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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-12-20 · Heft 51 (20.12.1870) · p. Seite 1000

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 51 (20.12.1870)
Date
1870-12-20
Page
Seite 1000 (sequence 8)
Language
German
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1000 wird durch mancherlei Umstande begünstigt. Erstens wird ihre Religionslehre nicht von dem Zwiespalt des Polytheismus getroffen, wie die Christen im Allgemeinen und die Katholiken ins Besondere. Sie werden also nicht wie die Katholiken des Glaubenszwanges zur Einheit bedürfen, noch wie die Protestanten in der Freiheit zerfallen. Zweitens werden die Juden vom Staate zurückgesetzt, sie haben weniger Rechte als andere Staatsbürger und erhalten durch diese Zurücksetzung einen, allen Individuen gemeinsamen Gedanken. Drittens wird die religiöse Einheit durch die gleichzeitig ethnologische inniger gemacht, zumal die Religion der Hauptsache nach Volksreligion ist. „Der staatliche Druck, an welchem die Juden zu leiden hatten und noch leiden, treibt sie zum Kampf und zur Opposition. Dazu bedürfen sie der Hülfe. Deshalb suchen sie sich mit der übrigen Bevölkerung der Stadt zu verschmelzen. Die Opposition gegen politische und sociale Beschränkung erzeugt liberale Gesinnung und diese führt mit liberaler Gesinnung zusammen. Folglich verschmilzt das Judenthum mit dem politischen und socialen Liberalismus. Zu dieser an sich ganz absichtslosen Verschmelzung gesellen sich nun 'absichtlich diejenigen hinzu, welche durch Bildung und Wohlstand gefördert werden. Man sieht sie unablässig bemüht, sowohl ihrer männlichen als weiblichen Bevölkerung eine höhere Bildung zu geben, als es die Katholiken und Protestanten thun oder zu thun vermögen, um sie dadurch in möglichst hohem Grade zu reger und intensiver Theilnahme an der allgemeinen Culturarbeit zu befähigen. Ihre Töchter finden in Folge ihrer Bildung und ihres Reichthums, vielleicht auch ihrer Schönheit wegen, Eingang in die höchsten Gesellschaftsclaffen. Alle diese Umstände müssen die jüdische Bevölkerung in diejenigen Dolkselemente einreihen, in denen in vieler Beziehung das Ich der Stadt ruht, und es lassen sich dieselben durch nachstehende Zahlen statistisch in sehr charakteristischer Weise illustriren. „Die Bedeutung, welche die Juden dem Unterricht, überhaupt dem Wissen, der Kunst und Gelehrsamkeit beilegen, spiegelt sich in folgenden Ermittelungen ab; es genießen von 100 jüdischen Knaben 56 höhern Unterricht, - - - Mädchen 66 - - während im Durchschnitt der übrigen Confessionen blos 20 pCt. Knaben und 16 pCt. Mädchen höhern Unterricht genießen. Auch der Unterricht im Hause wird am ^ärksten von den Juden cultivirt. Wir haben in Berlin 358 Familien, welche sich Erziehungspersonal im Hause hallen: davon kommen 243 auf die Evangelischen, 12 auf die Katholischen, 100 auf die Juden; würde man die Bertheilung nach der numerischen Stärke der Confessionen vornehmen, so würden blos 14 auf die Juden kommen. „Man behauptet häufig dies hänge mit dem Reichthum der Juden zusammen. Dies ist auch bis zu einem bestimmten Grade wahr; aber das eigentlich treibende Motiv liegt tiefer, denn diese Eigenschaft läßt sich auf die Zeit der babylonischen Gefangenschaft zurückdatiren, wenigstens sind die ältesten jüdischen Urkunden und Bolkssprüche davon durchdrungen. „Bor Allem lerne, heißt es im Talmud, denn gar bald wirst Du das Studium, aus welcher Rücksicht immer begonnen, um seiner selbst willen lieben." „Jerusalem ward zerstört, sagt ein altes Sprüchwort, weil der Unterricht der Jugend vernachlässigt wurde, denn die Welt wird durch den Athem der Schulkinder erhalten." „Verehre Deinen Lehrer mehr als Deinen Vater — sagt der Talmud — der letztere hat Dich in diese Welt gebracht, der erstere zeigt Dir den Weg in eine höhere." Sodann sind die Juden ein thätiges und rühriges Volk; von jeher sind Müßiggang und Askese ihnen verhaßt gewesen. Frömmigkeit und Gelehrsamkeit selbst erhalten die gebührende Achtung nach dem Talmud nur dann, wenn sie mit rüstiger körperlicher Arbeit verbunden sind. „Es ist gut Deinen Studien ein Gewerbe zuzugesellen; so bleibst Du von Sünden rein." „Der Arbeiter an seinem Werke braucht vor dem größten Gelehrten nicht aufzustehen." „Größer ist der, welcher seinen Unterhalt durch Arbeit verdient, als der, welcher Gott fürchtet." Von diesen Anschauungen finden wir die heutigen Juden noch ebenso durchdrungen. Die Wahrheit, ausgesprochen und anerkannt im Gesetz oder von der Weisheit des Volkes, führt bei ihnen kein ideales Dasein, sondern sie ist da, daß man sie befolge und darnach lebe. Dies beweist die hohe Stufe, welche überall die jüdische Bevölkerung in Berlin auf der socialen Leiter einnimmt. „Es werden in Berlin 15 pCt. uneheliche Kinder geboren, bei den Juden blos 2 pCt. Die todtgebornen betragen 4 pCt. aller Geburten, bei den Juden blos 1 pCt. Diese Zahlen gerade erzählen alle die sorgsame Pflege, die ängstliche Schonung der Frau, deren sie bei den Juden in der Zeit genießt, wo sie „nicht mehr allein ist." „Werfen wir einen Blick aus die Trauungen, so finden wir, daß die Juden beinahe alle im naturgemäßen

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