Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1870)
- Date
- 1870-12-20
- Page
- Seite 1012 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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1012 Wasserlache gefallen, wie er mich herausgehoben und an den See geführt, um mich zu reinigen, mir aber nur einige Tropfen auf den Kopf gesprengt und mich dann verlassen habe. Kaum hatte ich meine Erzählung beendigt, als der Vorsitzende mit etwas stärkerer Stimme denn zuvor ausrief: „Es ist Alles recht; es stimmt Alles mit der Aussage des Bruders Paolo überein. Jacomo, Du bist Christ, rechtmäßig getauft, der heiligen Kirche bis jetzt vorenthalten; Du heißt nicht mehr Jacomo, sondern Christofero, auf welchen Namen Dich der Priester getauft hat. Du darfst nicht mehr zu Deiner Mutter zurück; Du bleibst einstweilen hier, bis über Dein Schicksal entschieden ist." Ich fuhr auf, ich schrie: „Nimmermehr'. Es ist nicht wahr; er hat mich nicht gefragt, und ich habe nichts gehört. Ich bin Jude, und will Jude bleiben, und wenn man mich lausend Tode sterben läßt! Der Priester lügt, ich war damals ein blödes Kind, warum hat er bis heute gewartet?" „Dies Alles thut nichts zur Sache. Was der Bruder Paolo ausgesagt, hast Du mit eigenem Munde bestätigt. Die Sache ist unveränderlich. Du wurdest getauft, und die Taufe ist unverwischbar." „Dann wäre ein mit Wasser besprengter Stein, ein Holzblock, über den irgendwer eine Hand voll Wasser ausgießt, getauft und Christ. Hätte der Priester mich getauft, so würde er einen Betrug geübt haben, und ein Betrug hat niemals gültige Kraft. Das wäre mir eine schone Religion, die ven Betrug und die Gewaltthat heiligt. Ich glaube nicht an die Kirche, und Niemand kann mich zwingen dazu. Der einzige Gott, den ich anbete, wird mich hören und allen Trug zu Schanden machen'." Der Präsident erhob sich und sprach kalt und ruhig: „Bringt den Gotteslästerer hinweg und sperrt ihn in die sechste Casa. Besinne Dich da, mein Sohn, Dein Schicksal liegt in Deinen Händen. Thust Du gut, so ergeht es Dir gut; wo nicht, so fürchte die Zuchtruthe der heiligen Mutter. Die Kirche ist fortan Deine Mutter, eine irdische hast Du nicht mehr. Du wirst diese nie Wiedersehen." Man führte mich fort. (Fortsetzung folgt.) Curiosmn. Johann Reuchlin aus Pforzheim (geb. 1455, gest. 1522), der Begründer des hebräischen Sprachstudiums in nichtjüdischen Kreisen, welchem die Erhaltung der nachbiblischen hebräischen Literatur gegen die Verfolgung und drohende Vernichtung durch den getauften Juden Pfefferkorn und die Cölner Dunkelmänner so Vieles zu verdanken hat, war seiner Richtung nach ein Mystiker, dem es bei seinem Studium der hebräischen Literatur besonders um die Auffindung kabbalistischer Deutungen zu thun war. Als zwei Pröbchen führen wir an, daß er in dem Worte k-o im 1. Verse der heiligen Schrift die christliche Dreieinigkeit finden wollte, nämlich: a (Sohn), nii (Geist) und « ----- 2« (Vater),*) wobei charakteristisch genug der Sohn dem Vater vorangeht und dieser erst die dritte Stelle einnimmt, was der kirchlichen Gewohnheit und der Volksanschauung enffpricht. In den schwierigen Worten Spr. 30,31. ins fand er die Weissagung, daß nach Maximilian Friedrich von Sachsen Kaiser werden würde, was freilich nicht in Erfüllung ging.**) *) De verbo mirif. L. Hl von Anfang. **« Reuchlini Epist. ad Mutianum, in Tentzelii Supplementa Hist. Gothanae, 2. Abth. S. 65. Wer übrigens eine bündige und kritische Darstellung des Reuchlin'schen Kampfes lesen will, findet dieselbe in „Strauß, Ulrich von Hutten" Th. I Kap. 7 S. 188 ff. Xenien. «Fortsetzung.) Sprich, was ist besser für uns, zu reden oder zu schweigen, Sei's in des Lebens Gewühl, sei es am häuslichen Heerd? „Reden ist Silber," so heißt's, „doch köstliches Gold ist das Schweigen" — Aber nicht Silber, nicht Gold stillt uns den Hunger, den Durst. „Unter Weisen erwuchs ich, und fand Nichts besser als Schweigen" — Habt Ihr mich niemals gehört, nennt Ihr mich sicherlich Tropf. „Hättest Du fürder geschwiegen, so wärst Philosoph Du geblieben" — Schweig ich, so hättet Ihr mich feigen Berräther geschmäht. Darum reden zur Zeit und schweigen zur anderen, rath' ich — Wann nun Beides zu thun, scheidet den Weisen vom Aber wem Reden Beruf in der ganzen Zeile des Jahres, Reden zu Schutz und Trutz, reden in Freud und in Leid? Freund, ich beklag' Dich, Du sprichst — und sei es zu Herz und Verstände — Doch Dich um Ruhm und um Dank — schnell mit der Stunde verhallt's. «Fortsetzung folgt.) Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirfchfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lvtze.