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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-12-20 · Heft 51 (20.12.1870) · p. Seite 1010

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 51 (20.12.1870)
Date
1870-12-20
Page
Seite 1010 (sequence 18)
Language
German
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1010 uns zu tragen. Was meine Mutter begann, mißglückte, weil ihr Niemand entgegenkam, Jedermann zuwiderhandelte. Für mich war hier vollends nichts zu thun, und ich wurde es überdrüssig, die Wasser des Teverone stürzen und die grauen Nebel des Solfatara aufsteigen zu sehen. Wir beschlossen endlich, Tibur freiwillig wieder zu verlassen und — nach Rom selbst überzusiedeln. Hier dachten wir eher irgend eine neue Erwerbsquelle uns eröffnen zu können, und besonders ich hatte mir bereits einen Plan gebildet. Ich näherte mich jetzt meinem fünfzehnten Lebensjahre und wollte nunmehr meinerseits die Stütze meiner armen Mutter werden, wie diese sie bis jetzt für mich gewesen. Es war jetzt nicht schwierig für uns, nach Rom überzusiedeln, was vordem für Leute unseres Glaubens und Standes ganz untersagt war. Ich begriff freilich die obwaltenden Zustände erst später. Italien wie ganz Europa befand sich damals in sehr unruhigen und zerrütteten Verhältnissen. Der Boden schwankte unter Aller Füßen. Jeden Augenblick konnte unter dem Bestehenden die Erde sich öffnen und es verschlingen. Die französische Revolution und die wiederholten siegreichen Feldzüge Bonapartes hatten das ttalienische Volk bis in den tiefsten Grund aufgeregt. Alles rief nach Freiheit und Einheit. Mehrere der alten Staaten waren bereits zusammengebrochen und hatten einer Republik Platz gemacht. Der Fels Petri stand noch, aber um ihn und unter chm vernahm man schon das Rollen des Erdbebens. In Rom selbst, in der Romagna und in den Delegationen folgte eine Verschwörung der anderen, und man hatte das Gefühl, daß es nur der Annäherung der Franken bedürfe, um die Herrschaft des Papstes zusammenzubrechen. Unter diesen Umständen, von denen ich damals freilich noch keine Ahnung hatte, schwankte die Priesterherrschast in Rom wie ein Rohr, das sich bald vor einem Ostwinde, bald vor einem Weststurm beugt. Man war stets ungewiß, welche Maßregeln man ergreifen sollte, aber welche man faßte, betrieb man mit Harte und Grausamkeit. Man sperrte ein, man folterte, man erschoß, und am andern Tage zeigte man wieder Schwäche gegen offenbare Widersetzlichkeit. So übte man eine strenge Polizeigewalt in Rom, ließ aber Alles zu, was hinströmte, indem man sich einbildete, es hier besser in der Gewalt zu haben als anderswo. Wir kamen nach Rom, und ich ging sofort daran, meinen geheimen Plan auszuführen. Ich stellte mich am ersten Sabbath am Eingang des großen, innen so prächtig geschmückten Tempels auf, und beobachtete Alle, die hineintraten, besonders die wohl- und reichgekleideten Männer. Es fiel mir auch darunter Einer auf, dem die Leutseligkeit auf das Gesicht gezeichnet war, und den die Anderen mit besonderer Ehrerbietung und Freundlichkeit begrüßten. Ich ließ mir ihn nennen, seine Wohnung angeben und ging noch selbigen Tages zu ihm. Bald wurde ich vorgelaffen, und trug ihm nun meine Geschichte und mein Anliegen bündig und wahrheitsgetreu vor.' Der Vater der Wittwen und Waisen rührte sein Herz; ich gefiel ihm, siößte ihm Zuttaueu ein, und er bestellte mich den anderen Tag auf seine Niederlage. Kurz, er gab mir so viel Waare, wie ich brauchen konnte, und damit begann ich in den Straßen Roms zu haufiren. Es währte nicht lange, so hatte ich mir einige Ortskenntnisse verschafft, auch schon gewisse Kunden erlangt, und da ich ehrlich und gewissenhaft zu Werke ging, keinen Käufer täuschte und dem edlen Manne, der mir so bereitwillig geholfen, stets sorgfältig den Preis der Maaren, die ich abgesetzt, brachte: so fing mein kleines Geschäft zu blühen an und warf mir hübschen Gewinn ab. Ich unterschied bald, was am leichtesten Käufer fand und woran sich am ehesten etwas verdienen ließ, und so wurden meine Aussichten immer besser. Dies überwand denn auch den Widerwillen meiner theureu Mutter, welche Anfangs von dieser meiner Thätigkeit nichts wissen wollte und sie nur stundenweis zuließ, weil sie stets vor Gefahren zitterte, die mich in der großen, stemden und von so vielem Gesindel heimgesuchteu Stadt treffen könnten. Welche Angst empfand sie, wenn ich einmal eine kurze Zeit länger ausblieb. Wie oft war sie nah« daran, mir die Fortsetzung zu verweigern. Aber die Noch bezwang die Besorgniß, und die Gewöhnung fing an, die Furcht zu verscheuchen. Ach, ihre Beängstigung sollte nicht allzu lang ohne Grund bleiben! Eines Tages ging ich den Corso entlang und blickte eben nach einem Balkon, von welchem ich einen Wink zu sehen vermeinte, um mich mit meinen Maaren hiuaufzurufen. Da empfing ich einen Schlag auf die Schulter, ich wandte mich — und vor mir stand Paolo mit feinem grauen Gesicht, seinen bohrenden Augen, seinem grimmigen Lächeln um den zusammengekniffenen Mund. . . Ich schrak zurück — der Priester fragte mich: „Bist Du nicht Jacomo Leti aus Tibur?" ... Ich bethörter Knabe, statt ihm frech ins Antlitz zu leugnen, wandte mich und lief spornstreichs fort. Ein heiseres Lachen deS Priesters schallte mir nach, denn ich hatte chm die Bestätigung seiner Frage so sicher gegeben, als wenn ich die Bejahung ausgesprochen hätte. Schnell rannte ich in eine Nebenstraße und durch diese kreuz und quer nach dem Ghetto und in das ärmliche, versteckte Hänschen am Tiber, in welchem ich mit meiner Mutter ein Hinterstübchen bewohnte. Ich glaubte so dem Verfolger entgangen zu sein, der mich in der großen Stadt unmöglich auffinden konnte. Ich verbarg meiner Mutter meinen Schrecken, meine Angst, und schützte ein kleines Unwohlsein vor, wegen dessen ich so stühzeitig nach Hause gekommen und heute nicht wieder fortgehen wollte. Die Sorge quälte mich jedoch, ob ich diesen Bösewicht auf meinen Wegen durch die Stadt nicht doch wieder einmal treffen könnte, und ich richtete fort und fort das heißeste Gebet an den gütigen Lenker droben, mich vor seinen scharfen und giftigen Klauen zu retten. Schlaflos lag ich in dieser Nacht, und lauschte ängstlich auf jedes Geräusch, das in der Umgegend unseres Hauses

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