Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1870)
- Date
- 1870-12-20
- Page
- Seite 1009 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung -es Ju-enthnms. Feuilleton-Leilage zu Nr. 51. Leipzig, den 20. December 1870. Der taube Soldat. Eine Lebens- und Leidensgeschichte. (Fortsetzung.) Paolo erhob deshalb sein Haupt nur um so höher, je besser ihm die Sache gelungen, wenn ihm freilich auch die Person meiner unglücklichen Mutter entgangen war. Er maßte sich alsbald die Herrschaft über die ganze Stadt an, und indem er den Pöbel und das Landvolk auch noch durch einige ihnen zugewandte Bortheile an sich feffelte, wußte er so viel Furcht und Schrecken um sich zu verbreiten, daß ihm Niemand zu gehorchen verweigerte. Dabei verstand er es, Alles im Namen und zum Heile der Kirche zu thun, und dafür zu sorgen, daß recht reichliche Gelder nach Rom floffen, so daß man ihm von dort fast die unumschränkte Gewalt in Tibur und der Umgegend überließ. Dies konnte jedoch ohne mancherlei Gewaltthätigkeiten nicht abgehen, und wie eine solche Tyrannei immer über ihr erstes Ziel hinausgehen muß, so kam es auch hier. Bald fielen seine Streiche auf die angesehensten Bürger der Stadt; das Murren verbreitete sich; der Druck wurde unerträglich. Dies würde ihm jedoch bei der Fülle seiner Hülfsmittel wenig geschadet haben. Aber die Herrschsucht war nicht die einzige und nicht die stärkste Leidenschaft, die dieses Scheusal erfüllte; noch andere Begierden regierten ihn in noch größerem Maße, und zwar solche, die dem Priester am wenigsten geziemen. Wußte er viele dergleichen Fälle zu verheimlichen, so kamen doch endlich einige, wo er, sicher gemacht, nicht Vorsicht genug geübt, zum Durchbruch. Die unglücklichen Opfer flohen nach Rom und erhoben endlich ein solches Geschrei gegen den lasterhaften Priester, und von Tibur aus reichten nun dennoch die angesehensten Männer so nachdrüÄiche Beschwerde ein, daß ihn der Befehl traf, Tibur zu verlassen, seine Aemter aufzugeben und sich in ein entlegenes Kloster zurückzuziehen. Dieser Sturz des Tyrannen machte großes Aussehen und drang zuletzt auch zu den Ohren der entflohenen Juden, aber nur einer, derselbe, der uns dies berichtete, kehrte nach Tibur zurück. Er überredete auch meine Mutter, das Gleiche zu thun. Dies ward ihm nicht schwer, denn das Herz der hart geprüften Frau hing zu sehr an ihrer Vaterstadt, an dem Häuschen, worin sie so viel der Freude und des Leides erlebt, an den Gräbern ihres Gatten und ihrer Eltern. Sie hatte in Todi keine frohe Stunde gehabt; vielleicht kehrten solche in der Heimrth wieder. . . Nicht lange, und wir machten uns auf den Weg, und kamen mit unseren geringen Habseligkeiten nach Tibur zurück. Niemals wird die Erinnerung an den Anblick, den unser ehemals so schönes Häuschen darbot, aus meiner Seele schwinden. Meine Mutter war bleich vor Entsetzen, mit verzweiflungsvollen Blicken starrte sie in die leeren Räume, auf die Zerstörung, welcher hier Alles anheimgefallen und von dem Wetter der letzten Jahre noch mehr Vorschub geleistet worden. Lange dauerte es, bevor ihren Augen ein Strom von Thränen entquoll, bevor diese getrocknet waren. Ich stand neben ihr, Grimm hatte sich meiner Seele bemächtigt, ich ballte die Fäuste, ich schwur in meinem Herzen, Rache an den Frevlern zu nehmen — sie ist niemals erfüllt worden, wenn nicht Gott die Vergeltung über sich genommen. . . Wir richteten uns mit den dürftigen Gerätschaften, die wir aus Todi mitgebracht, so gut es ging, ein. Meine Mutter verwendete fast den letzten Rest ihrer Geldmittel auf die immerhin kärgliche Wiederherstellung des Hauses, damit es wenigstens wieder bewohnbar wurde. Welche traurige Tage verlebten wir da, denn jetzt erst erinnerte jede Kleinigkeit meine Mutter daran, wie ganz anders es früher gewesen. Aber auch die Bewohner der Stadt erwiesen sich abstoßend und hart wider uns. Es ist nur zu wahr, die Menschen hassen den, an welchem sie Unrecht verübt zu haben sich bewußt sind; sie vermeiden ihn, sie weisen ihn ab, als ob sie die Erinnerung scheueten an eine unselige That, als ob er die Ursache sei, die sie mit ihrem Gewissen in Zwiespalt gebracht. Kurz, es vergingen einige Monate, und wir sahen ein, daß wir hier zu Grunde gehen müßten. Mit der Stunde unserer Flucht schien sich der Boden unserer Heimath gegen uns verschworen zu haben, um nichts als Mißhelligkeiten und Trübsale in seinem Schoße für