Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1870)
- Date
- 1870-12-20
- Page
- Seite 994 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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994 litik, zwar keine deutsche, französische und italienische, aber eine jüdische, die Politik der ganzen Menschheit, die Politik der Humanität, der allseitigeu Anerkennung, der Vereinigung, der Versöhnung, der wahrhaften Civilisatiou. Wir werden, weil wir Deutsche sind oder Franzosen, den Interessen, d. i. der Politik der deutschen oder der französischen Nation mit ganzem Herzen und allen Kräften anhangeu; aber weil wir Juden in derartige nach den verschiedensten Seiten hin nationale Bruchstücke zerfallen, und nun der Kampf der Völker die jüdischen Bruchstücke gegen einander schleudert, die Juden in allen feindlichen Heereslagern sich befinden, auf einander losstürmen, um einander zu vernichten: giebt es gerade für den Juden eine noch höhere Politik, die ihn sammt den Völkern diesen Kämpfen zu entziehen vermöchte, die Politik der Humanität und Religion, und dies ist die Politik, die in einer Allgemeinen Zeitung des Judenthums nicht fehlen darf, und um so weniger, weil es die Politik ist, welche unsre allen Propheten zuerst anschlugen und mit so großer Begeisterung und so erhabenen Erfolgen trieben, die Politik, die zum allgemeinen Frieden, zu Recht und Wahrheit führen soll. Nicht die einzelnen Ereignisse und Begebenheiten, nicht die örtlichen und zeitlichen Fragen sind es, welcke uns in diesen Blättern beschäftigen dürfen — wohl aber die großen beherrschenden Erscheinungen, die gewaltigen Fragen der Jahrhunderte, der Jahrtausende. Wir werden niemals eine czechisch- oder schleswig-nationale Frage erörtern; wohl aber werden wir die große Nationalitätssrage in ihrer allgemeinen Bedeutung und Geltung und zwar vom jüdischreligiösen Standpunete zu untersuchen haben. Wir glauben, dies ist eine theure Pflicht für uns; gerade der israelitischen Religion auf ihrer mosaischen Grundlage gehören solche Fragen an, und entzögen wir uns ihnen, würden wir dem Judenthume sehr integrirende und hervorrage Momente in Dunkel setzen. Man wird sich auch allzeit überzeugen können, daß selbst das ganze materielle Geschick der Juden — und mit diesem haben wir uns ja auch zu beschäftigen, gar sehr mit allen diesen politischen Fragen in Zusammenhang steht. Judenthum und Juden sind nun einmal mit allen Interessen der Menschheit und der Völker, der Zeiten und der Orte so eng verwachsen, daß sie garnicht davon zu lösen sind. Als zum Beispiel Napoleon III. den Casarismus auch ideell zu begründen suchte — in seinem bekannten Vorwort zu seinem Cäsar — griff er zu unserem Messias zurück, und wir waren genöthigt, ihm, so weit es an uns war, den Unterschied zwischen unserem Messias und einem Julius Cäsar, Karl dem Großen und Napoleon I. klar zu machen. Es liegt in alledem auch kein Widerspruch. Immer und immer wieder weisen wir darauf hin, daß Gott, der Schöpfer, des Menschen Herz und Geist sehr groß angelegt, und daß er einen Jeden von uns ebenso zum Staatsbürger und Ortsangehörigen, wie zum Familieuglied, zum Individuum und zum Genossen der großen menschlichen Gesammtheit geschaffen hat. In allen diesen Eigenschaften hat der Mensch große und schwere Pflichten zu erfüllen und vermag ihnen nach Kräften zu genügen. Und so wird uns Herr N. N. gestatten, zu glauben, daß der Jude zwar als Deutscher oder Engländer die deutsche oder englische Politik mitzutreiben, aber als Jude noch eine höhere, die jüdisch-religiöse und humane ins Auge und Herz zu fassen hat. Meint er vielleicht nicht, daß z. B. draußen in dem eisernen Gürtel um Paris zahllose deutsche tapfere Herzen schlagen, welche jeden Augenblick ihr Leben für den deutschen Sieg hinzugeben bereit sind, die aber dennoch schmerzlich den Jammer empfinden, daß zwei große, in ihren wahren Interessen durchaus nicht feindliche, sich vielmehr gegenseitig ergänzende Culturvölker in einen so furchtbaren Kampf gerathen sind, und daß noch in unserer Zeit Schwert und Geschoß berufen sind, die Streitfragen der Nationen durch Tod, Elend und Verderben der mannigfachsten Art auszufechten? Beides hat in demselben Herzen Platz; und wenn die allgemeine Presse berufen ist, die eine Seite von Tag zu Tag zu besprechen, hat die jüdische Presse wohl den Beruf, jene andere, höhere, religiöse Seite von Zeit zu Zeit zu behandeln. — Hierzu kommt aber noch ein Zweites. Unter den ungeheuren Erschütterungen der Zeit, unter den Stürmen, die über die Welttheile rasen und auf ihren Fittigen Wolken nicht voll Wassers, sondern voll — Blutes tragen und auf unsre Häupter niederschütten — da leiden alle Einzelnen, alle Familien, deren Häupter und Glieder. Jedes Herz ist bang, jeder Kopf ist schwer, jedes Auge trübe. Und da sollte die Religion nicht berufen sein, ihr Wort der Tröstung, der Aufklärung und Beruhigung zu sprechen? Und wenn dies, soll sie es mit bloßen Phrasen, mit allbekannten und immer wiederholten Redensarten es thun, oder nicht vielmehr den wirklichen Dingen nahe treten und sie mit ihrem Lichte, das von Oben kommt, beleuchten? Das ist eine zweite theure Pflicht, und wir werden sie nach Maßgabe unserer schwachen Kräfte stets zu erfüllen suchen, weil wir uns