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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-12-20 · Heft 51 (20.12.1870) · p. Seite 998

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 51 (20.12.1870)
Date
1870-12-20
Page
Seite 998 (sequence 6)
Language
German
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988 überhaupt, so hat auch das religiöse, zumal das jüdischreligiöse, seine verschiedenen Seiten, die nicht gleichzeitig sich entwickeln, und daher bald in der einen, bald in der andern Weise sich ein Uebergewicht geltend macht, wodrrch allerdings eine Einseitigkeit entsteht, aber nur eine vorübergehende, denn daS niemals erlöschende Leben einer gesunden und ewigen Wahrheit macht schon, wenn es Zeit ist, sein Recht wieder geltend, auf eine neue Bahn hinlenkend, jeder wenn auch noch so starken, verderblichen Richtung eine Schranke setzend. „Rabbi Joseph Karo war auf dem Gebiete der Rituallehre ein selbstständiger Forscher, und nahm diese Selbstständigkeit in ihrer höchsten Potenz für sich in Anspruch, indem er ohne jeden Scrupel bei vorhandenen Meinungsverschiedenheiten zwischen den größten Autoritäten, als z. B. Alphasi*), Ascheri **) Rambam u. A. sich zur Entscheidung für berechtigt hielt. Er konnte demnach kaum daran denken, die selbstständige Forschung verpönen, hemmen und eine gedankenlose Befolgung herbeiführen zu wollen. Ein solcher innerer Widerspruch ist kaum als denkbar anzunehmeu. Dazu war er auch zu gewiffenhast, zu gottesfürchtig und religiös. Aber eben so wenig denkbar ist es, daß ihm die Folgen sollten entgangen sein, dazu war er zu scharfsinnig und einsichtsvoll. Die Sache klärt sich dadurch auf, daß man die Entstehung des Schulchau Aruch nicht, wie das bei den meisten jüdischen Geschichtsschreibern geschieht, als den Anfang einer neuen Zeitrichtung betrachtet, sondern alS den Anfang des Abschlusses einer alten Zeitrichtuug." *) Isaak ben Jacob Alphasi, in der Nahe von Fez (1013) geboren, Rif genannt, hat durch sein dreibändiges Werk eine große Berühmtheit erlangt. Er und Ascheri hatten der Entstehung des Schulchau Aruch vorgearbeitet, indem sie die Halacha von der Hagada sonderten, und bei widersprechenden Entscheidungen im Talmud nur unter den Gaonim selbstständig entschieden. **) Ascher ben Jechiel, ein Enkel des aus Rottenburg, flüchtete im Anfänge des 14. Jahrhunderts nach Spanien. Er soll 8 Söhne gehabt haben, die alle große Gelehrte waren; o'brw n-'rort v*n oVm (Kore Hadoroth). (Schluß in nächster Nummer.) Die Eonfessioneu in Berlin. Bor Kurzem ist eine kleine statistische Schrift, welche neben ihren Zahlenangaben viele treffliche Bemerkungen und Apercus enthält, unter dem Titel: „Betrachtungen über die Volksseele von Berlin. Bon vr. H. Schwabe. Berlin. Guttentag 1870." erschienen. Wir heben auS derselben den vierten Absatz „die Confessionen" überschrieben, hervor. „Das wunderbarste Kunststück der Berliner Gesellschaft und der unanfechtbarste Beweis ihrer geistigen Kraft und Macht besteht wohl in der raschen Assimilation oder Apperception der fortwährend ihr zuströmeuden fremden Elemente. 80- bis 90,000 Menschen auS den verschiedensten Staatsgebieten, der Masse nach einer Stadt wie Magdeburg oder Danzig gleichend, strömen jährlich zu —, der Rieseuleib der Hauptstadt verspeist und verdaut sie und verwandelt sie in auffallend kurzer Zeit in rasch und kräftig pulsirendes Berliner Blut. „Bon den allgemeinen ApperceptiouSmassen find die wichtigsten die politischen, socialen, wiffeuschastlicheu resp. künstlerischen und religiöse». Wir wollen wenigstens über die letzter« einige interessante Thatsachen berichten, welche die Berliner Gesellschaft in eigenthümlicher Weise charakterisiren. „Die Protestant. Kirche ist ihrem Wesen »ach auf volle Geltung der subjectiveu Ueberzeugung gegründet, sie kennt weder die Pflicht des Glaubens*) noch den Unterschied von Geistlichen und Laien, ihr Priesterthum ist ein allgemeines. Nichts destoweuiger hat die Hierarchie, von der Staatsgewalt zu Zeiten mächtig unterstützt, ja von ihr angetriebeu, diese Freiheit vielfach zerstört und verkehrt. Die protestantische Kirche hat deshalb an ihrer ursprünglichen Kraft eingebüßt, sie ist lau geworoen und hat abstoßend auf viele Anhänger gewirkt. Dies ist tief zu beklagen, ganz besonders in einer Zeit wie die unsrige, welche vielfach zersetzend wirkt, die Menschen zu sehr atomisirt und deshalb gerade besonders hohe Ansprüche macht au jenes alte Band, die Religion, — von religere —, welches den irdischen Menschen mit dem Urquell seiner göttlichen Natur verbinden, welches bewirken soll, daß der Funke in uns das große Licht berühre, von dem er ausgegangen ist. „Die alten Formen der Kirche sind zerbrochen — eS fehlt ihr der Geist und die Kraft neue au deren Stelle zu setzen. Zu keiner Zeit hat sie dem Menschen weniger geboten, ihn weniger befriedigt als jetzt, und bereits läßt sich statistisch Nachweisen, bis zu welchem Grade uameut- *) DaS wird die protestantische Kirche als solche nicht zugeben, da sie den Glauben als die Bedingung alles Heils und der Seligkeit aufstellt. Redact. d. A. Z. d. I.

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