Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1870)
- Date
- 1870-11-29
- Page
- Seite 950 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226744-3226793--28963-3302831- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
950 mit meiner Mutter zu überlegen, was hier und da wohl anzubringen sei. Er blieb hierher stets innerhalb der Grenzen der strengsten Schicklichkeit, der sorgfältigsten Abgemeffenheit, und da er von vornherein allen Leuten den Zweck seiner Besuche mitgetheilt hatte, die nach und nach vollendeten Arbeiten zu Tage brachte und sich besonders mit den Kirchenvorstehern über alle Details unterhielt, so beruhigte sich auch meine Mutter und nahm die Dinge, wie sie wirklich schienen. Ja, es konnte nicht lange ausbleiben, und ihr Kunsttrieb nahm den lebhaftesten Antheil an den Aufgaben, die ihr gestellt wurden, und es blieb die Eitelkeit nicht aus, den Beifall der Kunstverständigen, die Bewunderung der Bewohner der Stadt durch die Erzeugnisse ihrer Hand zu gewinnen. Diese in meiner Mutter erwachte und wachsende Stimmung benutzte der Jesuitenzögling. Es war in der Seele der Künstlerin Etwas rege geworden, was bis dahin in ihr geschlummert, nämlich ihre Kunstarbeit nicht blos nach dem Gefühle, nach dem natürlichen Tacte zu fördern, sondern auch darüber eine Meinung zu haben, dieselbe zu besprechen und zu begründen, und eine Ahnung davon zu bekommen, daß es auch hierin Gesetze giebt, welche zu kennen und zu befolgen nützlich sei. Allmälig hatte der sehr unterrichtete und geistreiche Priester solche Gespräche anzuknüpfen gewußt, und meine Mutter gewann bald so vielen Antheil dafür, daß sie die Besuche jenes Mannes gern sah und sie, wenn er ausblieb, vermißte. Dies gab dann Paolo Gelegenheit, den gemessenen Ton, die strenge Zurückhaltung zu mildern und nach und nach in Vertraulichkeit zu gerathen, welche endlich auch zu Herzensergüssen führte. Man ging doch einmal wieder in die Zeit der fröhlichen Kindheit zurück und erinnerte sich der lustigen Spiele, der kleinen Nöthen und Aengsten, aus denen man sich gegenseitig herausgeholsen. Die Brücke war geschlagen, und nicht lange, so erzählte Paolo der Freundin von seinen späteren Erlebnissen, von der Oede und Einsamkeit, die er zn erleiden gehabt, von der Verlassenheit, in welcher er sich unter der Zucht strenger Regeln und unnachsichtlicher Lehrmeister während seiner schönsten Jugendjahre befand,- von der Einförmigkeit und Nüchternheit, in welcher seine dürstende Seele sich vergebens nach einem frischen Trünke aus der Quelle des Herzens sehnte. Die unbefangene, gefühlvolle, mitleidige Lelia, die ihren Jugendgespielen bewundern gelernt hatte, empfand ein herzliches Mitgefühl mit dem Geschick desselben, das er so rührend zu schildern wußte und doch so einzukleiden verstand, daß es als ein unwillkübrlicher, unbeabsichtigter, gelegentlicher Erguß erschien. Allein es blieb hierbei stets bei dem bloßen Anhören und dem Ausdruck des Bedauerns in Geberde und einem etwaigen Ausruf. Die jungfräuliche Natur dieses Weibes duldete nicht die geringste Annäherung, und kaum wagte der Priester, ihre Hand mit der seinigen zu berühren, als sich auch die unbewußten Zeichen der Zurückweisung kundthaten. Nun hat aber Alles in dieser Welt sein Ende. Die Kirche war endlich geschmückt genug, das Publikum hatte das Interesse dafür verloren, irgendwo in jener noch eine kleine oder große Zierde angebracht zu sehen, und dem Priester fehlte die Veranlassung, noch ferner bei der jüdischen Wittwe vorzusprechen. Hatte er die Absicht gehabt, bei dieser in ein immer engeres Berhältniß zu gerathen, sich in ihre Gunst so hineinzustehlen, daß sie in der Fortsetzung dieser freundschaftlichen Verbindung etwas Natürliches oder gar Erwünschtes fände, so hatte er sich gänzlich geirrt. Er mußte dies zu seiner tiefen Entrüiung, zu feinem bitter» Schmerze gewahren. Wochen vergingen, ohne daß er die Schwelle des kleinen Hauses überschritt. Da, an einem trüben Octoberabend, als ein schauriger und trockner Ostwind über die Campagna gegen die Abhänge des Gebirges und durch die Straßen von Tibur blies und heulte, trat Paolo in das Arbeitszimmer meiner Mutter. Er war in bürgerlicher Kleidung, aber Alles an ihm hatte ein verstörtes, leidenschaftliches Aussehen. Sein blasses Gesicht war von einer scharfen Röthe bedeckt, seine Augen sprühten Flammen. Lelia erhob sich sofort, legte ihre Arbeit auf den Tisch, ein Blick hatte ihr genügt, um den außergewöhnlichen Zustand des Mannes zu errathen und zu ihrem großen Entsetzen das Bild jenes schrecklichen Abends, das allzulange in ihrem Gedächtnisse geschlummert, ihr vor die Seele zurückzurufen. Doch schnell gefaßt, noch bevor Jener sich zu Worten zusawmengerafft, machte sie ihm eine steife Verbeugung und sprach mit frostigem Ausdrucke: „Ei, Herr Pfarrer, bringen Sie mir zu so ungewöhnlicher Stunde eine Bestellung?" Ein Schatten fuhr über das Gesicht Paolo's; die Rölhe stieg ihm auf die weiße, von kurzem schwarzen Haar umrahmte Stirn; er trat einige Schritte vor und sprach, Anfangs mit rauher, dann mit milder Stimme: „Nichts da, Lelia, mit Bestellung und Arbeit; ich habe den Priester ausgezogen, da ich heute zu Dir komme" — er griff zum ersten Male nach dem Du der Kindheit zurück — „die heuchlerische Maske muß endlich zwischen uns fallen, und ich will wissen, woran ich mit Dir bin'. Sieh, Lelia, ich habe Jahre lang nach dieser Stunde gestrebt und gerungen; endlich war ich so glücklich, wieder in Deine Nähe gekommen zu sein und den Weg zu Dir gefunden zu haben. Meinst Du, daß ich Dich jemals vergessen hätte? Wo wäre auf dieser Erde ein Wesen, das Dir gliche und Dich aus dem Herzen verdrängen könnte, darin Du einmal Platz genommen? Nie, nie wichest Du aus meinem Sinn, und je länger die Zeit sich dehnte, desto mehr beherrschte mich Dein Bild. Wenn ich anbetend vor der Muttergottes lag, nicht sie sah ich, sondern Dich, nicht an sie richtete ich mein Wort, sondern an Dich . . . Du fülltest mir die Kirche, Du den Gottesdienst, und wenn in stiller Nacht mein Haupt sich über die verstäubten Folianten und vergilbten Pergamente beugte, so trat Deine Gestalt vor mich hin und fesselte meinen Geist und verscheuchte den Inhalt dessen, worüber ich grübelte . . . Schüttle nicht den Kopf, Lelia; reiche mir Deine Hand. Ich verlange ja nichts als Deine Freundschaft, Dein Lächeln, Deinen milden Blick — Du sollst meine Trösterin wer-