Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1870)
- Date
- 1870-12-13
- Page
- Seite 991 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226744-3226795--29006-3302882- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
991 welche lange Zeit unter der Asche zu glimmen vermag, bis sie durch einen Windstoß aufschlägt und in die Höhe lodert. Sie erklärte, daß sie sich auf die Billigkeit und Menschlichkeit ihrer Landsleute verlasse; sie glaubte, die Wirkung der Reden jenes Priesters würde sich bald wieder verlieren, denn von Worten bis zur That sei es noch weit. In den nächsten Tagen jedoch sollte sie sich überzeugen, daß es dies Mal mit einer bloßen Mißstimmung nicht abgehen möchte. Sie begegnete überall finsteren Gesichtern, vernahm im Vorübergehen drohende Worte, und zuletzt erklärten ihr Händler und Handwerksleute, daß sie nichts mehr mit ihr zu thun haben wollten. Sie fühlte schon die Gefahr des Mangels an den nöthigsten Lebensmitteln. Sie war trostlos, von Angst bis zur Erschlaffung aller Willenskraft erdrückt, so daß sie sich zu einem Entschlüsse nicht aufzuraffen vermochte, dessen Nothwendigkeit sie sich noch immer nicht eingestehen wollte, weil diese zu grausam für sie war. Da kamen spat eines Abends, es war ein dunkler, stürmischer Abend, zu einer Hiuterthür unseres Hauses zwei vermummte Gestalten herein, die sich als die befteundeten Bürger kundgaben, deren Warnung sie bis jetzt unbeachtet gelassen. Sie zeigten ihr an, daß mit dem Aufgang der Sonne vom Lande her und aus der Stadt sich Gesindel versammeln werde, welches ihr Haus und die Wohnungen der beiden anderen Judenfamilien stürmen und verwüsten würde; sie sagten ihr geradezu, daß ihr und ihres Kindes Leben in der höchsten Gefahr schwebe; sie müsse noch in der nächsten Stunde fort, weil man nicht wissen könne, ob sich nicht bald Leute um das Haus aufstellen würden, um ihre Flucht zu verhindern. Es war kein anderer Ausweg übrig. Wir mußten fort, mußten unsre Heimath verlassen, unser Haus, unsre Habe den fanatischen Feinden preisgeben. Als meine Mutter vernommen, daß ihr Kind in Gefahr sei, schwieg jedes Bedenken in ihr, und ihre ganze Ältschlofsenheit und Festigkeit kehrten zurück. Sofort raffte sie alles Werthvolle, was sie besaß und sich fortfchassen ließ, in ein Bündel zusammen, füllte eine Tasche mit nöthigen Lebensmitteln, warf sich und mir schützende Kleidung um, ließ vorsichtig das Licht in der Wohnstube brennen, damit man ihre Anwesenheit voraussetze, und schlüpfte mit mir durch die Hinterpforte und den Garten, durch eine Seitengasse und ein kleines Thor ins Freie hinaus. Ich war damals ungefähr zehn Jahre alt, und geübt, die Anstrengungen eines Marsches zu ertragen. Es war eine schlimme Nacht; der Himmel fast ganz mit Wolken überzogen, mit schwer niederhängenden Regenwolken, die der Wind nur langsam vor sich herschob; dann und wann blinkte durch die Oeffnung des Gewölbes ein funkelnder Stern hindurch, der aber die herrschende Finsterniß nur fühlbarer machte; dann und wann fiel der Regen nieder und durchnäßte die nächtlichen Wanderer, bis ein neuer heftiger Windstoß die Wolke vertrieb, die ihren feuchten Inhalt auf uns niederströmte. Meine Mutter sprach kein Wort, und ich that desgleichen; sie hielt mich an der Hand gefaßt und drückte diese von Zeit zu Zeit, worauf ich die ihrige an meine Lippen führte. Wir hatten einen Weg in das Gebirge eingefchlagen, den meine Mutter genau kannte, der aber bald aus-, bald abwärts führte, und uns nur langsam vorwärts zu kommen gestattete, denn jeder Schritt wollte vorsichtig gethan sein. Nein, diese Nacht werde ich niemals vergeffen. Wir hatten Alles hinter uns gelassen, was uns so lieb und theuer war; wir wußten kaum, wo wir eine Zufluchtsstätte suchen sollten; wir mußten gewärtig sein, daß man uns verfolgen werde, wenn man unsre Entfernung gewahrt, und wir hatten kein Mittel uns zu vertheidigen, uns zu schützen. Dennoch war auch diese Nacht nicht ohne Reiz; wir waren doch gerettet, hatten auch gute Menschen kennen gelernt, die nicht ohne eigene Gefahr uns rechtzeitig gewarnt; und vor Allem, meine Mutter hatte mich, ich hatte meine Mutter; wenn sie mich ermüdet glaubte, wenn sie meinte, meine Schritte wurden langsamer, drückte sie mich an ihr Herz, gab sie mir einen Schmeichelnamen, und dann war ich so frisch und kräftig wie zuvor. Oh, in der Gefahr wird die Liebe erst recht Licht und Gluth, erhellt die Nacht und verscheucht die Schauer des Frostes, und dies bringt sie zum Bewußtsein, und darin liegt das Glück mitten im Mißgeschick! Doch ich will mich nicht weiter in die Schilderung unserer Flucht verlieren. Als die Sonne aufging, wurde der Morgen schön; der Himmel klärte sich auf, der Wind schwieg. Wir aber verbargen uns in einer Höhle, um den vermeintlichen Verfolgern zu entgehen. Erst gegen Abend verließen wir diese und hatten das Glück, einem Fuhrwerk zu begegnen, das meine Mutter miethete, um uns nach Fuliano zu fahren. Von da legten wir wieder eine Strecke Weges zu Fuß zurück, um in einem abgelegenen Dorfe wieder einen Wagen zu nehmen, der uns nach Todi brachte. Hier wohnte ein Vetter meiner Mutter und bei ihm wollten wir vorläufig uns aufhalten. Meiner Mutter war alles daran gelegen, stde Spur ihrer Flucht hinter sich verschwinden zu lapen, damit der abscheuliche Paolo nicht erfahre, wo er uns anzutreffen und noch ferner zu verfolgen vermöge, denn sie glaubte, daß sein Rachedurst mit ihrem jetzigen Unglück noch lange nicht genug haben und nicht aufhören werde, sie zu verfolgen, bis er sie völlig ins Verderben gestürzt. Sie hielt sich und mich daher in strenger Verborgenheit, und gab selbst den Erwerb durch ihre Kunst auf, um nicht durch ihren Ruf jenem Priester den Faden zu verschaffen, der ihn nach unserem Asyl geleiten konnte. Wir mußten daher zunächst von dem leben, was meine Mutter gerettet hatte. Wir bezogen eine kleine Wohnung und schränkten uns möglichst ein. Doch die Lust an der Thätigkeit und die Sorge um die Zukunft ließen meine Mutter bald wieder zu mehrfacher Beschäftigung, besonders in Hand-