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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-12-06 · Heft 49 (6.12.1870) · p. Seite 954

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 49 (6.12.1870)
Date
1870-12-06
Page
Seite 954 (sequence 2)
Language
German
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954 Analyse, aber keine Synthese. Um zur wahren Wissenschaft, d. h. zur Vorstellung vom Wesen des Gegenstandes, vom Leben desselben, wie es in dessen ganzem Organismus besteht und aus der Totalität in alle einzelnen Organe uberströmt, in seiner Bewegung, im Werden, Sein und Verändern, zu gelangen, kann jene Kritik keine Gelegenheit geben, dazu gehört der schöpferische lebendige Geist, der die zerlegten Theile wieder zusammenzufassen, die zersetzten Elemente wieder zu vereinigen, das Einzelne wieder in das Ganze einzufügen und das Ganze zu begreifen. versteht. Dies ist aber nun das vorherrschende Bedürfniß bei allen, auf die Religion bezüglichen Arbeiten. Hier ist das Leben Alles, und der Stoff hat keinen Werth, sobald er nicht von jenem durchdrungen ist. Worin hier der Geist der Erkenntniß und der Gottesfurcht nicht lebt und das Herz des Volkes nicht scklägt, das ist von untergeordnetem Werthe, mehr ein Gegenstand der Curiosität, als der Wissenschaft der Religion. Man mißverstehe mich nicht: es kommt nicht auf den Umfang und die Großartigkeit des Gegenstandes an; die kleinste Erscheinung kann von Bedeutung sein, insofern sie von religiösem Geiste beseelt, von ihm geschaffen ist oder bekämpft wird. Aber dies muß in ihr vorhanden sein, und von hier aus muß sie aufgefaßt werden. Aber um so mehr müssen wir auf die oben gezeichneten Momente bestehen, je näher wir den besondern Zwecken der jüdischen Gemeinden treten. Diese haben nichts als die Religion und nur die Religion zu ihrem Zweck und Inhalt. Was daher hier nicht religiös ist, läuft den Zielen und Interessen dieser Gemeinde entgegen. Hier vor Allem muß Gott vor uns stehen!- Was deshalb am widerwärtigsten und den Zwecken der jüdischen Gemeinde am meisten zuwiderlaufend ist, wir brauchen es kaum zu bezeichnen, es ist der Hader, der Zwist, die Spaltung, die Streit- und Zanksucht, wenn sie sich auf diesem Boden geltend macken. Es ist hier Zweierlei zu bedenken. Zuerst, was in Wirklichkeit die Religion vermindert und schwächt, stärkt und festigt sie nicht, was sie herabsetzt, erhöht sie nicht. Durch Zwist und Zank, durch Zwietracht und Aergerniß werden die religiösen Gefühle herabgebracht, das Ansehen und der Einfluß der Religion vermindert; der zänkische, streitende und eifernde Mensch ist kein religiöser, hat durchaus Gott nicht vor Augen und erhebt sich nicht zu Gott: es sind ganz andere Motive und Gefühle, die in ihm und ihn treiben. Andrerseits: die Religion soll vereinigen, und jede .Gemeinschaft beruht auf Vereinigung. Da nun aber die Menschen nicht nach der Schablone bestehen, Jeder seine Besonderheit hat und zu haben berechtigt ist, so kann auch in einer religiösen Gemeinschaft durchaus nicht auf völlige Uebereinstimmung aller ihrer Glieder gerechnet werden. Nun giebt es freilich Zeiten, in welchen die Unterordnung jedes Einzelnen unter die Gesammtheit eine so völlige ist, daß jenes vor dieser garnicht zum Vorschein kommt, sei es, daß die Gesammtheit die Mittel besitzt, alles Einzelne im Schweigen zu erhalten, oder daß eine Erlahmung des Geistes, eine Erstarrung eingetreten, daß im Einzelnen Verschiedenheiten höchstens in kleinen gleichgültigen , irrelevanten Dingen hervorgebracht werden. Sind solche Zeiten vorüber, ist eine neue Entwickelung eingetreten, hat sich der Geist der individuellen Freiheit und der Bewegung der Menschen bemächtigt, so wird diese Verschiedenheit zum Durchbruch kommen und sich nach allen Seiten Geltung verschaffen wollen. Dann freilich giebt es der Gegenstände des Streites in Fülle und werden von nicht geringer Bedeutung sein. Ihnen mit Bann und Fluch oder mit Zwang und Gewalt entgegenzutreten, wird nicht gelingen, und der Religion den tiefsten Schaden bereiten. Was kann hier anders im wahren Geiste der Religion und in dem wirklichen Charakter einer Genossenschaft, einer Gemeinde liegen, als statt des Zerfalls, der Spaltung, des persönlichen Haders die Vereinbarung festzuhalten, die Ausgleichung anzustreben, und die jedenfalls noch immer vorhandenen und das eigentliche Wesen der Religion betreffenden Momente der Uebereinstimmung als die unerschütterlichen Säulen der Gemeinsamkeit aufrecht zu erhalten! Nur dies heißt, Gott vor Augen haben, und nur da „steht Gott in der Gottesgemeinde!" Zu welchen Resultaten unter den verschiedenen örtlichen Umständen dieser Geist der wahren Religiosität, der Verträglichkeit und Ausgleichung auch kommen mag: er muß sich um des wirklichen Zweckes willen im Gottesdienste, im Unterrichts- und Armenwesen, diesen drei wesentlichen Zweigen der jüdischen Gemeinde, als Gottesgemeinde bethätigen. Dann werden sie auch im rechten Geiste geordnet werden und wirken. Daß diese nur dann blühen und reichliche Früchte tragen können, wenn die Glieder der Gemeinde voll Opferfähigkeit sind und die Bedeutung dieser Anstalten für das Heil Aller zu würdigen wissen, versteht sich von selbst. Wir brauchen es nicht zu sagen, wie gerade dem Israeliten unserer Zeit hierdurch schwere Opfer auserlegt werden.

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