Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1870)
- Date
- 1870-12-06
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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34. Jahrgang. Allgemeine 49. Zeitung -cS Zu-enthums. Ern ««parteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippfon in Bonn. Leipzig, den 0. December 1870. Inhalt. Leitende Artikel r Die Gottesgemeinde, ll. — Sammlung für im Kriege verunglückte Israeliten in Straßburg, Metz und Landgemeinden de« Elsaß und Lothringens. — Die deutsche Hauptschule in der Josepbstadt. — Lrterar. Wochenbericht: Bonn. Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Magdeburg , Glogau, Bleicherode, Oppeln, Bonn, Fürth. — Oesterr. -ungarische Monarchie: Wien, Brünn, Lemberg. — Fran kreich: Paris, Aus dem Oberelsaß. — Italien: Rom. — Nordamerika: Nerv-Hort. Fe«i1leto»-Bellage: Die französischen Juden. — Cnriosa. Notizen. — Jemen. Leitende Artikel. Bonn, 27. November. Die Gottesgememde. ii. In der Lösung aller dieser Aufgaben muß aber stets der Psalmspruch unsere Seele beherrschen: „Gott ficht in der Gottesgemeinde'." Dor der großen Sache, der wir dienen, vor der Erfüllung der Anforderungen, welche die eigene Ueberzeugung an uns stellt, vor der Begeisterung, welche jede Idee, die uns wahrhaft erfüllt, in uns erregt, muß jedes andere Interesse, jeder andere Zweck vor und aus uns entschwinden, und sich ganz besonders jede Rücksicht auf persönliche Borthelle und persönliche Ziele verlieren. Dann erst können wir hoffen, daß Gott vor unserer Seele steht in dem Werke für die Gottesgemeinde. — Wir wissen sehr wohl, daß wir allesammt Menschen sind, daß es in der Persönlichkeit des Menschen wie in seinen Verhältnissen liegt, daß er aus seiner Thatigkeit auch Erwerb und Ansehen ziehe, daß es daher ein überschwängliches Verlangen wäre, seiner selbst ganz zu vergeffen und jedes individuelle Jntereffe zu beseitigen. Nein! was wir zu erstreben haben, ist, daß das allgemeine Jntereffe mit dem unfrigen völlig verschmelze, daß wir aus der allgemeinen Sache ganz die eigene machen und unseren persönlichen Bortheil daher überall erst in zweiter oder dritter Linie dabei suchen und finden und stets da zurucktreten laffen, wo ein Consiict eintreten könnte. Freilich sind diese Worte kaum am Platze; denn wo Wahrhaftigkeit und Innigkeit vorhanden, wo das Herz dem Verstände sich vermahlt, da ergiebt sich dies von selbst; und wo dies nicht der Fall, laßt es sich mit aller Mühe schwer ersetzen. Jndeß damit der geschilderte Standpunct der wahre und alleinige Maßstab im Bewußtsein der Menschen bleibe, ist es doch nothwendig, daß es von Zeit zu Zeit immer wieder betont werde. So darf in der „Wissenschaft des Judenthums," d. h. in der wissenschaftlichen Bearbeitung des im Judenthume befindlichen Stoffes nicht jene Nüchternheit, jene kalte und nichts als kritische Behandlung die Oberhand gewinnen, welche, wie der Anatom mit dem Secirmeffer, der Chemiker mit der Retorte, den gegebenen Gegenstand nur als ein Object ihrer geistigen Thätigkeit, als einen Stoff ihrer Untersuchung tractirt. Auf jedem anderen wissenschaftlichen Gebiete mag diese strenge und kalte Kritik, die nichts als sich selbst zum Ziele hat, am Platze sein. Dennoch wird sie auch hier nur eine Dienerin des höheren Geistes abgeben. Denn sie ist nur