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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-12-13 · Heft 50 (13.12.1870) · p. Seite 990

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 50 (13.12.1870)
Date
1870-12-13
Page
Seite 990 (sequence 18)
Language
German
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990 nach langem Gebet die Zuhörer Paolo's aus den dunklen Hallen des Münsters in das lächelnde Sonnenlicht wieder hinaustraten, verlor sich Viel von den Schatten, die so dicht in ihre Seelen geworfen waren. Aber es blieb doch genug davon zurück, um sich still nach Hause zu begeben und dort in Brüten und Schweigen zu versinken. Die Menge drängte sich um so mehr zur nächsten Predigt, die immer wieder nach sehr kurzem Zwischenraum gehalten wurde. Mit gesenkten Häuptern erwarteten sie, was folgen werde. Diese beschränkten Geister waren vorbereitet, das Gift zu empfangen, das der schlaue Priester in sie träufeln wollte. Er warf die Frage auf, auf welche Weise ihnen zu helfen, ihre Schuld zu büßen und zu sühnen wäre. Man müsie aus eine der ersten Ursachen ihrer Berderbniß zurückgehen, und vor Allem diese beseitigen und ausrotten, ehe man sich eines Lächelns der schmerzensreichen Gottesmutter, einer Fürbitte der Heiligen wieder gewärtigen dürfe. Und diese erste Ursache sei die Genosienschast, welche sie mit Ketzern, mit den von Gott verstuchten Juden gehegt hätten; man dulde sie, diese Erzfeinde Gottes und der Kirche, diese Diener des Satans in der Stadt, gehe mit ihnen um, nähre sie von dem Erwerbe der eigenen Hände, von dem Segen, den Gott auf das Flehen der Kirche über ihre Fluren ergieße. Und nun entlud sich von den Lippen des Jesuitenzöglings aller Grimm, aller Geifer, der sich in seiner verderbten Seele gesammelt hatte, über die Häupter der drei schuldlosen Judenfamilien, die in Tibur ihren Wohnsitz hatten. Alles an ihnen wäre Heuchelei, Alles au ihnen Verlockung, jedes mit ihnen gewechselte Wort eine Sünde, jede mit ihnen ausgetauschte Gefälligkeit ein Verbrechen ärgster Art, ein Hülfsmittel des Teufels, ein Verlust der eigenen Seligkeit. Ja, er klagte sich selbst an; in der Begier, diese Gott geweihte Stätte auszuschmücken, habe er nicht untersucht, von welcher Hand er diesen Schmuck fertigen laffe. Nun, der Zweck, dem sie dienten, der Ort, an welchem sie sich befinden, habe diese Zierrathen geheiligt. Aber er selbst bereue, was er gethan, geißle und kasteie sich dafür, und die heilige Jungfrau habe ihn losgesprochen. Und nun folgte die heftigste Aufforderung, an den Juden alles Böse zu rächen, was sie der Stadt, der Kirche, dem Heiland gethan, das Teufelswerk an ihnen zu strafen, das sie an den gutmüthigen Seelen ihrer Bewohner verübt. Man rotte sie aus, man zerstöre ihre Häuser, man vernichte ihre Habe, man schone nicht Greis und Kind, nicht Mann und Weib. . . Ach, Freund, die Beredtsamkeit, die heiße, glühende Rede ist nur in Italien zu Hause, aber auch dort nur vermag sie die Seelen zu ergreifen und hinzureißen; diese Beredtsamkeit aber dient noch öfter der entflammten Phantasie, als den wahren Gefühlen des Herzens. Leicht ward es indeß dem fanatischen Priester nicht. Ich bemerkte schon früher, die Tiburtiner waren ein einfaches, gemüthliches, duldsames Völkchen. Sie konnten doch nicht leicht begreifen, was diese Juden, die seit Jahrhunderten bei ihnen wohnten, immer freundlich und dienstgefällig waren und sich niemals vergangen hatten, so plötzlich verschuldet hätten, um diese schrecklichen Strafen zu verdienen. Doch Paolo ließ nicht nach; immer von Neuem wetterte er von der Kanzel gegen die Juden; immer von Neuem kündete er das endlose Unheil an, das bereit wäre über Tibur hereinzubrechen, und aber- und abermals forderte er zu Mord und Raub auf. Nach und nach zündete die Flamme; bald war der Haufen, insbesondere vom Lande, überzeugt, daß die Ursache aller Uebel in den Juden läge; vor der Kirche bildeten sich Gruppen, die sich gegenseitig erhitzten, Drohungen ausstießen und sich gegen die Juden verschworen. Paolo erfuhr dies bald durch seine Kundschafter, und nun schürte er die Flamme, und verlangte, daß sie zum Ausbruch käme. Einige wilde Gesellen thaten sich zusammen, um an einem der nächsten Tage mit Aexten und Sicheln, mit Messern und Todtschlägern sich zu schaaren, den Pöbel mit sich fortzureißen und das Werk der Sühne zu beginnen und auszuführen. Die armen Bedrohten hatten keine Abwehr, und Niemand würde die Hand zu ihrem Schutze erheben. Welche Greuel drohten ihnen! Indeß gab es doch auch einige wohlwollende, menschenfreundliche Männer in der Stadt. Ich will nicht behaupten, daß sie Einsicht genug besaßen, um die Anklagen Pavlo's als falsch und ersonnen zu erkennen. Dazu waren sie Alle zu unwiffend und in der blinden Gläubigkeit an ihre Priester erzogen. Aber sie hielten dafür, daß es genug sei, wenn die Juden entfernt würden aus ihrer Stadt, und so die Wurzel des Uebels aus dem Boden geriffen sei. Sie kannten doch am Ende meine Mutter und die übrigen Juden, und hatten diese mit mehr oder weniger Wohlwollen anzusehen sich gewöhnt. Einige, die Begütertsten, mochten auch wohl fürchten, daß der einmal losgelafsene Pöbel sich nicht auf die Juden beschränken mochte, sondern einmal zusammengerottet und sich stark fühlend, könnte er seine Zerstörungswuth und Plünderungssucht auch auf Andere ausdehnen, die ihm nicht gefielen und bei denen er Etwas zu finden hoffte. Diese schlichen sich des Nachts zu meiner Mutter wie zu den anderen Juden, machten sie mit den gehässigen Reden des Priesters, mit der Stimmung des Volkes bekannt und forderten sie auf, so schnell wie möglich die Stadt heimlich zu verlassen und so dem ärgsten Schicksal zu entgehen. Meine Mutier wollte dieser Mahnung kein Gehör schenken. Sie verließ sich darauf, daß seit so vielen Geschlechtern der Friede zwischen ihrer Familie und den Bürgern der Stadt niemals gestört worden, daß ihr Vater und sie so vielen Hülfsbedürftigen Beistand geleistet und keine Veranlaffung oder Ursache vorliege, um sie plötzlich so unsäglich hart zu behandeln. Ach, diese reine Seele konnte es nicht begreifen, daß Wohlthaten in gemeinen Seelen nur Unwille, ja Haß nähren, und daß der Fanattsmus in den rohen Gemüthern eine Flamme ist,

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