Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1870)
- Date
- 1870-12-20
- Page
- Seite 1008 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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1008 Herr Dr. Speyer weder seinen Staatsexamen als Rabbiner gemacht, noch hat er die Morenu zum Paskenen, — Allerdings hatte Herr Kreisrabbiner Goldman», auf die Bitte des Herrn Dr. Speyer, dem Letzteren gestattet, zu seiner eignen, weiteren Ausbildung dann und wann in der hiesigen Synagoge zu predigen. — In seiner zweiten Predigt jedoch erlaubte sich Herr Dr. Speyer — ein junger Mann von höchstens 28—30 Jahren — einer ihm noch ganz fremden Gemeinde gegenüber, welche wußte, daß er nicht das Recht, sondern nur die Erlaub n iß zum Predigen habe, Ausdrücke, welche einem jeden anständigen Gemeindemitgliede die Schaamröthe ins Gesicht treiben mußte und aus diesem Grunde hat ihm der Kreisrabbiner die fernere Erlaubniß zum Predigen entzogen, zumal Herr Dr. Speyer öffentlich erklärt, daß er in der von ihm beliebten Weist fortzufahren die Absicht habe. — Die Gemeinde Eschwege besteht aus ca. 100 Mitgliedern, welche fast sämmtlich dem Handelsstande angehören und von denen Viele bedeutende Geschäfte besitzen und von diesen Geschäften dürfen wir behaupten, daß nicht ein Einziges am Sabbath offen ist und daß es nicht drei Mitglieder der ganzen Gemeinde gibt, welche am Sabbath im öffentlichen Gottesdienste fehlen, es müßte dann sein, daß sie verreist oder krank sind. — Außerdem ist die Gemeinde im Innern bisher stets einig gewesen, sie steht bei ihren christlichen Mitbürgern und nach außen hin geachtet und geehrt da und einer solchen Gemeinde, wagt ein junger Mann, welcher den größten Theil derselben noch nicht einmal gekannt und der nur zu seiner eignen Ausbildung die Erlaubniß zum Predigen hatte, zu sagen: „Ihr haltet die Staatsgesetze, nur weil Ihr Euch vor der Strafe fürchtet!! rc. Einer Gemeinde, welche wie die hiesige, von religiösem Gefühl durchdrungen ist den Borwurf zu machen: „daß diese in religiösen Dingen immer demjenigen volles Vertrauen schenke, dessen Lehre und Beispiel am bequemsten ist" — wie der Verfasser des Artikels in der Presse sagt — dazu gehört eine Stirn und und ein Mangel an Wahrheitsliebe, die den ganzen Artikel der Preise, resp. deren Einsender kennzeichnen. — Es wird nun ferner in dem mehrfach erwähnten Artikel gesagt, daß sich die Gemeinde gegen vr. Speyer beschwert, weil er bei einer Beerdigung in Hellen Beinkeidern erschienen sei. — Auch das ist gelogen, denn in der betreffenden Beschwerde ist durchaus kein Mann genannt, sondern hat nur ein kleiner Theil der Gemeinde den Vorstand höflich gebeten, dafür zu sorgen, daß bei Leichenbegängniffen eine zeitgemäße Ordnung aufrecht gehalten werde und zwar durch Anschaffung eines Leichenwagens, durch Erscheinen des Leichengefolges in dunklen Anzügen, dem auch seither schon die meisten Mitglieder unserer Gemeinde aus eignem Gefühle für Anstand nachgekommen sind. — Wir wiederholen jedoch nochmals, daß von Dr. Speyer in der ganzen Beschwerde nicht die Rede ist und wenn sich derselbe davon getroffen glaubt, so muß er wohl den Grund dafür wissen. — Wir wollen über das sonstige Auftreten des Herrn Dr. Speyer, seit seinem kurzen Hiersein hinweggehen, denn nur ungern und nur gezwungen würden wir uns entschließen, darüber öffentlich zu sprechen. — Wir haben, seitdem ihm das Predigen nicht mehr erlaubt ist, und unsere sabbathliche Andacht nicht mehr durch ihn gestört wird, gern, keine Veranlassung uns mit Herrn Dr. Speyer zu beschäftigen, wir erklären auch ganz ausdrücklich, daß wir zu dieser gegenwärtigen Besprechung nur durch das Erscheinen des Artikels in der „Presse" veranlaßt worden und wollen dem Verfasser desselben den Rath geben, die ehrenwerthen Eschweger (wie er solche zu nennen beliebt) erst näher kennen zu lernen, ehe er ein solch wegwerfendes Urtheil über sie fällt und ehe er einen solchen lügenhaften Bericht der Oeffentlichkeit übergibt, denn zu den ersten Bedingungen eines wahrhaft frommen Mannes gehört, unsrer Ansicht nach, Wahrheits- und Friedensliebe und ist es traurig, wenn man einen solchen frommen Mann — wie der Verfasser des Artikels scheinen will — auf Lügen und Verläumdungen ertappt. — Auch wollen wir noch constatireu, daß in unserer seit langen Jahren friedlichen Gemeinde, seit dem Augenblick, wo Herr Dr. Speyer die Lehrerstelle provisorisch übernommen hat, sehr häufig Zwistigkeiten, thellweise sogar Spaltungen enstanden find und soll sicherem Vernehmen nach in Rendsburg — wo Herr Dr. Speyer Cultusbeamter gewesen — ein gleiches Verhältniß gewaltet haben; es hat sogar Herr Dr. Speyer mit dem dortigen Gemeindevorstande proceßt! Sapienti sat! — Was nun den Schlußsatz des Artikels in der „Presse" betrifft: „wie die Geschichte enden wird und ob der kleinere Theil der Gemeinde, der zu Herrn Dr. S. steht, sich so einfach seinen Rabbiner wegdecretiren lassen wird," so bemerken wir, daß uns eine solche Frage hochkomisch vorkömmt, da wir keinen Rabbiner sondern nur einen Lehrer Speyer hier kennen und hoffen, daß dieser Lehrer Speyer sich für die fernere Zeit seines Hierseins nur um seine Schule kümmert und seinen Wirkungskreis nicht, wie geschehen, unberufener Weise überschreitet und dadurch Zank und Aergerniffe provocirt. — Mehrere Gemeindemitglieder. Druckfehler. In Nr. 5«» S. 073 Sp. 1 Z. 3. v. o. lies: „vorenth alten"; S. 077 Lp. 2Z. 1 v. o. fehlt hinter„Bergeltung" „nicht"; S. 078 Lp 2 Z. 16 v. u. lies: „wurden, je nach- Berlag von Baumgärtners's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redacteur vr. H. Lotze. Hierzu eine Beilage neLst Feuilleton-Beilage Nr. 51.