Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-12-13 · Heft 50 (13.12.1870) · p. Seite 976

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 50 (13.12.1870)
Date
1870-12-13
Page
Seite 976 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226744-3226795--28991-3302867
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

976 eine völlige Umgestaltung Hervorbringen, sondern nur das allmälige Vorrücken in Leben und Geist. Wir verlassen uns hier besonders auf die Statistik der Schullabellen, und je mehr in diesen, namentlich den höheren Lehranstalten, die jüdische Jugend mit überwiegenden Zahlen erscheint, desto zuversichtlicher ist unsere Hoffnung für die zukünftigen Geschlechter. Denn das müffen wir uns doch, sowohl um der Gerechtigkeit als um der Erreichung des Zieles willen sagen, daß zur Besserung der socialen Verhältnisse nicht blos das Fortschreiten, die wachsende Entäußerung von Vorurtheilen auf der einen Seite führt und erforderlich ist, sondern auch und ganz besonders das sittliche und sociale Fortschreiten unsrerseits. Die frühere vollständige Ausschließung hatte auch große Besonderheiten in unserem Wesen und in unserer Erscheinung hervorgebracht. Als jene allmalig aufhorte, entstand aus dieser halben Stellung, aus dieser halben Freiheit, aus der Vereinigung von Borwartsstreben und Rückwärtsbleiben ein eigenthümliches Gemisch, Eigenschaften und Charakterzöge, welche in Gesellschaft und Leben auffallen mußten. Es ist dies ein culturhistorischer Proceß. Die gänzliche Ueberwindung aller Residuen ist es, welche unsere Aufgabe für die nächste Zukunft nach dieser Seite hin ausmacht, und je weiter wir hierin kommen, desto mehr werden die socialen Angriffe unserer Gegner veralten uud die Waffen, die sie aus diesen obsolet gewordenen Schilderungen und Witzen schmicken, abstumpfen; sie werden zuletzt sich selbst lächerlicher machen als die Juden, sie werden damit langweilen — und dann ist es mit ihnen zu Ende. Wer hierfür einen Beweis will, braucht nur auf die Sprache zu sehen, welche diese Leute den Juden in den Mund legen, und für welche sie die Modelle ans dem vorigen Jahrhundert holen müssen. Die Juden selbst haben diese Mundart verlernt, und ihre Kinder müffen sogar fragen, was das bedeute. So straft dann die Wirllichkeit die alten Gehässigkeiten immer mehr Lügen, und von innen heraus stirbt ab, was sich nach außen noch in gemachter Weise zu erhalten sucht. Wir glauben hiermit vorläufig schließen zu können. Allerdings bliebe uns noch der Einblick in das für uns wichtigste Gebiet übrig, die Aussichten für das innere Leben und Gestalten des Judenthums. Wir verweisen hierüber auf unsere Artikel über die „Gottesgemeinde." Gilt doch diesem Gegenstände unsere beständige Thätigkeit. Nur eine Bemerkung wollen wir noch hinzufügen. Was als Resultat aus diesen ausführlichen Betrachtungen hervorgeht, ist: daß aus einer so furchtbaren Erschütterung, aus einem so überwältigenden Ereigniß, wie dieser Krieg ist, doch nicht eine so außerordentliche Umgestaltung hervorgeht, wie man anzuvehmen geneigt ist. Ja, die äußeren Verhältnisse der Völker und Staaten werden in außergewöhnlicher Weise verändert; aber ein solcher Krieg treibt doch nur Gedanken zu einer festeren Gestaltung, die bereits vor ihm vorhanden waren, und stellt sie als Thatsachen hin, deren eigentliche Entwickelung, Sicherung und Wirksamkeit dem kommenden Frieden überlassen bleiben. Die Arbeit des Geistes daher wird von ihm nur insofern gefördert, als sie neue factifche Handhaben erhält, in der Tiefe jedoch knüpft sie nur da an, wo der Krieg sie unterbrochen hat. Die Lehre -es Zudeulhums von -er göttlichen Vergeltung. i. In einer Zeit großer politischer und kriegerischer Stürme, gewaltiger Bewegungen und Erschütterungen, einschneidender und umgestaltender Begebenheiten; in einer Zeit, wo Throne plötzlich zertrümmert werden, Völker von ihrem bisherigen Sockel heruntersteigen, Heere, an deren Fahnen lange Zeit der Sieg gefeffelt war, die Waffen strecken, und Personen, die gestern noch die höchsten Würden und Aemter bekleideten, heute in den Staub sinken — da geschieht es, daß das Wort „Vergeltung, gerechte Vergeltung, göttliche Vergeltung" auf allen Lippen schwebt. Unwillkürlich und mit vollem Bewußtsein sprechen die Menschen es aus, daß in den Geschicken, die vor ihren Augen sich erfüllen, daß in Sturz und Erhebung, in Niederlage und Sieg, in Schmach uud Ehre keine Zufälligkeiten liegen, sondern eine Fügung, durch welche eine sittliche Ausgleichung zwischen Ursache uud Wirkung, zwischen Absicht und Erfolg, zwischen Thal und Ausgang hergestellt werde. Ja, es ist kein Rachegefühl, keine Schadenfreude, welche die Menschen bei der Betrachtung solcher Vorgänge beseelt, sondern die Befriedigung, daß Frevel uud Sünde zuletzt doch nicht triumphiren, sondern unterliegen, daß das verletzte Recht zuletzt wieder hergestellt wird und als die überwältigende Macht zur Herrschaft gelangt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.