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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-12-13 · Heft 50 (13.12.1870) · p. Seite 992

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 50 (13.12.1870)
Date
1870-12-13
Page
Seite 992 (sequence 20)
Language
German
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992 arbeiten greifen, um wenigstens einigen Zuschuß zu den Resten unserer Habe zu erwerben Und so schmal diese Verdienste waren, so verwandte meine Mutter doch einen Theil derselben, um mich unterrichten zu lasten, wozu in Todi sich eine glückliche Gelegenheit bot. Wir fanden hier einen ältlichen Mann unseres Glaubens, den das Geschick hierher verschlagen hatte — ich weiß nicht wie, denn er bewahrte über seine Vergangenheit ein völliges Stillschweigen — und der für einen wahren Gelehrten gelten konnte. Er unterrichtete mich für einen geringfügigen Lohn in unserer heiligen Sprache, in meiner schönen Muttersprache und in allerhand Wiffenswerthem, worauf ich, da mir eine glückliche Faffungsgabe zur Seite stand, wohl eine tüchtige Gelehrsamkeit hatte gründen können, wenn mir das Geschick weitere Gelegenheit geboten hatte. Ich habe mich immer gern unterrichtet, und, sehen Sie, das Handwerk, das ich jetzt treibe, und kümmerlich genug, habe ich gar nicht erlernt, sondern eS nur gelegentlich meinen Kameraden im Heere abgesehen, und dann trieb mich die Noch oft genug dazu, wenn mir auf weiten Marschen die Fußbekleidung in Stücken gegangen. So lebten wir in Todi zwei Jahre, kümmerlich, wenn auch nicht gerade von Noch und Mangel heimgesucht. Wir konnten unser Tibur, unser schönes Häuschen, unsere liebe Umgebung nicht vergessen; meine Mutter war stets traurig, und oft, wenn ich des Nachts erwachte, hörte ich sie schwer seufzen und auf chrem Lager sich unruhig umherwerfen. Dennoch waren wir zufrieden, ein verborgenes Plätzchen gefunden zu haben, daS uns genügende Sicherheit bot. 5. Eines TageS trafen wir in Todi auf einen jener Glaubensgenossen, welche früher in Tibur gewohnt und zu gleicher Zeit daraus entflohen waren. Zu unserem Erstaunen vernahmen wir, daß er bereits seit einiger Zeit wieder dahin zurückgekehrt sei, und sehnsüchtig lauschte meine Mutter seiner Erzählung von dem, was sich dort zugetragen und wovon wir ohne Kenntniß geblieben waren. Kaum war der Morgen dieser Schreckensnacht angebrochen, in welcher wir durch das Hinterpförtchen unseres Gartens entwichen waren, so sammelte sich ein wüthender Haufe vor unserem Hause, stürmte dasselbe, und gerieth ganz außer sich, als er die schuldlosen Opfer seinen gewaltthätigen Händen entgangen sah. Es wurde Alles geplündert, was sich in ihm vorfand, und was nicht fortgeschleppt werden konnte, wurde zerschlagen und verbrannt, die Thüren und Fenster zertrümmert und selbst das Dach fast abgedeckt. Ganz gleich erging es den Wohnungen der anderen Glaubensgenoffen. Man wird vorauSsetzen, daß ein solcher Vorgang in Rom nicht unbekannt bleiben konnte. Aber die päpstliche Regierung nahm die Sache durchaus nicht übel auf. Weder die Uebelthäter noch der Urheber wurden zur Rechenschaft gezogen. An und für sich jxaf das Unglück ja nur Juden, die in den Augen dieser Priester noch ein viel grausameres Schicksal verdienten. Und dann, die Zeiten waren sehr schwierig; die ftanzösifche Revolutton dehnte bereits ihren Einfluß auch auf unsere Halbinsel, auch auf den Kirchenstaat aus, und da mochte es den Herren in Rom ganz recht sein, wenn sich ein Priester wieder einmal als Gebieter und Führer deS Volkes zeigte, und das Volk auf dessen Stimme hörte. Wenn eine Herrschaft fühlt, daß sie im Wanken begriffen sei, so ist ihr jedes Zeichen, daß sie noch bestehe, willkommen, und sie ist um so grausamer, je schwächer sie sich bereits weiß. Was nun noch fehlte, um Paolo nicht allein straflos, sondern noch beloben zu lassen, das thateu die Jesuifen hinzu, deren Zögling Paobo war. Denn obschon dieser Orden officiell schon seit zwanzig Jahren aufgehoben war, so existirten seine Glider doch weiter, erhielten eine lebhafte Verbindung unter sich, warben neue Anhänger, und übten den größten Einfluß aus. Deshalb, als sie zwanzig Jahre später wieder restaurirt wurden, standen sie plötzlich wieder gewaffnet und gerüstet da. (Fortsetzung folgt.) 3fcnfrnt (Fortsetzung.) Neben dem Großen niumtt sich stets das Kleine noch kleiner. Dir nur, dem Kleinen, erscheint alles Große so klein. Wie der Eine für Licht, so wüthet der Andre mn'S Dunkel: Beide blendet die Wuth, daß sie nicht sehen den Tag. Heiliger Grimm! Du schreist, wie heiser der Rabe sich krächzet — Still! Du lächelst vergnügt, wenn Du im Hause Dich _ birgst. Warum legst Du die Maske des Haffes Dir stets vor das Antlitz - Zieht man vom Antlitz sie Dir, zeigt eS nicht minderen Haß. Weil er im Herzen Dir lebt, der giftige Neid und der Ingrimm, Kommt Dir vom Herzen daS Gift, speist mit dem Mund Du es aus. (Fortsetzuug folgt.) Verlag von Bamngärtuer's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Sw. H. Lotze.

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