Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1870)
- Date
- 1870-12-13
- Page
- Seite 989 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung -es Zudenthums. Feuilleton-Leilage )\i Nr. 50. Leipzig, den 13. Decernber 187V. Der taube Soldat. Eine Lebens- und Leidensgeschichte. , Fortsetzung.) 4. Paolo hatte sich einen großen Ruf als Prediger erworben. Seine im gewöhnlichen Leben heisere Stimme glich in den Gewölben des Münsters dem Donner und Blitze zugleich, so scharf drang sie in die Ohren der Zuhörer, und doch wieder so kräftig, so überwältigend. Wenn die lange hagere Gestalt auf die Kanzel stieg, gebengt, schwächlich, und nun mit einem Male sie sich aufrichtete und die markige Stimme durch die weiten Hallen dröhnen ließ, so kam es Einem vor, als ob diese schneidenden und schmetternden Töne zugleich nicht von diesem Menschen, sondern anderswoher, von Oben kämen, und die ganze Seele deS Zuhörers lauschte ihnen. Dabei hatte sich der Priester dm Ruf besonderer Heiligkeit erworben. Er zeigte sich selten außer in der Kirche und am Krankenbette dem Publicum, seiu düsteres Aussehen, seine Zurückhaltung, ja sein abstoßendes Wesen ließen ihn als einen nach innen gekehrten, dem Irdischen abgewaudteu Geist bettachten, besonders die blöde Menge, welche geneigt ist, Alles, was ihr und ihrem Treiben abgewandt ist, als etwas Höheres, Göttliches zu verehren. Man kann sich denken, daß es nicht die freundlichen, liebevollen, tröstenden Seiten der Religion waren, die er in seinen Predigten zur Sprache brachte, sondern die mahnenden, schreckenden, strafenden. Und dies verwandte er nun bald im Dienste seiner Ränke gegen meine Mutter. Die Fasten hatten begonnen und Paolo eine Reihe von Fastenpredigten angezeigt, zu denen die gläubige Menge strömte, und zwar nicht blos aus der Stadt, sondern aus der ganzen Umgebung, soweit war sein Ruf schon gedrungen. Es ist merkwürdig, Freund, aber ich habe es oft gefunden, so ungern jeder einzelne Mensch sich tadeln lafjt und sich unwillig gegen jede Rüge erhebt, die ihm ertheilt wird: so sehr liebt die Menge, sich in der Gesammtheit angedonnert, geschmäht und verurtheilt zu sehen. Vielleicht glaubt Jeder, daß es vorzugsweise feinem Nachbar gelte, und der Borwurf bei Dem und Jenem seiner Bekanntschaft angebracht sei, aber sie gehen Alle willig in oen Strom hinein und lasten sich in der Maste an die Ufer der Hölle spülen. Der Priester wie der Dichter verstehen es viel bester, das Fegefeuer als den Himmel zu schildern. Der Leiden und Strafen giebt es unzählige, der Freuden nur wenige für den Menschen. Paolo begann in seinen Fastenpredigten, die Bewohner meiner Vaterstadt als eine Versammlung der gräulichsten Sünder zu schildern. Da gab es kein Unrecht, kein Vergehen, besten sie sich nicht schuldig gemacht haben sollten, und er malte jedes Verbrechen mit so düsteren und saftigen Farben, daß den guten Leuten die Haare zu Berge standen. Vor Allem waren es die Sünden gegen den heiligen Geist, gegen die heilige Kirche, denen sie geftöhnt haben sollten, und je mystischer, unverständlicher hier seine Sprache wurde, desto tiefer wurden die Zuhörer ergriffen, desto verabscheuungswürdiger kamen sie sich selbst vor. Sie waren ja alle so naiv. Alle große Kinder, und kamen mit offnem Sinn und Herzen, als daß sie die furchtbaren Anklagen nicht für gerechtfertigt halten sollten, die der heilige Mann gegen sie schleuderte, der als Kind der Stadt sie am besten kennen und sie am wenigsten ungerecht behandeln müßte. Jetzt ging Paolo weiter. Die Sünde fordert die Strafe des Himmels heraus, die Rache des beleidigten Gottes, den Zorn der geschändeten Kirche. Diese Strafe wurde in gräßlichen Bildern ausgemalt, in den leiblichen Plagen, die in allernächster Zeit über die Stadt hereinbrechen werden, die Rache in der Höllenpein, der sie Alle anheimfallen würden, der Zorn in der Entziehung aller Tröstung, in dem Verschluß aller Gnadenschätze. Da kam Heulen und Zahneklappern über die geängsteten Zuhörer. Zuerst die Frauen, dann die Männer schlugen an chre Brust, fielen auf ihre Kniee, streckten die Arme wie um Gnade flehend, in die Höhe — da schloß plötzlich der Priester seine Rede mit einem donnernden „Verdammt," verschwand, und ließ die Unglücklichen im wilden Sturm ihrer Schrecken zurück... Freilich, wenn