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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-11-29 · Heft 48 (29.11.1870) · p. Seite 949

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 48 (29.11.1870)
Date
1870-11-29
Page
Seite 949 (sequence 25)
Language
German
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Allgemeine Zeitung -cs Zudenthums. Femlleton-Seilage zu Nr. 48. Leipzig, den 29. November 1870. Der taube Soldat. Eine Lebens- und Leidensgeschichte. (Fortsetzung.» Ich habe schon bemerkt, daß meine Mutter in der Kunst, mit Gold- und Silberfäden zu sticken, ausgezeichnet war. Auf Sammet, Seide oder Tuch stellte fie die prächtigsten Figuren, die schönsten Blumen und Arabesken mit freier Hand dar nach jeder Zeichnung, die man ihr vorlegte, und sie verstand es, Licht und Schatten durch die verschiedene Farbe des Goldes und Silbers, sowie dazwischen gelegte Seide, wiederzugeben. Für vie damalige Zeit war dies eine Kunst von großem Werthe, da Herren wie Damen viele gestickte Kleider trugen. Außerdem wurden die Zimmer und Säle, Sophas und Stühle mit den prächtigsten Stickereien geziert. Bor Allem aber entfaltete die Kirche einen Reichthum von Priestergewändern und Altardecken, an welchen jede Kapelle einen großen Borrath zu besitzen ihren Stolz setzte. Meine Mutter besaß deshalb in dieser Kunst einen großen Ruf in der Umgegend und wurde mit Aufträgen überhäuft. Bei Lebzeiten meines Vaters betrieb sie es nur als Nebenbeschäftigung, während sie es nach besten Tode zu ihrer eigentlichen Erwerbsquelle machte. Mit ihrem Manne wurde die Frage gründlich besprochen, in wie weit es ihr gestattet sei, Kirchenparamente mit Stickereien zu versehen, ohne das Gesetz zu verletzen, und mein Vater hatte, wahrscheinlich nach Rücksprache mit den Rabbinen in Rom, sie dahin beschieden, daß sie nur Darstellungen der von der christlichen Kirche als göttlich verehrten Persönlichkeiten und des eigentlichen Symbols des Christenthums zu vermeiden habe; sonst wäre es gleichgültig, für welchen Zweck die Stickerei bestimmt sei. Meine strenggläubige Mutter richtete sich gewistenhaft nach dieser Entscheidung, ja mit peinlicher Sorgfalt, was sie auch schon darum gethan hätte, weil mein Vater es so bestimmt, denn jedes Wort desselben war ihr heilig. Kurze Zeit nach jenem Vorfälle am Schwefelsee erschien Paolo im Hause meiner Mutter. Er gab vor, in seiner Kirche Vieles vernachlässigt gefunden zu haben, und wollte den alten Glanz derselben wiederherstellen, selbst mit Opfern aus eigenen Mitteln, die in der That nicht unbedeutend waren. Denn zu dem sckönen Vermögen, das ihm der alte Lamberti hinterlaffen, waren, wie man sich erzählte, große Summen gekommen, die der bedürfnißlose Paolo in seiner bisherigen Stellung gesammelt hätte. Denn bei aller Ehrfurcht, die man vor seiner Gelehrsamkeit, Frömmigkeit und Sittenstrenge hatte, die Neigung zur Wohlthätigkeit wollte man bei ihm vermißen, und wo es derartige Werke galt, benutzte er die Beutel Anderer mehr als den seinigen. Meine Mutter erschrak, als sie ihn plötzlich bei sich eintreten sah. Man kann viele Jahre an Vorgänge nicht denken, die einen tiefen Eindruck gemacht, daß der Staub der Vergessenheit sich hoch darüber gelagert zu haben scheint, bis ein Augenblick diesen gänzlich hinwegzuräumen vermag, daß das Bild aus früherer Zeit mit all' seinen Schrecken oder seinem ganzen Lichtglanze wieder erstanden ist. Meiner Mutter stand plötzlich der Paolo jenes Abends vor seiner Priesterweihe und sein grimmiger Blick am Morgen derselben ungeschwächt vor der Seele. Aber die Unbefangenheit, gepaart mit zurückhaltendem Stolze, welche Paolo in seiner Erscheinung wie in feinem Gespräche zeigte, gab ihr schnell die gewohnte Ruhe zurück. Es handelte sich um einigen Kirchenschmuck, den er von ihrer kunstgeübten Hand gefertigt wünschte, und bei welchem er mit feinem Tatte Alles vermied, was die Jüdin auszuführen ablehnen konnte. Vergebens sträubte sich meine Mutter, die Bestellung anzunehmen, und schützte die Menge der Aufträge vor, die sie eben jetzt angenommen und die ihr die Ausführung neuer für lange Zeit unmöglich machten. Er wußte mit solchem Nachdruck, ohne irgendwie gebieterisch zu erscheinen, geltend zu machen, was sie ihrer Vaterstadt schuldig sei und wie diese auf ihre Mitwirkung bei dem die ganze Stadt ehrenden Unternehmen rechne und dafür dankbar sein würde, daß es meiner Mutter ganz unmöglich wurde, auf ihrer Weigerung zu beharren. Es hätte geradezu wie ein offner Bruch und eine eigensinnige Gehässigkeit ausgesehen, und dies durfte sie nicht wagen. Mit tiefem Widerwillen und voll böser Ahnungen willigte sie also endlich in die Uebernahme des Auftrages, obschon sie voraussah, daß sie dadurch Paolo viel zu oft in ihrem Hause sehen würde. Dies letztere erfüllte sich denn auch, denn an Borwanden fehlte es ihm nicht, den Fortgang der Arbeit zu beobachten, bald hier, ball) dort seinen Rath zu ertheilen und Anweisung zu geben untz

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