Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1870)
- Date
- 1870-12-20
- Page
- Seite 1011 (sequence 19)
- Language
- German
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1011 sich vernehmbar machte. Und um Mitternacht kam es. Ich hörte zuerst einen Nachen in den dicht vorüberfließenden Wellen des Flusses plätschern, dann Schritte um unser Haus, plötzlich ein Donnern von Gewehrkolben gegen die Thüre und den Ruf um Oeffnung derselben „im Namen der heiligen Inquisition! “ Wenige Minuten später und die Thüre meiner Schlafkammer stand offen, und eine Schaar Sbirren, einen verlarvten Priester an der Spitze, umgab mich und forderte mich auf, mich anzukleiden und zu folgen. So sehr auch die Macht der Kirche und des Papstes bereits im Wanken begriffen war, so hatte doch diese h. Inquisition noch eine furchtbare Herrschaft über die Gemüther, und vor dem Rufe „im Namen der h. Inquisition" erstarrte das Blut in den Adern Derer, die dieses Schreckenstribunal vor sich forderte. Wie könnte ich die Scene schildern, die nun folgte. Meine Mutter war durch den Lärm erwacht, stürzte im Nachtkleid mit aufgelöstem Haar in das kleine Gemach, stieß die Männer , die mich umringten, fort, und warf sich mit herzzerreißendem Schrei vor mich, in der That wie eine Löwin, die ihr Junges vertheidigt. Da nahm der Priester die Larve von seinem Angesicht, und rief mit scharfer Stimme voll bitterer Ironie: „Jetzt, Lelia, ist die Stunde der Vergeltung gekommen .. Jetzt wirst Du meinen Haß im Namen unserer Kindheit beschwören, wie ich zwei Mal vor Dir gethan — aber vergebens. Dein Sohn ist dem heiligen Tribunal verfallen — das Weitere wird sich finden, laß nur mich dafür sorgen! . . ." Was meine Mutter sprach, was sie flehte, welchen Fluch sie auf das Haupt des Frevlers herabbeschwor — ich weiß es nicht mehr. — Bald aber riß dem Priester die Geduld, und er befahl den Sbirren, mich fortzuführen. Noch einmal stürzte sich meine Mutter dazwischen, und sie war im Begriff, ihre schwachen Kräfte zu einer ohnmächtigen Bertheidigung einzusetzen, als ich sie bat und beschwor, um meinet- und um ihretwillen, ruhig zu sein. „Gönne nicht," rief ich aus, „diesem nichtswürdigen Priester die Genugthuung, Dich in einem vergeblichen Widerstande aufzureiben und zu verletzen, und seinem Haffe nicht die Befriedigung, Dich vor ihm gedemüthigt und verzweifelnd zu sehen! Giebt es noch einen Schimmer von Gerechtigkeit in Rom, so werden wir uns Wiedersehen — Du weißt, ich habe nichts verbrochen. Dieser Priester kann mich nur verleumdet haben und die Wahrheit wird au den Tag kommen. Der Gott unserer Väter, der Joseph aus dem Gefängniß befreit, wird seine rettende Hand auch über uns hallen, über die verlassene Wittwe und Waise!" Meine Mutter fiel in meine Arme; war es eine Schwache oder eine Ohnmacht? ich legte sie auf das Bett und übergab mich den Sbirren. Durch die Straßen der Stadt leiteten mich schweigend und mit leisen Schritten die Diener der Tyrannei und Ungerechtigkeit weite Strecken, bis wir an eine Brücke kamen, welche von beiden Seiten von schwerem Geschütz vertheidigt war, und hinter welcher sich die schwarzen Mauern einer Burg drohend erhoben. Wir überschritten die Brücke, die Wachen ließen uns pafsiren, die Thore öffneten sich, wir gingen durch Höfe, Gallerien und gewölbte Gange, was weiß ich heute noch wie viele, endlich schloß man eine eiserne Pforte auf und stieß mich in eine kleine leere Zelle hinein. Ich wußte wohl, wo ich war: in der Engelsburg, in jenem furchtbaren Gefängniß, welches selten einem Eingekerkerten die Pforten seiner Verließe wieder öffnete; ich war oft genug vorübergewandelr vor diesem römischen Dreieck, wo eine Kirche, ein Palast und ein Kerker als die drei Glieder der päpstlichen Kette sich aneinanderschloffen, jedes riesig in seiner Art, eines zum anderen genau zusammengehörig! Es war eine schreckliche Nacht; ich sah mich verloren; ich sah meine Mutter um die Gräben und Mauern dieses Gefängnisses irren, meinen Namen rufend, und ich konnte ihr nicht antwotten ... erst gegen Morgen kam mir ein unruhiger Schlummer, und aus diesem ward ich durch die kalte Hand eines Kerkermeisters geweckt. Ich mußte ihm folgen, und nach abermaliger langer Wanderung wurde eine hohe Thüre geöffnet, und ich stand in einem weiten, düstren Saale. In der Mitte desselben befand sich eine mit schwarzem Tuche bedeckte Tafel, an welcher sieben Männer in dunkle, wenn auch in Schnitt und Form verschiedene Priesterrobeu gekleidet saßen. Sie saßen da, ernst, schweigsam, mit eisigen Mienen, unbeweglich. An einem Seitentische erblickte ich zwei Schreiber, die sich eifrig mit ihren Papieren beschäftigten; an den Wänden reihten sich Sbirren mit Hellebarden bewaffnet. Es wurde mir eine kurze Zeit vergönnt, dies Alles zu betrachten und mich zu fassen. Dann erst führte mich mein Begleiter an das leere Ende der Tafel und stellte mich so dem Vorsitzende« des Gerichtes gegenüber. Was ging in meiner Knabenseele vor? Wenn ich daran zurückdenke, ist es mir noch heute ein Räthsel. So viele Schrecken waren auf mich eingestürmt, daß ich wohl davon niedergeschmettert, zermalmt, betäubt sein konnte. Aber es war dem nicht so. War es eine natürliche Biegsamkeit des jugendlichen Geistes, war es das Bewußtsein der Unschuld und des Rechts, oder endlich der Abscheu vor jenem Giftquell unseres grausamen Schicksals — ich zitterte nicht, ich war furchtlos, ich sah den Richtern gerade ins Gesicht, ohne auch nur mit der Wimper zu beben. Endlich richtete der Vorsitzende die Frage an mich: „Du heißt Jacomo Leti aus Tibur?" — „Ja." — „Kennst Du den Priester Paolo Lamberti?" — „Allerdings." — „Wann und wo hast Du ihn zuerst gesehen?" — Ich brauchte mich nicht lange zu besinnen; dieser Mensch hatte dafür gesorgt, daß Alles, waS zwischen ihm und uns vorgegangen, mit glühenden Lettern in meine Seele eingezeichnet war. Ich erzählte, wie ich als Kväbchen am Ufer des Solfatara gestanden, vor dem plötzlich erschienenen Priester erschrocken in eine