihre Gemeinde beglücken; in dieser Wesse soll dieser Gemeinde vom „Mainzer Pabst" ein „Abkömmling"" des „Israelit"" aufgedrängt werden. Wird die Gemeinde dazu schweigen? Wird sich die Majorität von der Minorität einen Rabbiner verschreiben lassen, der die religiöse Gesinnung der Majorttät gar nicht cheilt, sondern sie verdammt? Wird der Borstand, der in seiner Mehrheit nicht dieser neuorchodoxen Coterie angehört, Angesichts des provocireuden Auftretens derselben sich passiv verhalten? Wird er es dulden, daß in seine Gemeinde ein Rabbiner hereinbugsirt werde, der statt Friede und Eintracht, Trennung und Scheidung predigen würde? Wird er es dulden, daß vr. Lehmann, nicht zufrieden mit der von ihm bewirkte» Trennung in Mainz, durch einen seiner Sendlinge die Saat der Intoleranz, des Unfriedens und der Zwietracht ausstreuen laßt? Soll es neuorchodoxen Fanattkern gestattet sein, in die durch den fel. Sobernheim gepflegte Einigkett der Gemeinde in Bingen eine» Riß zu bringen und allmalig eine Zerklüftung der Gemächer herbeizuführen? — Wir hoffen es nicht; denn wenn der Borstand sich diese Fragen vorlegt und sie gewissenhaft erwägt, so wird er der von Mainz ans geleiteten Jntrigue die Spitze abbrechen und einen Mann an die Spitze der Gemeinde berufen, welcher den Anforderungen der Schrift ensspricht: „Mein Bund ist mtt ihm des Lebens und des Friedens und ich gebe sie ihm zur Furcht und er fürchtet mich und vor meinem Namen beugt er sich; Lehre der Wahrheit ist in seinem Munde und Falsch wird nicht gefunden auf seinen Lippen; in Frieden und in Redlichkeit wandelt er mit mir und Biele bringt er von Sünde zurück. Denn die Lippen des Priesters sollen die Erkenntniß wahre» und Lehre soll man suchen aus seinem Munde denn ein Bote des Herrn der Heerschaaren ist er.""