Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1870)
- Date
- 1870-12-20
- Page
- Seite 999 (sequence 7)
- Language
- German
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999 lich in der Großstadt, die Entfremdung zwischen ihr und ihren Anhängern gediehen ist. Bon 630,000 Protestanten besuchen in Berlin durchschnittlich per Sonntag t 1,300, also nicht ganz 2 pCt. die Kirche, und von diesen muß man vielleicht noch die 2225 Besucher des Doms, der nicht blos kirchlichen sondern vorherrschend ästhetischen Zwecken dient, in Abzug bringen, Mcht minder spiegelt sich die kirchliche Indifferenz in der Thatsache, daß unter 23,969 Beerdigungen nur bei 3777 (bei 15 pCt.) ein Geistlicher zugegen war. „Demnach ist die Herrschaft, welche die protestantische Hierarchie ansübt, keine glänzende oder beneideuswerthe. Die Maffe ist aus dem Verbände gelöst und in Atome zerfallen. Sie wird nur in Regsamkeit versetzt, wenn den wenigen kirchlich Gesinnten neue hierarchische Anschauungen oder alte pietistische Gesangbücher octroyirt werden sollen. Sie gewährt dann diesen eine namhafte Hilfe und erhöht ihre Widerstandsfähigkeit. — „Ganz anders ist die psychologische Zusammensetzung der kathol. Gesellschaft. Bon dieser wird gefordert, daß sie sich der eigenen religiösen Ueberzeugung begebe und das für unumstößliche Wahrheit halte, was von der Kirche für solche erklärt wird. Es besteht ein Gedankenkreis , der allen ihren Gliedern gemeinschaftlich ist. Wird dieser Gedankenkreis angeregt, so kommt die ganze Maffe in Bewegung, sei es zur Abwehr oder zum Angriff. Alle Theile sind einander Hilfskräfte und erhöhen dadurch das Bewußtsein der Stärke und Einheit der Maffe. Man wird deshalb annchmen können, daß die der katholischen Gesellschaft Zuwandernden leicht mit ihr verschmelzen; jenes Bewußtsein der Einheit wirkt auf Jeden und hat ja auch in unserer Stadt das seltene Schauspiel hervorgÄbracht, daß ein Angriff, der garnicht auf den Katholicismus direct, sondern auf eine katholische, nicht mehr zeitgemäße Einrichtung abgesehen war, beinahe die ganze kacholische Bevölkerung chis zur Leidenschaftlichkeit aufstachelte.*) „Die Gewöhnung des Katholiken an unbedingten Gehorsam auch im Gebiete des Denkens, welches unter das *) Der Bers. denkt hier an die bekannte Moabiterklostergeschichte, vergißt aber dabei, daß es auch bei den Katholiken einen großen Unterschied macht, ob sie in der Minorität innerhalb einer großen protestantischen Bevölkerung leben, wo sie dann in allen kirchlichen Dingen ganz besonders empfindlich sind. Sonst braucht man nur z. B. nach Prag und Krakau zu gehen, um die Institution der Klöster sehr heftig angegriffen zu sehen. Redact. Dogma gestellt wird, kann nicht verfehlen, die geistige Regsamkeit und Frische zu beeinträchtigen, den Sinn für freie Institutionen zu trüben und die unparteiische Beurtheilung neuer Ideen und liberaler Anschauungen zu erschweren. Daher bilden denn auch — so seltsam es erscheinen muß — die Katholiken eine eigne politische Partei, eine Thatsache, die nur durch die Voraussetzung erklärlich wird, daß in erster Linie sie nicht das Wohl des Staates und der Gesellschaft, sondern das eigne Jntereffe im Auge haben. Ein charakteristischer Beleg sür diese Auffassung liegt augenblicklich im östlichen Frankreich vor. Die militärische Macht des Staates ist in erschreckender Weise gebrochen, man lechzt nach militärischen Kräften zur Organisation von Armeen und Freischaaren; — da naht Garibaldi, ein Held, der in dieser Richtung mit einem gewissen Glanz umgeben ist; getrieben von einer Art Republik-Manie bietet er sogar einem Zerrbild dieser Staatsform seine Dienste an. Aber das hart bedrängte Land nimmt ihn äußerst lau aus, es erblickt in ihm nicht den treuen Freund in der Noth, sondern den Feind der römischen Hierarchie. — ,^Oas Vertrauen auf ftemde Unfehlbarkeit wirkt fühlbar auf die katholische Gesellschaft. Ist es schon ein Mangel au Bildung, einer von Außen befohlenen Ueberzeugung zu gehorchen, so kann auch der erwähnte Mangel au Regsamkeit das Bildungsbedürfniß nicht fühlbar werden lassen, nnd in der That, es tritt dies in auffallender Weise bei der katholischen Äugend zurück, sowohl bei den Söhnen wie bei den Töchtern. Von 100 kathol. Knaben besuchen 14 höhere Lehranstalten, - - evangel. - - 26 - - - - kathol. Mädchen - 10 - - - - evangel. - - 21 - - „Zu den anregendsten Betrachtungen gibt in psychologischer Hinsicht die jüdische Confession Veranlassung. Die statistischen Daten, daß in Berlin 630,000 (90 pCt.) Evangelische, 41,000 (6 pCt.) Katholiken und 27,500 (4 pCt.) Juden leben, sind blos quantitativer Art, hier interessirt uns mehr die Qualität der einzelnen Confessionsgruppen, ihre Leistungen in geistiger, humaner und socialer Beziehung. Statistisch ist diese Frage wenig faßbar, aber Jeder, der in Berlin lebt und wenn auch nur in geringem Maße beobachtet, wird bestätigen, daß die Juden trotz ihrer geringen Zahl überall geistig nnd materiell in ebenso auffallender wie respectabler Weise zur Geltung kommen und in sehr geschloffener Weise austreten. Ihre Derschmelzung zu einer Gesammtmasse