Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1870)
- Date
- 1870-12-13
- Page
- Seite 975 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226744-3226795--28990-3302866- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
975 aus eigenen Mitteln bestreiten. Sagt aber der Staat: „Die Volksschule muß confessionell sein und ist als solche cheils vom Staate, theils vdn der Ortscommune zu unterhalten" — so haben wir das volle Recht, auch für die jüdische Bevölkerung, so weit sie an einem Orte in genügender Zahl vorhanden ist, eine consessivnelle Schule zu fordern, welche theils vom Staate, theils von der Ortscommune erhalten werde. Dieses einfache Rechtsprincip ist auch in Preußen anerkannt worden, aber mit so vielen Klauseln und Bedingungen umschrieben, daß es zum großen Theile nur auf die gute Gesinnung der städtischen Behörden ankommt, wie weit demselben genügt werde, und diese Gesinnung findet noch an wenigen Orten in hinreichendem Maße statt. Der Friede nimmt also unsere Arbeit hierin gerade da auf, wo er sie gelassen, als er uns entschwand. — Aber auch nach einer anderen Seite werden wir ernstlich hingewiesen. Es versteht sich von selbst, daß der jüdische Theil der deutschen Nation mit demselben Eifer, mit derselben Begeisterung in den Kampf gezogen wie das gesammte Volk, und wie es ihrerseits bei unseren französischen Glaubensgenossen der Fall war. Beweis geben die vielen Jünglinge, welche, ohne verpflichtet zu fein, freiwillig in das Heer eintraten. Nicht minder erweist die beträchtliche Zahl von Soldaten und Aerzten jüdischen Glaubens, welche das eiserne Kreuz erhielten, daß sie es an Tapferkeit, Hingebung und Pflichttreue nicht fehlen lassen. In gleicher Weise haben die Juden aller Orten die vollsten Opfer patriotischer Wohlthatigkeit und Wirksamkeit dargebracht, und zwar zu einer Zeit, wo durch die Kriegscalamitat der Besitz geschmälert, der Erwerb verringert worden. Es ist dies Alles selbstverständlich, so daß dessen nur den Gegnern gegenüber erwähnt werden darf. Es liegt im Charakter der Juden ein Zug leicht erregten Enthusiasmus, der unschwer zu Opfern jeder Art hingerissen wird, und der sich recht wohl mit dem zerlegenden Verstände vereinigt, der uns gewöhnlich zugeschrieben wird. Trotzdem aber begannen schon bald nach den ersten Stadien des Krieges in deutschen Zeitungsblättern die Umtriebe gegen die Juden wieder. Mit cynischer Frechheit brachte irgend ein Blatt, und Zeitungen wie die „Neue freie Presse" und die „Kölnische" schämten sich nicht, es zu wiederholen, ein Histörchen, wie ein jüdischer Banquier 1000 Friedrichs'dor für den jüdischen Soldaten ausgesetzt, der einen französischen Adler erobern würde, und wie wirklich solches geschah, die Juden diesen Soldaten fetirten, er aber selbst gestanv, daß der Träger jenes Adlers auch ein Jude gewesen und ihn ihm für die Hälfte des Preises übergeben hätte. Inhalt und Form zeigten Jedem, der es nicht anders verstehen wollte, daß es einer jener faden Witze auf Juden sei. Man gab sich aber die Miene, als ob es wirklich geschehen, vbschon es von Anfang bis Ende erfunden war. Bon denjenigen aber, welche die Unwahrheit erkannten, kitzelte es doch Unzählige, daß so Etwas von den Juden erzählt wird. In einem anderen Blatte, der zu Breslau erscheinenden „Schlesischen Zeitung", entwirft ihr Feuilletonist „Pietsch" ein Zerrbild von den Lieferanten und Speculanten, die sich in Frankreich jetzt einfänden. Es versteht sich für ihn, daß dies nur Juden sind, daß sie alle mauscheln, und zwar in einer Weise, wie es eben nur noch die Herren Pietsch und Consorten thun, daß überhaupt alle deutschen Juden jetzt in Frankreich stecken, daß sie sich hier an Freund und Feind bereichern, so allein den Bortheil ziehen und deshalb sehr vergnügt seien. Solches Zeug bringt eine der großen Zeitungen Deutschlands, die sonst mit ihrem Liberalismus großthut, und viele andere erzählen es ihr wenigstens stückweise nach. Es giebt sogar deutsche Blätter, welche von ihrem principiell liberalen Standpuncte aus öfter die in ihren Rechten gekrankten Juden vertheidigen, von Zeit zu Zeit aber etwas Judengehässiges bringen, um nicht als den Juden ergebene Blätter zu erscheinen. Man nennt dies Diplomatie. — Wir führen dies an nur um anzudeuten, daß auch hier der Friede uns auf dem Standpuncte wieder findet, auf welchem wir vor dem Kriege gestanden, und daß die sociale Stellung der Juden nicht minder unsere emsige Förderung, unsere weiteren Anstrengungen verlangen wird, als früher. Allerdings verstehen wir dies nicht so, daß nicht diese Verhältnisse durch die Kameradschaft in Kampf und Gefahr, in Marsch und Lager unbewußt in Etwas gebessert und der Volksgeist darin allmälig rectificirt werde; nur nicht, daß wir einen völligen Umschwung zu erwarten gehabt und erlangt haben werden. Wir sind daher garnicht bange, daß, da so überaus Vieles seit Jahrzehenden auch in den socialen Verhältnissen der Juden besser geworden, der langsame, aber unablässige Fortschritt der Zeit das Seinige auch hierfür thun werde. Wir sagen absichtlich „der langsame;" denn gerade auf diesem Gebiete der Sitte und der Anschauung des gesammten Volkes kann keine einzelne Thatsache, und sei sie noch so groß, und keine einzelne Erkenntniß, und schneide sie noch so tief ein, 50*