Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1870)
- Date
- 1870-11-29
- Page
- Seite 942 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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942 der Einnahme Saarbrückens durch die Franzosen zu förmlichen Bacchanalien gekommen ist. Ebensowenig ist es ein Geheimniß, daß der Statthalter Graf Berg es für nöchig fand, den Officieren Warschaus zu bedeuten, daß ihre in aller Oeffentlichkeit und Lebhaftigkeit zu Tage tretenden Sympathien für Frankreich mit der von der russischen Regierung beobachteten Politik der strengsten Neutralität sich nicht vertrügen, weshalb er ihnen eine größere Mäßigung und Vorsicht in ihren politischen Gefühlsäußerungen anempfehlen müffe. Wenn also die Juden russisch Polens oder Rußlands überhaupt mit ihren Sympathien auf Seiten Frankreichs stehen, so befinden sie sich eben nur unter dem mächtigen Eindruck der allgemeinen Strömung, die schon deshalb eine Frankreich entschieden günstige ist, da ja, wie bekannt, in allen vornehmeren, polnischen wie russischen Cirkcln der französische Geist vorwiegend dominirt, französische Sprache und französische Sitten mit Vorliebe gepflegt werden, während Deutschland fast nur dem Namen nach, als geographischer Begriff, bekannt ist.*) Man hat sich demnach über die in Rede stehende Gefühlsrichtung der Juden in den russischen Provinzen durchaus nicht zu wundern, nur das Gegentheil wäre als bemerkenswerth zu registriren gewesen. Allerdings kommt, was wir der Gerechtigkeit wegen nicht unerwähnt lassen dürfen, noch hinzu, daß die Juden in Polen und Rußland ihre Glaubensgenossen in Frankreich zu den Bekennern der anderen Confessionen vollständig gleichgestellt, ja in den höchsten Civil- und militärischen Aemtern wissen, während es ihnen nicht unbekannt ist, in welch' kleinlicher Weise in Deutschland den tüchtigsten Männern mos. Religion so gut wie jede Staats-Carriere abgeschnitten ist, und zwar nur aus dem Grunde abgeschnitten ist, weil sie — Juden sind. Ist dies auch für die deutscben Juden**) kein Grund, ihr Vaterland weniger zu lieben, so ist es doch wahrhafttg einem *1 Hoffentlich wird es damit jetzt, da Deutschland in eine neue, großartige Geschichtsphase tritt, ganz anders werden! **) Wie ja auch, was übrigens kaum erwähnt zu werden braucht, die in den russischen Ländern zahlreich lebenden deutschen Juden durch reiche Geldsendungen u. s. w. ihre patriotischen Gefühle für die große Sache der Vaterlandes gleich beim Beginn des Krieges iu unzweideutiger Weise bekundeten und unausgesetzt bekunden. Neutralen nicht zu verdenken, am allerwenigsten aber gar als „Schwindel" anzurechnen, wenn er für dasjenige Land mehr fühlt, in welchem die Religion, zu welcher er sich bekennt, von Seiten der staatlichen Autorität derselben Achtung und Beachtung sich erfreut wie die übrigen Bekenntnisse! Würde der Herr Correspondent der „Ostsee-Zeitung" anders denken und fühlen, wenn er z. B. weder Deutscher noch Franzose wäre, seine protestantischen Glaubensgenoffen in Frankreich aber größere Rechte besäßen als die in Deutschland? — Also Unparteilichkeit, Hr. Correspondent der „Ostsee-Zeitung"! Keine böswillige Verdrehung der thatsächlichen Verhältnisse! keine gehässigen Denunciationen!*) Bon der Weichsel, 15. Nov. (Privatmitth.) Wenn die Correspondenz der,Ostsee-Zeitung" wiedergegeben in Nr. 45 d. Bl., von französischen Sympathien und deutschen Antipathien in der jüdischen wie nichtjüdischen Bevölkerung Polens berichtet, so will ich nicht leugnen, daß dieselben vorhanden sind; doch gestatten Sie mir, Ihre Bemerkungen ergänzend, die falsche Motivirung des ged. Correspondenten zu beleuchten. Ich lebe längere Zeit in Polen und habe Gelegenheit genug, mit Gliedern aller Stände und Klassen in Berührung zu kommen, sie zu beobachten und kennen zu lernen. Es ist durchaus unrichtig, wenn man den *) Was es übrigens mit den, vom Corresp. der „Ostsee-Zeitung" erwähnten, für die Siege Frankreichs veranstalteten jüdischen Gottesdiensten auf sich hat, weiß derjenige, der überhaupt mit der Natur derselben in wenig civilisirten Ländern bekannt ist, am besten zu beurtheilen. Denn da der dem besseren Geschmacke der Zeit noch nicht angepaßte jüdische Gottesdienst die Andacht der in der Synagoge Versammelten nicht unausgesetzt in Anspruch nimmt, so werden die größeren oder kleineren Pausen durch nachbarliche Gespräche über die brennenden Tagesfragen, die oft schon lange vor Oeffnung des Gotteshauses, auf dem „Schulhofe" in stärkeren Gruppen eifrigst discutirt worden sind, ausgefüllt. Diese Art des jüdischen Gottesdienstes, die man namentlich an den viel Muße gewährenden Sabbathen, Fest- und Feiertagen zu beobachten Gelegenheit hat, wird vielleicht einigen russischen Behörden — daß nicht allen, kann der Schreiber dss. aus eigener Erfahrung berichten — sowie dem Hrn. Corresp. der „Ostsee-Zeitung" als jüdischer Gottesdienst, abgehalten, „um den Segen des Himmels auf die französischen Waffen herabzuflehen, erschienen sein.